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Auch in Lüneburg ist Sozialer Wohnungsbau dringend notwendig. Denn bezahlbare Wohnungen sind knapp, so wie beispielsweise Auf der Höhe. Foto: t&w

„Es ist bereits fünf nach zwölf“

Lüneburg. „Dass sich der Staat beim sozialen Wohnungsbau und bei der Bewirtschaftung eigener Wohnungen in den vergangenen Jahrzehnten zurückgezogen hat, war ein Fehler!“ Das sagt nicht nur Niedersachsens Umwelt- und Bauminister Olaf Lies (SPD). Zu dieser Einschätzung kam gestern in Lüneburg auch Heiner Pott, Direktor des Verbandes der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Niedersachsen Bremen (vdw), anlässlich der Jahrestagung seines Verbands, der die Interessen von 170 Wohnungsunternehmen mit gut 400 000 Wohnungen vertritt.

Wohnungsnot trifft auch Mitte der Gesellschaft

Die Wohnungsnot betreffe nicht mehr nur Geringverdiener: „Bei uns stehen Leute aus der Mitte der Gesellschaft auf der Matte, die in den Ballungszentren keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden“, klagt Pott.

Den Druck auf dem Wohnungsmarkt spürt auch Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD), zugleich Präsident des Niedersächsischen Städtetages: „Wir reden hier von Arbeitern, Verkäufern und Studenten.“ So stehen seinen Worten zufolge alleine auf der Warteliste der LüWoBau 1500 Menschen, die auf eine bezahlbare Wohnung hoffen. „Es ist bereits fünf nach zwölf“, mahnt Mädge, der ebenfalls fordert, dass Bund und Land mit entsprechenden Programmen gegensteuern. „Ansonsten riskieren wir ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft.“

Für Pott und Mädge ist es überhaupt keine Frage, dass die Landesregierung deutlich mehr Geld in den Wohnungsbau investieren muss. 40 000 neue Wohnungen sollen in den nächsten zehn Jahren mithilfe öffentlicher Förderung entstehen. Dafür sind nach Einschätzung von Pott und Mädge mehrere Hundert Millionen Euro seitens des Landes Niedersachsen nötig. „Allerdings sind im Haushaltsplan des Landes bisher überhaupt noch keine weiteren Wohnraumfördermittel veranschlagt“, kritisierte gestern während einer Pressekonferenz vdw-Verbandsdirektor Heiner Pott und setzt nach: „Wir fordern, dass das Land das benötigte Geld in den nächsten Jahren bereitstellt.“ Andernfalls, so die Befürchtung des Verbandes, sei der Wohnraumförderfonds des Landes spätestens bis 2020 leergeräumt. „Dann droht die Erosion des sozialen Wohnungsbaus weiter voranzuschreiten.“

Doch wie konnte es überhaupt zu dieser prekären Lage auf dem Wohnungsmarkt kommen? „Dass die Bevölkerungszahl sinkt und der Markt sich schon selbst regeln wird, das war eine klassische Fehleinschätzung“, sagt Pott rückblickend. Die Zahl der Single-Haushalte habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Auch die Flüchtlinge drängten nun auf den Wohnungsmarkt, was die Situation weiter verschärfe. Kurz gesagt: Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum steigt, das Angebot aber sinkt.

Ein sozialpolitischer Sprengsatz

Im Jahr 2016 sank die Zahl der Sozialwohnungen in Niedersachsen auf 86 000. Bis 2025 werden landesweit weitere 52 100 Wohnungen aus der Bindung fallen.

„In dieser Entwicklung liegt ein gewaltiger, sozialpolitischer Sprengsatz“, warnen Mädge und Pott, zumal das, was an neuen Wohnungen entsteht, bei weitem nicht ausreiche: 2016/17 wurden laut des Verbandes der Wohnungswirtschaft nur rund 1000 öffentlich geförderte Mietwohnungen pro Jahr gebaut.

Zudem müssten vielerorts die Rahmenbedingungen geändert werden, die den Wohnungsbau drastisch verteuern. Zum Beispiel durch zu teures Bauland, zu geringe Kapazitäten im Bauhandwerk, vermehrte technische Vorgaben und zu lange Planungs- und Genehmigungszeiten: „Unserer Branche werden immer mehr Hürden in den Weg gestellt“, kritisiert Pott. „Wir brauchen deshalb keine Mietpreisbremse, sondern eine Baukostenbremse!“

Dem kann Ulrich Mädge nur zustimmen: „Baukosten von 4000 Euro pro Quadratmeter Wohnraum kann heute kaum noch einer bezahlen, geschweige denn Mieten von 13 Euro oder mehr pro Quadratmeter“.

Eine klare Absage erteilen Pott und Mädge dem Rat des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundeswirtschaftsministerium: Dieser hatte sich dafür ausgesprochen, den sozialen Wohnungsbau nicht wiederzubeleben, sondern zurückzufahren, weil wirkungslos. Dazu Pott: „Das ist das Verrückteste, was ich gehört habe.“

von Klaus Reschke

11 Kommentare

  1. weil wirkungslos. stimmt leider zum teil. da ja nach einigen jahren die bindung abgeschafft wird und die mieter dann mit luxussanierungen zu rechnen haben. sozialer wohnungsbau muss eben auch sozial bleiben, ist er aber nicht.

  2. Jahrtausendstark

    „Die Wohnungsnot betreffe nicht mehr nur Geringverdiener: „Bei uns stehen Leute aus der Mitte der Gesellschaft auf der Matte, die in den Ballungszentren keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden“, klagt Pott.“

    Fals es den Herrn Obrigkeiten noch nicht aufgefallen sein sollte. Eine Mitte der Gesellschaft ist schon lange nicht mehr richtig vorhanden. Seit Jahren.

    „„In dieser Entwicklung liegt ein gewaltiger, sozialpolitischer Sprengsatz“, warnen Mädge und Pott, zumal das, was an neuen Wohnungen entsteht, bei weitem nicht ausreiche: 2016/17 wurden laut des Verbandes der Wohnungswirtschaft nur rund 1000 öffentlich geförderte Mietwohnungen pro Jahr gebaut.“

    Wer hat denn die Entscheidungen getroffen an der Nordlandhalle, im Hanseviertel oder im Ilmenaugarten unbezahlbare Klötze zu bauen?
    Es sollte bereits vor Jahren bekannt gewesen sein das Lüneburg mehr bezahlbaren Wohnraum braucht… Stichwort: Studentenschaft, Metropolregion Hamburg. Es sieht doch mittlerweile so aus das man für Betrag X heutzutage nur noch eine renovierungsbedürftige Eigentumswohnung am A***** der Heide bekommt, wo man für den gleichen Betrag vor 10 Jahren noch ein kleines freistehendes Haus bekam. Liegt das etwa auch an den Baukosten heutzutage? Wohl kaum. Sozial ist schon lange nur noch eine Floskel, es geht nur noch darum aus den Kühen die höchste Rendite zu melken. Gerade ein SPD Politiker sollte sich um diese fatale Entwicklung in unserer Gesellschaft vielleicht einmal Gedanken machen. Ansonsten kann der Verein das S auch gleich aus dem Parteinamen streichen.
    Warum bekommt die SPD wohl kaum noch Stimmen?

    „…Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD), zugleich Präsident des Niedersächsischen Städtetages: „Wir reden hier von Arbeitern, Verkäufern und Studenten.“ “

    Da ist ihre ehemalige Wählerschaft. So einfach ist es manchmal Herr Mädge.

  3. Schon erstaunlich, diese Erkenntnisse. Damals war es halt trendy, sein „Eigentum“ für kurzfristige Gewinne zu versilbern und an Firmen zu verhökern, die nur an kurzfristiger Gewinnmaximierung zum Wohle ihrer Aktionäre denken.
    Ja, es gab mal Zeiten, da hatten Behörden wie Bundespost, Bundesbahn, Bundeswehr und so weiter eigenen bezahlbaren Wohnraum für ihre Mitarbeiter. Viele große Firmen habe damals auch für ihre Beschäftigen entsprechend gesorgt.
    Ja, dann war es auf einmal hübsch, diese sozialen Errungenschaften an Heuschrecken abzugeben.
    Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen und das große Jammern beginnt und man versucht mit Mietpreisbremsen gegenzusteuern. Leider wird sich das Rad der Zeit auch hier nicht zurückdrehen lassen.

    • Wolfgang Söllner

      Hallo Juergen,
      so wie Du es schilderst erging es mir ähnlich, ich hatte ein Teil meines Geldes in Aktien bei der Deutschen Bank angelegt, allerdings nicht für kurzfristige Gewinne, nur um den Geldwert zu erhalten. Dann kam bei der Jahrtausendwende ein Crash, ich hatte 2500 DM verloren. Die Beratung der Deutschen Bank war nichts wert.
      Ich habe in den 1980`ger Jahren bei der Deutschen Bundespost als Student gejobbt. Die Arbeit hatte mir gefallen, ich hatte bei dem Arbeitgeber sogar nachgefragt, ob da ein gewisses gutes Umfeld zukünftig besteht. Nein – schon Jahre vor Schwarz-Schilling war denen klar, es wird Veränderungen geben, keine positive Aussicht für die Zukunft. Die wussten was den Schubladen steckt. Ich hatte den Betrieb als für ein ideales Beispiel eines funktionstüchtigen Unternehmens seitens des Staates wahrgenommen, mit guten sozialen Abfederungen seitens der Mitarbeiter. Mit den folgenden Jahren wurde es anders. Heutzutage sehe ich in meinem Wohnort Briefzusteller und Paketdienste verschiedener Arten, welch eine Verschwendung der Ressourcen, wo soll da der Vorteil einer Privatisierung mit der beschworenen Konkurrenzgesellschaft sein.
      Auch in Bezug auf das Gesundheitswesen war es mit der Privatisierung mit Hilfe von Seehofer für alle zum Schlechteren bestellt. Das war noch die größere Enttäuschung, da werden noch viele dran leiden.
      Wohnungsmarkt – das Hauptthema – da gibt es auch mehr schlechte Erfahrungen in meiner Erfahrung. Ich hatte mich über zehn Jahre lang bei einer Wohnungsgesellschaft für eine 4 Zimmerwohnung vormerken lassen, es kam kein entsprechendes Angebot. Privat mit Kosten der Kurtage usw. konnte ich eine Wohnung finden – sehr teuer, aber auch schön, überstieg aber auch unsere finanziellen Vorstellungen eines annehmbaren Lebens. Von Heuschreckenfirmen wurde ich nie betroffen, habe aber so eine Realität in meiner Umgebung erfahren. Der Durchschnitt von privaten Vermietern ergibt bisher, das davon die Hälfte annehmbar waren, immerhin was, eine kleine Hoffnung, das Menschen gegenüber ihren Mitmenschen in einem solchen Geschäftsverhältnis auch im normalen Rahmen agieren. Solidarität nimmt jedoch allgemein ab. Schade.
      Wenn ich Bücher lese, es waren bisher wirklich nicht viele, aber von einigen Personen der Öffentlichkeit, von denen einige Meinungen jedoch von den Medien nicht unbedingt in den Vordergrund gestellt werden: die sprechen es aus – wir sind durchgefallen – das ist vieles nicht nur Unumkehrbar, es ist unsere Schande und die der Politik, das schmerzt. Was sagte Brecht über die Nachgeborenen : gedenkt unser mit Nachsicht – weiter haben wir es nicht gebracht

  4. Und es wird noch richtig interessant, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in die Hungerrente absteigen, so in fünf bis zehn Jahren. Wir können dann ja Rentner-WGs gründen, mit zwei, drei Personen pro Schlafraum. Oder wieder die alten Notunterkünfte reaktivieren, wie damals am Heidkamp ect. Schöne Aussichten. Ich glaub ich lern schon mal Bulgarisch.

    • Mark Trey
      sie irren, die geburtenstarken jahrgänge sind schon längst betroffen. wohl dem, der damals die beamtenlaufbahn gewählt hat. der maurer hat damals über beamte gelacht. heute lacht der beamte über die maurer. woher weiß ich das? mein vater war dem beamtentum gleichgestellt , mein schwiegervater war maurer.

    • Mark Trey
      die lebensbiographie hat sich schon lange verändert. wer arbeitet noch ca. 40 jahre in eine firma? arbeitslosigkeiten häufen sich. alles macht sich in der geldbörse bemerkbar. menschen werden zwar im durchschnitt immer älter, halten bei der arbeit , durch die extremen belastungen aber nicht mehr so lange durch. die politik und die wirtschaft verschweigt diese tatsache und fabuliert dazu auch noch gern vom länger arbeiten. wer eine privatsekretärin hat , kann das auch. schmunzeln.

    • Hallo Herr Trey,
      Sie sagen das mit Bulgarien ein wenig ironisch.
      Nur: ich wette mit ihnen, dass, sobald Sie dieses Land zwei-dreimal bereist und beurlaubt haben, von dessen inneren Reichtum so überzeugt sein werden, dass sie dieses Land lieben und als realen Lebens-Mittelpunkt im Alter kalkulieren werden.

  5. Dann sollte der Staat halt eine Firma wie Vonovia kaufen und es nicht zulassen, dass die Chinesen hier 10.000 de Wohnungen kaufen. Ebenso werden in großen Städten Unmengen an Wohnungen an Norweger, Türken, Russen, Araber und andere ausländische Käufer verkauft, die oftmals bar bezahlen und gegen die der deutsche Michel wirtschaftlich nicht anstinken kann. Es werden nicht nur die deutschen Grenzen nicht geschützt sondern auch der Wohnungsmarkt und die Wirtschaft nicht. Das Land wird gerade ausverkauft. Es war einst Reich aber jetzt gehört uns bald nichts mehr. Wenn man als Deutscher in Dänemark oder Polen versucht ein Haus zu kaufen oder in Frankreich ein Unternehmen mit Zukunftstechnologie, wird man merken, wie andere Länder sich schützen.

  6. Pott und Mädge mahnen mehr Investitionen für den sozialen Wohnungsbau an und besonders Herr Mädge beklagt u.a. zu teures Bauland. Kann da eine Stadt wie Lüneburg durch den OB im Zusammenspiel mit dem Stadtrat nicht auch steuernd eingreifen und zudem Investitionen tätigen. Aber lieber wird in einen Protzbau für die Leuphana, ein neues Museum und demnächst in eine „Arena“ investiert. Und denke ich nur an das Hanseviertel und die geplante Erweiterung da wird die Vermarktung an eine Tochtergesellschaft der Sparkasse vergeben. Das führt(e) dazu dass private und gewerbliche Bauherren kein Grundstück kaufen konnten ohne dass die Finanzierungen nicht auch über die Sparkasse abgeschlossen wurden. Nennt sich das Wettbewerb oder ist es nicht schon fast Erpressung. Aber eines war/ist es auf jeden Fall: Es bringt Gewinne und neue Geschäftsabschlüsse. Das schließt sozialen Wohnungsbau von vornherein sofort aus. Schliesse ich jetzt noch den Kreis und komme auf den Lüneburger OB zurück dann bringt mich das zu der Erkenntnis: Auch Sozialdemokraten haben längst gelernt wie man Gewinne macht und Wirtschaft funktioniert. Oder doch nicht? Bei der Verschuldung der Stadt sieht es leider nicht danach aus… Ah! Deshalb soll natürlich auch der Bund und das Land investieren. Selbst hat man doch nichts mehr über.