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Der Schulweg der 13-jähirgen Charlotte führt jeden Morgen über die Elbe. Da die Fähre "Tanja" wegen des Niedrigwassers am Ufer festliegt, bringt Mutter Gunda Wegener ihre Tochter mit dem Schlauchboot zum Anleger in Neu Darchau. Foto: rg

Im Schlauchboot zur Schule

Neu Darchau. Kühl ist es an diesem Morgen. Dichter Nebel liegt über der Elbe bei Neu Darchau. Das Nordufer ist vom Fähranleger aus nicht einmal zu erahnen. Stil l ist es, nur das leise Plätschern der Wellen an der Bordwand der am Anleger fest vertäuten Fähre „Tanja“ ist zu hören. Und das Klatschen von Rudern.

Ein dunkler Schatten taucht aus dem Nebel auf – ein Schlauchboot. Zwei Menschen sitzen darin. Es sind Gunda Wegener und ihre Tochter Charlotte. Es ist kein Ausflug, den die beiden auf der Elbe machen: Es ist Charlottes Schulweg. Seit fast drei Wochen, seit die Fähren „Tanja“ in Neu Darchau und „Amt Neuhaus“ in Bleckede wegen Niedrigwassers den Betrieb eingestellt haben, geht es im Gummiboot über die Elbe nach Neu Darchau, vor dort aus mit dem Bus nach Hitzacker, wo Charlotte die Freie Schule besucht.

„Ich könnte Charlotte auch über die Dömitzer Elbbrücke fahren. Das wären von uns aus hin und zurück 140 Kilometer“, sagt Gunda Wegener. In Teldau, da wo das niedersächsische Amt Neuhaus an Mecklenburg-Vorpommern grenzt, betreibt sie einen Reiterhof. Zur Freien Schule nach Hitzacker geht die 13-jährige Charlotte, seit die Schule in Hagenow aus Lehrermangel keine Oberstufe mehr anbieten kann.

10 bis 15 Euro Sprit pro Tag, weil die Fähre nicht fährt?

700 Euro im Jahr zahlt Gunda Wegener für den Bustransport ihrer Tochter von Neu Darchau nach Hitzacker, von Teldau-Hinterhagen bis nach Darchau am Nordufer bringt sie die 13-Jährige jeden Tag mit dem Auto. „Und die 700 Euro zahle ich, egal, ob wir den Bus nutzen oder nicht“, erzählt die Mutter. „Und jetzt auch noch jeden Tag zehn bis 15 Euro Sprit, weil die Fähre nicht fährt?“ Dann lieber mit dem Schlauchboot über die Elbe. Egal, bei welchem Wetter.

„Bislang hatten wir meistens Glück, nur einmal hat es morgens geregnet“, erzählt Gunda Wegener. Das Boot gehört eigentlich ihrem Sohn, für die täglichen Fahrten über die Elbe hat die Familie einen kleinen Elek­tromotor angeschafft, damit nicht die ganze Zeit gerudert werden muss. „Der Fluss ist zwar fast ausgetrocknet, aber eben nur fast“, lächelt die gebürtige Hamburgerin, die seit 1995 im Teldau lebt, im Geburtshaus ihres Mannes. Der sei zunächst strikt dagegen gewesen, dass sich Mutter und Tochter auf den Wasserweg über die Elbe machen, doch „wir haben das dann einmal zusammen gemacht, und dann waren seine Bedenken weg.“

700 Euro  für den Schul-Transport pro Jahr

Die Wegeners sind nicht die einzigen, die an diesem Morgen über den Fluss setzen. Ein junger Mann legt mit seinem Kanu am Fähranleger an, er ist auf dem Weg zur Arbeit in Hitzacker, sein Vater holt ihn aus Neu Darchau ab. Und noch bevor die Wegeners in ihrem Schlauchboot über die Elbe setzen, fährt ein Mann seine Frau mit einem Motorboot hinüber nach Darchau am Nordufer. „Sie ist Lehrerin in Neuhaus“, erzählt Gunda Wegener. Man kennt sich. Zwei weitere Kanus am Elbufer und frische Fuß- und Schleifspuren deuten auf weitere Pendler hin. „Hier über die Elbe zu setzen, spart einfach Zeit und Geld“, sagt Gunda Wegener.

Und so wundert es nicht, dass auch Gunda Wegener zu jenen Menschen gehört, die den Bau einer Elbbrücke bei Neu Darchau begrüßen würden. „Das hätte man eigentlich gleich machen müssen, als man Amt Neuhaus an Niedersachsen angliederte“, meint sie. „Wer hier wohnt, am Nordufer, ist für die Brücke. Aber wir haben das Gefühl, dass das wohl nicht gewollt ist.“ Von der Politik, konkret von Lüneburgs Landrat Manfred Nahrstedt. „Vielleicht sollten sich Herr Nahrstedt oder Ministerpräsident Weil überlegen, ob sie wollen würden, dass ihre Frauen und Kinder in ein Gummiboot steigen müssen, um zur Schule zu kommen“, sagt Wegener. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“

von Rouven Gross

6 Kommentare

  1. Zeitvertreib auf dem Arbeitsweg „Ich möchte das Pendeln nicht missen“

    Den Rhein bewundern, Funklöcher zählen oder endlich mal ungestört arbeiten: Hier berichten SPIEGEL-ONLINE-Leser, wie sie aus ihrem langen Arbeitsweg das Beste machen. Anregungen können nicht schaden, schmunzel.

  2. Tja, das Landleben auf dem Reiterhof im Biosphärenreservat ist romantisch und voller kleiner knisternder, kreislaufanregender Abenteuer.

    Was ist mit der Personenfähre Bitter-Hitzacker, Frau Wegener?

    Und wie ist das eigentlich? Wenn in Darchau die Brücke steht, bekommen die Leute in den Ortschaften Tripkau, Pinnau, Laake und die vom Herrenhof dann auch eine Brücke über den Strom in die Samtgemeinde Elbtalaue rübergebaut?

    Von Laake nach Dömitz sind es leidvolle 26 km Fahrweg und von Laake nach Darchau immer noch nur schwer zumutbare 20 km. Eine Strecke!

    Wie kann einer angesichts solchen Elends kommen und irgendwas von Güterabwägung und schutzwürdigen Landschaften salbadern?

    Was sagt Herr („wir vom Bund“) Eckhard und Pols dazu? Will er die Leute in Wietzetze und Leitstade ihrem verkehrlichen Notstand überlassen? Es geht hier auch um die Menschen in seinem Bundestagswahlkreis 38 Lüchow-Dannenberg – Lüneburg, die beispielsweise jeden Tag von Harlingen und Tiesmesland über den Fluss müssen, weil sie bei Fleischwaren Kruse in Pinnau einen Ausbildungsplatz gefunden haben.

    Könnte die Landeszeitung über die bittere Lage an der Krainke und am Gosewerder Graben nicht auch einmal ein über mehrere Wochen ans Sentiment rührendes Berichtefeuerwerk schalten und es stimmungsilluminierend in die düster begehrenden, von schweren Nachtwolken verhangenen Anspruchsgemüter hinein flackern, wärmen und böllern lassen?

  3. Oh, nach den Helikopter-Eltern kommen jetzt die Schlauchboot-Eltern? 🙂

  4. Es ist unerhört dass sich niemand kümmert und die Leute am andren Elbufer hängen gelassen werden. Ich fordere die Politiker auf, diesen Schulweg auszuprobieren. Über die Ersatzbrücke und mit dem kleinen Boot. Damit was geschieht.

    • Hallo misspengelig,

      Sie fordern „die Politiker auf, diesen Schulweg auszuprobieren? Über die Ersatzbrücke und mit dem kleinen Boot. Damit was geschieht?

      Muten Sie den Leuten nicht zuviel zu? Haben Sie’s denn nicht mitbekommen? Lesen Sie die aktuellen Schlagzeilen nicht?

      „Deutsche sind Bewegungsmuffel“! (Kopieren Sie die Stichworte Tagesschau-Bewegungsmuffel in die Suchleiste!)

      Nicht nur, aber auch für Politiker scheinen die Zeiten flotter Dreier, Express-Lieferungen und Hetzjagden vorüber. Über 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland bewegen sich laut einer WHO-Studie zu wenig. Mit schwerwiegenden Folgen wie politisch-gesellschaftlichen Umwälzungsplänen („Aufstehen“). Dabei reichen für die eigene Menschenmassemobilisierung oft schon kleine … ächz! Schritte:

      – sich beim Weckerklingeln statt noch einmal besser gleich zweimal umdrehen

      – endlich mit Sport anfangen (Blitzschach)

      – beim Lotto ruhig mal einen Quicktipp wagen

      – in der Schule das Nachsitzen schwänzen

      – von Slow Food auf schnelle Küche umsteigen

      – im Büro den Aufzug meiden und dafür den Treppenlift nehmen

      – beim Schweigemarsch mit gutem Beispiel vorangehen (Stechschritt)

      – den Hintern hochkriegen: nicht immer einfach wegsehen, sondern direkt weglaufen

  5. Not macht erfinderisch. Und zu dieser Lösung kann ich nur sagen: Respekt! Ich finde die Aktion super und offensichtlich scheint sie beiden auch noch Spaß zu bereiten.