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Gedenkstein
Der umstrittene Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division ist immer wieder auch Angriffen seiner Kritiker ausgesetzt. (Foto: A/be)

Schwierige Entscheidung über das Unbegreifliche

Lüneburg. Wie erklärt man, was für viele unerklärlich ist? Vor diese Aufgabe sah sich der Kulturausschuss der Stadt in seiner jüngsten Sitzung gestellt. Er musste darüber befinden, wie das Vorhandensein des umstrittenen Gedenksteins für die 110. Infanterie-Division auf einer Hinweistafel textlich dargestellt werden kann. Darin eingebettet die zentrale Frage: Welche Erinnerungskultur soll in Lüneburg gepflegt werden? Zur Diskussion standen zwei Textentwürfe.

„Wir haben uns für die Textfassung der Arbeitsgruppe entschieden“, erläuterte die Ausschussvorsitzende Birte Schellmann (FDP) nach der Sitzung. Vorgelegt hatte den Entwurf eine Arbeitsgruppe, an der neben Schellmann auch Ernst Bögershausen (Grüne), Sonja Jamme (CDU), Friedrich von Mansberg (SPD), Peter Raykowski (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – VVN), Maren Hansen (Geschichtswerkstatt), der frühere Pastor Folker Thamm sowie die Leiterin des Museums Lüneburg, Heike Düselder, teilgenommen hatten. Ihre Aufgabe: die Überarbeitung des bestehenden, von der Manzke-Friedensstiftung verfassten und ebenfalls umstrittenen Textes, ebenso des zwischenzeitlich von der Verwaltung vorgelegten Entwurfs.

VVN legt eigenen Entwurf vor

„Wir haben uns mehrfach getroffen und den Text immer wieder überarbeitet“, sagt Friedrich von Mansberg. Anders als zuvor wurde dabei auch auf die Kriegsverbrechen der 110. Infanterie-Division bei ihrem Einsatz in Ozarichi in Weißrussland eingegangen. Aufgenommen wurden zudem die Äußerungen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich seines Besuchs am 29. Juni in Weißrussland, bei dem dieser über die Erinnerungskultur in Deutschland gesprochen hatte.

Die VVN konnte sich dem Entwurf dennoch nicht anschließen. Peter Raykowski bezeichnet es als unverständlich, „dass die Stadt auch dieses Mal wieder davor zurückschreckt, sich selbst ohne Wenn und Aber von den Verbrechen der 110. ID zu distanzieren“. Ebenfalls kritisiert er, dass die Texttafel nicht als eigenständige Tafel der Stadt, sondern weiterhin unter dem Namen der „Manzke-Friedensstiftung“ veröffentlicht werde. Die VVN legte daraufhin einen eigenen Entwurf vor.

In der Beschreibung der Fakten seien beide Entwürfe zwar „nicht sehr weit auseinander gewesen“, erklärt von Mansberg. Wegen ihrer Länge und des „anklagenden Charakters“ habe sich der Ausschuss letztlich aber gegen die VVN-Fassung entschieden.

Endgültiger Text durchs Forum Erinnerungskultur

Abgelehnt wurden auch zwei Anträge von David Amri (Linke), in denen er die Intention der VVN-Kritik aufnahm. Amri hatte vorgeschlagen, die Entschuldigung von Oberbürgermeister Ulrich Mädge gegenüber Überlebenden der Todeslager in Ozarichi in den Text für die Hinweistafel mit aufzunehmen und den Text losgelöst von der Manzke-Friedensstiftung auf einer eigenen Tafel der Stadt darzustellen. „Ich hätte mir eine deutlichere Distanzierung von der Inobhutnahme des Steins durch die Stadt gewünscht. Dazu bedarf es einer städtischen Tafel. Der Friedenspfad als Privatprojekt kann dies nicht leisten und ist für mich insgesamt infrage zu stellen, weil er die Täter-Opfer-Perspektive verkehrt“, erklärte Amri im Nachgang.

Trotz der jetzt – bei einer Enthaltung von David Amri – einstimmig getroffenen Entscheidung versteht der Ausschuss den nun verabschiedeten Text als „Interimslösung“, wie von Mansberg erklärt. „Letztlich soll das künftige Forum Erinnerungskultur darüber befinden, denn es ist ja gerade die Aufgabe dieses Forums, die Position der Stadt unter breiter öffentlicher Beteiligung zu formulieren.“

Hier die Textentwürfe der Arbeitsgruppe und der VVN als PDF zum Download.

Von Ulf Stüwe

3 Kommentare

  1. von mansberg liegt falsch. ich möchte ihm keine absicht unterstellen, aber manzkes friedensstiftung ist am ende privat. die stadt tritt öffentlich auf und hat hier eine besondere verantwortung.

  2. Gedenken ja aber bitte nur an Sachen und Taten die in sind ein hoch auf die Toleranz. Im übrigen warum versuchen die Toleranten ständig ihre Meinung anderen aufzudrängen.

    • Thomas, es geht nicht um „Meinungen“, sondern um wahre Sachverhalte (= Tatsachen).

      Wer sind denn „die Toleranten“?

      Und wäre es Ihnen lieber, die Intoleranten würden Ihnen (und anderen) ihre Meinung aufdrängen?