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Proteste der rechten Szene in Chemnitz. Foto: Jan Woitas, dpa/RND

Feindbild Journalist?

Lüneburg/Chemnitz. In einer Regierungserklärung hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Mittwoch Berichte über die Ausschreitungen in Chemnitz kritisiert. Einen Mob und Hetzjagden hätte es nicht gegeben, die Sicherheit sei trotz Unterbesetzung durch die Polizeikräfte gewährleistet gewesen.

In der vergangenen Woche war in Chemnitz ein 35-jähriger Deutscher erstochen worden. Daraufhin gab es Demonstrationen und Aufmärsche von rechten Gruppen sowie Gegendemonstranten. Es kam zu rassistischen Übergriffen, mehrfach wurden auch Journalisten attackiert, darunter Politikredakteur Jan-Henrik Wiebe. Im LZ-Interview berichtet der Lüneburger von seinen Erlebnissen vor Ort, von einer neuen Qualität der Gewalt gegenüber Journalisten und von seiner Einschätzung der Situation in Sachsen.

Jan-Henrik Wiebe, Politikredakteur
Foto: t-online

Herr Wiebe, die Atmosphäre in den Straßen von Chemnitz am Wochenende wurde von Augenzeugen und Medien sehr unterschiedlich geschildert. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?
Ich habe mir am Samstag zunächst den Gegenprotest angeschaut, der früher gestartet ist, und habe dort ein eher fröhliches Bild wahrgenommen. Anschließend bin ich hinüber zum Karl-Marx-Kopf gegangen, wo sich die Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ gesammelt hatte. Diese Gruppierung war deutlich radikalisiert, durch Szenekleidung und Tätowierungen dem Neonazi- und Hooligan-Spektrum zuzuordnen. Ihre Versammlung wurde in dem Moment aufgelöst und die Leute haben sich AfD und Pegida angeschlossen. Während die jedoch eher versucht haben, einen ruhigen Trauermarsch durchzuführen, waren die „Pro Chemnitz“-Anhänger weiterhin laut. Die breite Mitte hat sich bei der Demonstration weniger gezeigt. Es gab zwar einige Zuschauer, aber Nebenstraßen waren zum Teil menschenleer, das war schon gespenstisch.

Haben Sie mit beiden Seiten sprechen können und welche Anliegen haben sie dabei herausgehört?
Mit den rechten Gruppierungen konnte ich nicht sprechen, weil sie gegenüber der Presse sehr feindseelig waren. Mit Teilnehmern der Gegendemo konnte ich mich unterhalten. Da gab es zum Beispiel einen gebürtigen Chemnitzer, der extra aus Berlin in seine alte Heimat gekommen ist, um dort für ein anderes Chemnitz Gesicht zu zeigen. Ein weiterer junger Mann war mit den Jungsozialisten aus Marburg gekommen, um für die demokratischen Werte auf die Straße zu gehen.

Für das Nachrichtenportal t-online.de berichtete Jan-Henrik Wiebe am Wochenende live aus Chemnitz:

Sie sind selbst von rechten Demonstranten angegriffen worden. Was genau ist passiert?
Nach der offiziellen Demonstration sind viele der bürgerlichen Teilnehmer nach Hause gegangen, knapp 2000 Anhänger der rechtsradikalen Szene aber sind geblieben. Einen Hitlergruß habe ich an diesem Tag nicht gesehen, aber es fielen Rufe wie „Frei, sozial und national!“, mit denen die Rechten den Nationalsozialismus zurückfordern. Die Stimmung wurde sehr aggressiv, die Leute wollten weiter in Richtung der linken Demo laufen, aber die Polizei hat ihnen den Weg versperrt. Die Beamten waren total überfordert, die Demonstanten haben die Wasserwerfer umlaufen und mich und andere Journalisten eingekesselt. Ich wurde von hinten geschubst, von der Seite hat mir jemand das Mikrofon von der Kamera geschlagen. Körperlich ist mir zum Glück nichts weiter passiert, aber der Schreck war in diesem Moment groß.

Viele Journalisten haben die Polizei kritisiert, sie hätte in diesen Momenten nicht ausreichend eingegriffen. Haben Sie die Beamten um Hilfe gebeten und haben Sie Hilfe erfahren?
Die Polizei kam in diesem Moment schon angelaufen und hat versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Ich habe dann einen Beamten höheren Ranges angesprochen, aber der redete nur in sein Funkgerät und wirkte ziehmlich überfordert. Ich werde aber noch Anzeige gegen die Angreifer erstatten.

Auf Twitter: Der Angriff auf Jan-Henrik Wiebe wurde von einer „Buzzfeed“-Redakteurin gefilmt und veröffentlicht:

Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer belächelt in seiner Kolumne die Empörung der Journalisten über die Vorkommnisse in Chemnitz und fragt: „Wann sind wir so zimperlich geworden?“ Was sagen Sie dazu?
Ich würde Herrn Fleischhauer gern einladen, mal einen Fotografen oder Kameramann auf eine Demonstration zu begleiten. Aus seinem Literatursalon heraus ist es sehr bequem, zu urteilen. Auf der Straße sieht die Sache anders aus.

Hat die Gewalt gegenüber Journalisten mit Chemnitz eine neue Qualität erreicht?
Ich denke ja. Ich habe vor einigen Jahren auch schon in Lüneburg von Demonstrationen linker und rechter Gruppierungen berichtet. Dabei ist mir nie etwas passiert, die Stimmung war nicht so aufgeheizt und die Presse war nie das Ziel der Anfeindungen. Das war in Jena bei den Aufmärschen von Björn Höcke und der Thüringer AfD im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 schon anders. Dort wurde ich auch schon angefeindet, das war bereits ein ganz anderes Klima. Einmal wurde ich auch angegriffen, dort hatte ich aber keinen Materialverlust und ein Polizist war sofort zur Stelle. Außerdem war ich damals ein Einzelfall. Vergangenen Samstag sind viele Kollegen ebenfalls attackiert worden, das ist eine komplett neue Dimension. Das zeigt, dass Journalisten für Rechtsextreme zum Feindbild und zum Ziel von Angriffen geworden sind.

Werden Sie trotzdem weitermachen?
Natürlich. Ich glaube, es ist wichtig zu zeigen, wie angespannt die Lage in Teilen unseres Landes ist. Das muss man in Bild und Ton festhalten, damit die Menschen verstehen, was dort vor Ort geschieht.

„Wir müssen aufstehen und für unsere Demokratie einstehen.“  – Jan-Henrik Wiebe, Politikredakteur

Was denken Sie: Wie wird es jetzt in Chemnitz und Sachsen weitergehen?
Ich kann mir vorstellen, dass rechte Gruppen versuchen werden, diesen Portest auch auf andere ostdeutsche Städte auszuweiten und dabei Bürgerliche, aber auch das extreme Spektrum anzusprechen. Das ist sehr gefährlich. Dort machen sich bürgerliche Menschen zu Mitläufern bei rechtsextremen Gruppen, die nicht nur „Merkel muss weg“ rufen, sondern auch einen anderen Staat wollen und die Demokratie bekämpfen.

Unter dem Hashtag #wirsindmehr zeigen derzeit viele Deutsche in den sozialen Medien ihre Solidarität mit den Gegendemonstranten. Was können sie noch tun?
Auf dem Sofa sitzen zu bleiben ist definitiv die falsche Reaktion auf die Stimmung, die aktuell in einigen Teilen unseres Landes herrscht. Wir müssen aufstehen und für unsere Demokratie einstehen.

Zur Person

Jan-Henrik Wiebe

ist in Lüneburg aufgewachsen und war dort bis zum Abitur Schüler der Rudolf-Steiner-Schule. Seitdem hat er für verschiedene Medien, u.a. für die Landeszeitung, gearbeitet. In Jena studierte er Politik und Ostslawistik und absolvierte anschließend ein Volontariat bei der Thüringischen Landeszeitung. In dieser Zeit hat er verschiedene politische Demonstrationen journalistisch begleitet, u.a. im Zuge der Flüchtlingskrise 2015. Heute ist der 30-Jährige als Politik-Redakteur für das Nachrichtenportal „t-online“ in Berlin tätig.

von Katja Grundmann