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Die drei von der Archivstelle: Dr. Peter Wörster (li.), Renate Adolphi und Dr. Bernhard Schalhorn. Foto: oc

Sie brauchen ein neues System

Lüneburg. Die Balten haben, was ihre lange deutsche Geschichte betrifft, eine Bastion in Lüneburg. Im Brömsehaus, Am Berge, sammelt die Carl-Schirren-Gesellschaft seit rund sechs Jahrzehnten Zeugnisse ein, die von den Deutschbalten im heutigen Lettland und Estland geblieben sind. Die Deutschbalten sehen sich derzeit im Aufwind: Sie haben nun eine eigene Abteilung im Ostpreußischen Landesmuseum. Und aufgearbeitet wird das Archiv im Brömsehaus, das auf fünf im Haus verteilte Räume 250 bis 300 Regalmeter Archivgut umfasst.

Nachlässe von Autoren, Wissenschaftlern und Politikern besitzt das Archiv, dazu Urkunden, Briefe, Verträge, Landkarten, Foto-Alben und vieles mehr. Das Archivgut stammt auch von Familien, Vereinen, Firmen, Verbindungen etc. Mittlerweile ist es die Generation der Erben, die dem Archiv vorwiegend Schriftgut übergibt. Alles wird im Brömse-Haus bis heute ehrenamtlich katalogisiert und geordnet. Federführend ist seit mehr als 30 Jahren die nach wie vor aktive heute 95-jährige Renate Adolphi.

Fragen des Konservierens

Mittlerweile finanzierte der Bund ein „Vorprojekt“ mit dem Ziel einer zeitgemäßen Aufarbeitung des Bestands. Den Förderantrag auf den Weg brachte als Projektleiter Dr. Bernhard Schalhorn, langjähriger Leiter der Ost-Akademie. Ins Spiel kam Dr. Peter Wörster, er übernahm die tragende Rolle. Der 67-jährige Historiker und Archivar war von 1977 bis 2016 am Herder-Institut in Marburg tätig. Dort leitete er das größte Archiv zur baltischen Geschichte in Deutschland. Keiner also kann prädestinierter sein, sich um das Carl-Schirren-Archiv zu kümmern, in dem der zweitgrößte Sammlungsbestand zu finden ist. Seit Juli ist Dr. Wörster nun auch amtlich wissenschaftlicher Berater in Fragen des Archivs – im Ehrenamt.

Dr. Wörster befasst sich zum Beispiel mit Fragen des Konservierens. Alle Papiere müssen etwa „entmetallisiert“ werden, denn jede Büroklammer produziert Rostspuren. Zum Erhalt der alten Papiere braucht es dazu säurefreie Kartons. Das sind Formalia. Wichtiger ist die Frage: „Wie präsentieren wir uns der wissenschaftlichen und privaten Forschung?“. Um eine sinnvolle, mit anderen Einrichtungen verlinkbare Datenbank aufzubauen, brauche es einen Fachmann, so Dr. Wörster. Der hätte mutmaßlich gut fünf Jahre zu tun – aber das sei eine Hochrechnung.

Nord-Ost-Institut wird ins ehemalige Zollamt ziehen

In jedem Fall kostet es Geld und das muss vom Bund kommen. Der 48-seitige Bericht zum „Vorprojekt“ liegt mittlerweile bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters. „Deren Entscheidung ist maßgeblich für die Archiv-Zukunft, wir rechnen Ende September mit einer Empfehlung“, sagt Dr. Wörster.

Eine positive Entwicklung für das Archiv zeichnet sich bereits räumlich ab. Das angrenzende Nord-Ost-Institut wird ins ehemalige Zollamt ziehen. Dadurch werden Räume frei, in denen das Archiv zusammenhängend untergebracht werden könnte. Noch aber ist über die Verwendung der Räume nicht entschieden.

Von Hans-Martin Koch

Schirren Gesellschaft

Schweres Erbe

Die Carl-Schirren-Gesellschaft (CSG) arbeitet heute eng mit den Ländern des Baltikums zusammen. „Mit den Menschen in unseren Nachbarländern eint uns der Wunsch, dass von europäischem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf“, sagte als Vorsitzender des Deutsch-Baltischen Kulturwerks Thomas von Lüpke bei der Neu-Eröffnung des Ostpreußischen Landesmuseums. Die frühen Jahre der CSG sind allerdings eng mit dunkelster deutscher Geschichte verstrickt, auch wenn die Gesellschaft in der NS-Zeit nicht aktiv war. Gründer war 1932 in Kiel der Indogermanist Kurt Stegmann von Pritzwald, ab 1933 Truppführer der SA und später NSDAP-Aktivist mit vielen Aufgaben. Ab 1950 baute Max Hildebert Boehm die CSG in Lüneburg neu auf; auch Boehm hatte sich im Faschismus als völkisch-nationaler Theoretiker hervorgetan. oc