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Billiges Kokain kommt in die Stadt. Das lockt Junkies aus Hamburg an. Doch wer sind die Lieferanten? (Foto: dpa)

Lüneburger Koks-Boom

Lüneburg. Im Mittelalter sprach man an der Ilmenau vom weißen Gold, heute ist in einschlägigen Kreisen von einem anderen weißen Kristall die Rede: Kokain. Die Droge ist im Clamartpark deutlich günstiger zu haben als in Hamburg. Die Polizei greift bei Kon­trollen immer wieder Süchtige auf, die von der Alster als ein wenig andere Tagestouristen in die Stadt kommen, um sich mit Nachschub zu versorgen. Ermittler gehen davon aus, dass einheimische Dealer mit ihren Discountpreisen Kunden locken.

„Wir haben hier mehr Menschen, die ihre Bleibe verloren haben. Darunter auch einige, die bislang wenig mit der Szene zu tun hatten.“
André Pluskwa, Mitarbeiter der Herberge

Die Marktoffensive hat Folgen. Von Polizei und Drogenberatungsstelle (drobs) heißt es übereinstimmend, dass man mehrmals Menschen gefunden habe, die an einer Überdosis Kokain gestorben sind. „Das waren erfahrene BTMer“, sagt Hauptkommissar Kai Richter. BTM ist innerhalb der Polizei das Kürzel für Betäubungsmittel. „Die Qualität des Stoffes ist eine andere als in der Vergangenheit.“ Ergo: Die Konsumenten haben sich verschätzt – mit tödlichen Folgen.

Was wurde beigemengt?

Gudrun Mannstein, Leiterin der drobs, ergänzt: „Das Tückische ist, wir wissen nicht, was dem Stoff beigemengt ist.“ Wie auch andere hat sie den Eindruck, dass die Szene seit Herbst vergangenen Jahres einen „Boom des Kokains“ erlebe. Anders als im Krimi schnupfen Abhängige das Pulver nicht unbedingt, sondern sie verflüssigen und spritzen es. Verunreinigte Spritzen verursachen bei manchem Abszesse: „Das bekommen wir als Rückmeldung von Medizinern.“ Auch erzählten die Junkies, dass mehr und anderer Stoff unterwegs sei. Neben dem Straßenverkauf vermutet die Sozialarbeiterin eine weitere Bezugsquelle: das Internet.

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Menschen sind im Bereich der Polizeiinspektion Lüneburg im Jahr 2017 an einer Überdosis gestorben, in diesem Jahr sind es bislang zwei.

Streetworker berichten, dass mit dem Koks neue Probleme kommen. Es mache aggressiv: „Die Leute wirken wie getrieben.“ Daher verlieren Junkies ihre Schlafplätze bei Freunden, die das Verhalten nicht mehr hinnehmen wollen. Um die Sucht zu finanzieren, brauchen die Junkies Geld. Die Einschätzung auf der Straße: In Läden wird mehr geklaut, Fahrräder – so etwas wie eine zweite Währung im Milieu – werden gern gestohlen.

Wie zur Bestätigung berichtete die Polizei gestern, dass sie bei Kontrollen im Milieu aktuell bei Betroffenen Drogen und ein Fahrrad sichergestellt haben.

Spur nach Holland?

André Pluskwa, Mitarbeiter der Herberge beim Benedikt, sagt: „Wir haben hier mehr Menschen, die ihre Bleibe verloren haben. Darunter auch einige, die bislang wenig mit der Szene zu tun hatten.“ In der Herberge habe man mindestens einen Klienten gehabt, der an einer Überdosis litt: „Den konnten wir aber retten.“ Die Sozialarbeiter versuchen zu helfen: Sie vermitteln in die Entgiftung in der Psychiatrischen Klinik, hoffen, Leute über die Substitution, also mit Ersatzstoffen, weg von den harten Drogen zu bekommen. Indes, der Erfolg sei überschaubar.
Woher das billige Kokain stammt, ist unklar. Allerdings gibt es Vermutungen, in denen spielen einige Namen eine Rolle, die immer wieder mit kriminellen Machenschaften auffallen. So scheint eine Spur nach Holland zu weisen. Als es Anfang April zur Schießerei in Kaltenmoor kam, soll es im Hintergrund um fehlgeschlagene Drogengeschäfte gegangen sein. Wie berichtet, sollen mindestens zwei 22 und 25 Jahre alte Männer am St.-Stephanus-Platz mehrmals aus einem Audi he­raus auf ein halbes Dutzend Männer geschossen haben, ein Opfer erlitt schwere Verletzungen.

Täter und Opfer, so heißt es aus Polizeikreisen, waren ansonsten verbandelt. Aber als Drogenkuriere Wochen zuvor an der deutsch-holländischen Grenze von der Bundespolizei und dem Zoll geschnappt wurden und die Beamten Drogen und mehrere Tausend Euro sicherstellten, soll die Allianz einen Riss bekommen haben. Irgendwer konnte nicht liefern, was er versprochen hatte.
Wie belastbar das ist, bleibt offen. Offiziell nimmt die Polizei dazu keine Stellung. Pressesprecher Richter kündigt lediglich an, dass seine Kollegen weiterhin verstärkt auf Kontrollen setzen: „Wir haben die Szene im Blick.“ Und sicher auch die Lieferanten, die man im Hintergrund vermutet.

Von Carlo Eggeling

9 Kommentare

  1. Diese Typen als einheimische Dealer zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück. Naja die Polizei wird es schon richten.

    • In dringenden Fällen "110" wählen!

      Herr Eggeling schreibt im kontrafaktischen Konjunktiv und benutzt oft das einschränkende Modalverb „sollen“, womit er ausdrückt, dass er sich für die Wahrheit dessen, was er hier als Nachricht, Information o. Ä. weitergibt, nicht verbürgt. Er betont explizit: „Wie belastbar das ist, bleibt offen.“ Auch die Polizei „nimmt offiziell keine Stellung“.

      Nur Sie, Klaus, Sie wissen wieder ganz genau Bescheid?

      Warum halten Sie mit Ihren Spezialkenntnissen hinterm Berg? Warum rufen Sie nicht sofort bei Robert Kruse, dem Präsidenten der Polizeidirektion Lüneburg an und setzen ihn und seine Leute präzise über alle Einzelheiten ins Bild?

      • Herr Eggeling schreibt im kontrafaktischen Konjunktiv und benutzt oft das einschränkende Modalverb „sollen“, womit er ausdrückt, dass er sich für die Wahrheit dessen, was er hier als Nachricht, Information o. Ä. weitergibt, nicht verbürgt.

        warum schreibt ein journalist dann, wenn er nichts genaues darüber weiß? aus der not heraus? es muss ja was geschrieben werden?davon muss man ja leben? viele menschen lesen und verstehen es oft nicht genau.

      • In dringenden Fällen „110“ wählen!
        weiß der bürger immer, was ein notfall ist? das gesundheitswesen bestreitet es und will 50 euro eintritt.

        • Hier wird scheinbar etwas durcheinander gebracht. Die 110 ist der Notruf der Polizei. Bei medizinischen Notfällen ist die 112 zu wählen.

          Dort wird bereits am Telefon einiges abgefragt. Erscheint dann ein Rettungseinsatz notwendig werden die Sanitäter und ggf. ein Arzt vor Ort beurteilen ob es sich um einen echten Notfall handelt der eine Einlieferung in die Notfallaufnahme im Krankenhaus erforderlich macht. M.W. fällt dann keine Selbstbeteiligung von 50 Euro an.

          Ohnehin bin ich mir nicht sicher ob das bislang nur in der Diskussion ist oder schon beschlossen. Und dann ist mein Informationsstand dass diese Eigenbeteiligung nur für Personen gelten soll die eigenmächtig die Notfallaufnahme aufsuchen.

          • Oscar
            dieses ist mir alles bekannt. sie haben mich wohl nur nicht richtig verstanden. was meinen sie wohl, wer alles die falsche telefonnummer wählt, wenn es um einen angeblichen notfall handelt? noch wird über die 50euro ,,eintritt“ diskutiert. betonung liegt auf noch.

        • Vielleicht ist es erlaubt diesen Link mal zu setzen. Er führt auf die Seite von NDR.de. Danach ist eine Eigenbeteiligung bei aufsuchen der Notaufnahme in einem Krankenhaus ganz offensichtlich nur in der Diskussion. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Gebuehr-fuer-Notaufnahme-Vorstoss-entfacht-Debatte,notaufnahme270.html

          Also bitte etwas vorsichtiger mit derartigen Äusserungen Herr Bruns.

          • Grundsätzlich wollen wir in der Tat keine Links, in Ausnahmefällen lassen wir das aber zu.
            bol/LZonline

  2. Sehr gut recherchierte Story die ein wenig an ein Krimi erinnert Koks preiswert wie noch nie aber oh fuck es ist keiner. 🙂