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Madita Zimmer
Madita Zimmer ist 18 Jahre alt und schreibt derzeit an einem Buch über die Probleme von Jugendlichen. „Irgendwie“, sagt sie, „haben doch alle die gleichen Schwierigkeiten.“ (Foto: t&w)

„Ich will anderen Mut machen“

Amelinghausen. Es ist der Traum vieler junger Damen aus Amelinghausen und Umgebung: Einmal im Leben die Heidekrone tragen zu dürfen. Da macht Madita Zimmer keine Ausnahme. Doch immer dann, wenn sich die 18-Jährige im Spiegel betrachtete, schwand bei ihr der Mut, sich der Jury auf dem Kronsberg zu stellen. Lange Zeit fühlte sich Madita zu dick, zu wenig attraktiv. Entsprechend gering war ihr Selbstbewusstsein. Und doch hat sie vor wenigen Wochen ihren Mut zusammengenommen und sich mit weiteren sieben Kandidatinnen um die Heidekrone beworben. „Weil ich zeigen wollte, dass jeder zu sich selbst stehen sollte. Egal wie man aussieht, welche Figur man hat“. Doch bis Madita dieses Selbstbewusstsein entwickeln konnte, war es ein langer und teils schwieriger Weg.

Dass sie nicht zur Heidekönigin gewählt wurde, spielt für die 18-Jährige nur eine untergeordnete Rolle. Viel Lob und Anerkennung gab es trotzdem: „Sie hat das ganz toll und charmant gemacht“, zollt ihr die neue Heidekönigin Mona Otto Respekt.

Gesellschaft definiert sich zu sehr über das Aussehen

Madita Zimmer will anderen Mut machen. Deshalb trifft sie sich mit der LZ, um ihre Geschichte zu erzählen. „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich viel zu sehr über Figur, Kleidung und Aussehen definiert“, beobachtet die Amelinghausenerin. Sonst würden Fernseh-Formate wie „Germanys next Top Model“ mit Heidi Klum oder der „Bachelor“ nicht so populär sein. Menschen mit 90-60-90-Ideal-Maß, durchtrainierten, muskulösen Körpern, perfekten Frisuren. Doch nur die wenigsten Menschen sehen tatsächlich auch so aus, wie die Protagonisten im Fernsehen.

Sprüche und Bemerkungen über die Figur des anderen mögen Jugendliche vielleicht lustig finden, „aber irgendwann glaubt man die dann selbst“, berichtet Madita. Und dann schmerzen Worte wie Pfeile. „Vor allem dann, wenn man mit anderen Mädchen verglichen wird“, berichtet Madita. Irgendwann mochte sie nicht mehr. Das Selbstbewusstsein im Keller, die Lebensfreude dahin. Die inzwischen 18-Jährige suchte und fand Hilfe in der psychiatrischen Klinik in Lüneburg.

„Mein Aussehen hat rein gar nichts mit meinem Charakter zu tun.“ – Madita Zimmer

„Es war der richtige Schritt für mich“, sagt sie. Heute ist sie mit sich, ihrer Figur und ihrem Aussehen im Reinen. Und sie geht selbstbewusst und mit offenen Augen durchs Leben. „Ob die Leute mich anschauen, ist mir jetzt ziemlich egal“, sagt Madita. Dafür interessiert sie sich für andere Menschen, deren Seelenleben. Sie sieht so viele andere mit zum Boden gesenktem Blick. Menschen, die in ihren Augen eine tolle Figur haben, phantastisch aussehen, eigentlich das Selbstbewusstsein in Person verkörpern müssten. Zu erleben, dass dem nicht so ist, auch das ist eine Erfahrung, die Madita lernen musste. „Ich bin nicht alleine mit meinen Problemen.“

Verletzend findet es die angehende Altenpflegerin, wenn Menschen andere als „dick“ bezeichnen: Das Adjektiv impliziere Faulheit, Disziplinlosigkeit, Verfressenheit … „Damit trifft man den Charakter eines Menschen“, sagt Madita: „Mein Aussehen hat aber rein gar nichts mit meinem Charakter zu tun!“

Im Gegenteil: Der 18-Jährigen etwa „Faulheit“ zu unterstellen, wäre zweifellos verfehlt: „Ich spiele Tennis, mache Yoga, gehe ins Fitness-Studio“, listet die künfige Altenpflegerin auf, die in früheren Jahren auch Fußball gespielt hat. Die aber durchaus auch mal zu genießen weiß: „Das Leben ist doch viel zu kurz, um auf leckeres Essen zu verzichten“, sagt sie schmunzelnd. Am nächsten Tag halte sie sich dann beim Essen eben wieder etwas im Zaum.

Fotos auf Instagramm: ungeschminkt und ungestellt

Die 18-Jährige ist dabei, ein Buch zu schreiben: „Humorvoll, mit einem Augenzwinkern“, sagt sie. Über die Probleme von Jugendlichen. Denn ob dick oder dünn, groß oder klein – irgendwie haben doch alle die gleichen Probleme. Mit einem Verlag stehe sie bereits in Kontakt.

Und noch ein Projekt schiebt die 18-Jährige an: Auf Instagram lädt sie Fotos von sich hoch – ungeschminkt, ungestellt, ohne Weichzeichner oder Bearbeitung durch Photoshop. „Damit will ich anderen Mut machen und zeigen, das jeder schön ist, man nur zu sich stehen muss.“

Und für alle, die sich abwertend über das Aussehen anderer äußern, hat sie noch einen gut gemeinten Ratschlag: „Es macht viel mehr Spaß, mit einem Lächeln durch die Stadt zu gehen. Wenn man selbst angelächelt wird, ist der Tag doch gerettet.“ Weise Worte einer jungen Dame, die selbstbewusst ihren Platz in der Gesellschaft gefunden hat.

Von Klaus Reschke