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Ärztemangel
Dr. med. Marina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, und Dr. med. Johannes Herzog, Vorsitzender des Lüneburger Bezirks der Ärztekammer. (Foto: t&w)

„Bürgernahe medizinische Versorgung ist gefährdet“

Lüneburg. Wenn sich Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, aufmacht, um ihren elf Bezirksstellen den Puls zu fühlen, kennt sie die Diagnose eigentlich schon: „Wir haben große Nachwuchsprobleme“, sagt Dr. Johannes Herzog, Vorsitzender des Lüneburger Bezirks, und fährt fort: „Sowohl bei den Allgemein- als auch bei den Fachärzten.“ Die Ursache der Krankheit liege auf der Hand, assistiert Wenker: „Wir haben über Jahre zu wenig Ärzte ausgebildet. Beendeten im Bund einst noch 16 000 Ärzte jährlich ihr Studium, sind es heute nur noch 9000. Jedes Jahr gingen in Niedersachsen 1000 Ärzte in den Ruhestand und nur 600 Studienabsolventen rückten nach. Schon jetzt würden viele Kollegen weiter praktizieren, obwohl sie die Altersgrenze längst erreicht hätten. Herzogs Prognose klingt alarmierend: „Geht es so weiter, ist die nahe Versorgung in der Fläche gefährdet.“

Im Konferenzraum der LZ nickt die Medizinerin. Sogar bei der Therapie geht die zweite ärztliche Meinung in dieselbe Richtung. „Wir brauchen bis zu 250 Medizin-Studienplätze in Niedersachsen, 2500 im Bund.

Das würde keine billige Angelegenheit, warnt sie. „Jeder Medizinstudienplatz kostet 250 000 Euro.“ Hinzu kämen Kosten, um den Arztberuf attraktiver zu machen, etwa über die Option in Teilzeit gleichzeitig Eltern und Ärzte sein zu können. Doch moralisch stehe ein so reiches Land wie Deutschland in der Pflicht, sagt Wenker, die auch Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer ist. „Wir können nicht einfach Ärzte aus ärmeren Ländern abwerben, wo sie dringend gebraucht werden.“

Was Dr. Martina Wenker über eine gerechte Medizin, die Landärztequote und aktive Sterbehilfe denkt, lesen Sie am Freitag im Interview der Woche.

Von Joachim Zießler