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Die Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt auch in der Region Lüneburg stark zu. Foto: fotolia

Der Landkreis wächst und altert

Lüneburg. Das Amt Neuhaus ist im Landkreis Lüneburg das, was die Stadt Bremen in Deutschland ist: Bei jeder Statistik meist am Ende. Ob es sich um die soziodemografischen Rahmenbedingungen handelt, es um die Entwicklung der Bevölkerung geht oder ihre künftige Zahl und Struktur unter die Lupe genommen werden – der Osten rechts der Elbe hinkt in der Regel hinterher. Das hat auch das jüngste Demografiegutachten ergeben.

Im November vergangenen Jahres hatte der Kreis die Studie bei einem Hamburger Institut in Auftrag gegeben. Sie ist Teil der Grundlagen, auf der Politik und Verwaltung das neue Regionale Raumordnungsprogramm (RROP) erstellen wollen. Jetzt wurde sie den Mitgliedern im Ausschuss für erneuerbare Energien, Raumordnung und Klimafolgeanpassung vorgestellt.

Wachstum ausschließlich auf Zuwanderung zurückzuführen

Präsentiert wurden neben Zahlen und Fakten zu Fertilität, Mortalität und Migration sowie deren Auswirkung auf die 43 Gemeinden auch die Entwicklung der Kaufkraft, Altersstruktur und Arbeitslosenquote. Und neben dem Status Quo die Prognose, die die Basis für Handlungsempfehlungen auch in Bezug auf das RROP ergeben – ein Punkt, der für Diskussionen sorgte.

Zunächst aber bot Dr. Flemming Giesel die soziodemografischen Rahmenbedingungen dar, ging ein auf die gestiegene Kaufkraft, die im Bundesdurchschnitt liegende Arbeitslosenquote (5,6 Prozent ) sowie das kontinuierliche Bevölkerungswachstum im Landkreis: So stieg die Zahl der Bürger zwischen 2011 und 2017 um 6,6 Prozent auf 181 000 zum Ende vergangenen Jahres, was kein Effekt eines positiven natürlichen Saldos, sondern ausschließlich auf Zuwanderung zurückzuführen ist.

Besonders profitiert haben von dieser Migration die Gemeinden Adendorf und Westergellersen mit einem Wachstum von mehr als zehn Prozent, während die Einwohnerzahlen in Hittbergen, Echem, Soderstorf und Betzendorf im selben Zeitraum rückläufig waren. „Erstaunlich auch“, so der Berater, „dass nur mit Ausnahmen die zentralen Orte der Samtgemeinden am stärksten gewachsen sind.“

Die Einwohnerzahl im Landkreis Lüneburg ist zwischen 2011 und 2017 von rund 170.000 Menschen auf mehr als 181.000 gestiegen. Das ist ein Plus von 6,6 Prozent. der Anstieg ist jedoch allein auf den Zuzug zurückzuführen, nicht auf eine höhere Geburtenrate. Die Grafik zeigt die Entwicklung in den elf Städten, Samt- und Einheitsgemeinden, die zum Landkreis Lüneburg gehören.

Während der Anteil der unter 18-Jährigen in den Büchern der meisten Rathäuser rückläufig war, verzeichneten die Stadt Lüneburg und ihre Nachbarn im Nordwesten steigende Zahlen – hier aber auch das Amt Neuhaus, „wohl eine Folge des Zuzugs durch Schutzbedürftige“, so Giesel. Der Teil der über 65-Jährigen hat zeitgleich flächendeckend zugenommen, besonders stark in Kirch- und Südergellersen, Melbeck, Barnstedt, Adendorf, Dahlem sowie allen Gemeinden der Ostheide mit Ausnahme von Wendisch Evern. „Innerhalb der vergangenen sechs Jahre hat sich der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe um ein Viertel erhöht“, so der Berater.

Basis für den neuen RROP ist aber nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. Auch dafür hatte Giesel zahlreiche Folien vorbereitet, erläuterte aber zunächst den Ansatz der Erhebung: „Die Entwicklung der Bevölkerung ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig und lässt sich lediglich auf Grundlage der Vergangenheit fortschreiben.“ Dabei würden konstante Geburtenraten, die Todesfälle gemäß der niedersächsischen Sterbetafel sowie die durchschnittliche jährliche Zuwanderungsrate von 2008 bis 2014 zu Grunde gelegt. „Sondereffekte wie der Zuzug durch Flüchtlinge fallen da nur gering ins Gewicht.“

Betrachtet wurde ein Zeitraum von 2017 bis 2035 – und brachte viele Erkenntnisse: Demnach steigt die Bevölkerung im Landkreis um 2,6 Prozent auf dann 187 854 Einwohner, wovon besonders stark die Samtgemeinde Bardowick (+2,6 %), die Gemeinde Adendorf (+6,2 %) sowie die Stadt Lüneburg profitieren (+4,9 %). Primär das Amt Neuhaus (-16,7 %) sowie die Samtgemeinde Dahlenburg (-8,7 %) werden hingegen Einwohner verlieren.

In Bezug auf die unter 18-Jährigen betrifft das bis auf das Stadtgebiet und Adendorf alle Verwaltungseinheiten, während mit einer extremen Überalterung besonders die Gemeinden Westergellersen, Betzendorf, Handorf, Wittorf, Rullstorf und Lüdersburg rechnen müssen.

Überversorgung an Krippenplätzen im Jahr 2035

Dieses wiederum hat Auswirkungen auf die Versorgungsinfrastruktur: Im Jahr 2035 – so die Prognose – würde es allein rechts der Elbe sowie beispielsweise auch in der Samtgemeinde Bardowick eine Überversorgung an Krippenplätzen in Höhe von etwa 140 Prozent geben. Diese Zahlen, so die Erläuterung von Giesel, wurden auf Grundlage der bisherigen Nachfrage gebildet, und die lag bei zuletzt nur 21 Prozent. Das gab Anlass zur Diskussion.

Gerade in der Betreuung der unter Dreijährigen sei mit einer großen Dynamik zu rechnen, so die einhellige Meinung der Politiker, dieser Punkt müsse unbedingt überarbeitet werden, um für die Zukunft eine sichere Grundlage für den Handlungsbedarf zu ermitteln. Gleiches gelte auch für den Elementarbereich: Selbst hier lag die Nachfrage aktuell unter dem Angebot, bildete somit auch die Basis für diese Prognose. Allein die neue Beitragsfreiheit werde in diesem Bereich aber einiges verändern, so die Ausschussmitglieder.

Weniger Einwände gab es in Bezug auf die steigende Anzahl älterer Menschen sowie auf deren Betreuungssituation: Die Nachfrage an stationären Plätzen wird laut Prognose im Jahr 2035 um mehr als 30 Prozent steigen (von 4444 auf dann 5903 Bedürftige), schon jetzt fehlen in diesem Bereich 80.

Handlungsempfehlungen an die Politik

Die daraus resultierenden Handlungsempfehlungen erläuterte Giesel im Anschluss: Für die Versorgung gerade auch der zunehmend älteren Bevölkerung seien tragfähige Grundzentren mit einer Konzentration auf den Innenbereich der Gemeinden nötig, der Wohnungsmarkt müsse zunehmend kleine und seniorengerechte Einheiten in einem altersgerechten Wohnumfeld vorhalten, der öffentliche Personennahverkehr erhalten und durch Alternativen, wie beispielsweise Rufbussysteme, ergänzt werden. Zudem müsse der nichtstationäre Bereich gestärkt, private pflegende Personen in ihren Aufgaben beispielsweise durch Schulungen oder Arbeitszeitmodelle unterstützt werden.

Bezüglich der jüngeren Bevölkerung riet der Berater, Schulen an den Standorten wenn möglich zu erhalten, „denn diese sind auch für den Freizeitbereich wichtig und für Familien bei der Wahl des Wohnortes von Bedeutung“.

Entwicklung in Zahlen

Landkreis wächst stetig

Die Einwohnerzahl im Landkreis Lüneburg ist zwischen 2011 und 2017 von rund 170 000 Menschen auf mehr als 181 000 gestiegen. Das ist ein Plus von 6,6 Prozent. Der Anstieg ist jedoch allein auf den Zuzug zurückzuführen, nicht auf eine höhere Geburtenrate. Die Grafik zeigt die Entwicklung in den elf Städten, Samt- und Einheitsgemeinden, die zum Landkreis Lüneburg gehören.

von Ute Lühr