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Weißrussland
Der Dahlenburger Wilhelm Kruse (4.v.r) ist mit seiner Lebensgefährtin Frieda Sühr nach Weißrussland gereist, zu „seinen Kindern aus Tschernobyl“, wie er sagt. (Foto: privat)

Freunde fürs Leben

Dahlenburg. Irgendwann in den vergangenen Monaten dachte Wilhelm Kruse ans Altwerden. Wie es wohl sein wird mit ihm in einem Jahr? Ob die Gesundheit weiter hält? Wie lange er noch reisen kann? Das alles ging dem 82 Jahre alten Rentner durch den Kopf – und am Ende hatte er eine Entscheidung getroffen. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer in Weißrussland. Der erste Schritt für eine womöglich letzte große Reise.

Wenige Wochen später setzte sich der 82 Jahre alte Rentner in Hamburg in den Bus, harrte 22 Stunden aus bis Brest, dort stieg er um ins Auto und erreichte nach weiteren vier Stunden Poretschje, ein kleines Dorf rund 40 Kilometer vor der ukrainischen Grenze. Müde sei er gewesen, erschöpft und trotzdem „unendlich glücklich“, wie er sagt. Denn hier, in diesem winzigen Ort in Weißrussland, konnte er noch einmal die Menschen in die Arme schließen, die er „unsere Kinder“ nennt. „Unsere Kinder aus Tschernobyl.“

„Unsere“, damit meint Wilhelm Kruse sich und seine verstorbene Frau. Zehn Jahre ist sie inzwischen tot, 27 Jahre ist es her, dass sie sich gemeinsam dafür entschieden haben, Kinder aus der Region rund um Tschernobyl bei sich aufzunehmen. Nico war der erste, der 1991 zu ihnen nach Dahlenburg kam, fünf weitere Geschwister folgten. Sechs Mal besuchten die Kinder sie über die Jahre, dann starb 2008 Kruses Frau. Einer ihrer letzten Wünsche: Die Menschen sollten bei ihrer Beerdigung keine Blumen auf ihr Grab legen, sondern spenden. „Für unsere Kinder aus Tschernobyl“, sagt Kruse. „Das waren ihre Worte.“

Ein Land geprägt von Armut und Herzlichkeit

Am Tag der Beerdigung seien Hunderte gekommen, erzählt er. Die meisten von ihnen ohne Blumen, dafür mit Umschlägen in der Hand – gefüllt mit einer Spende, um die Kruse im Namen seiner Frau gebeten hatte. Das Geld nutzte er, um allen Kindern 2009 erneut die Reise nach Dahlenburg zu bezahlen. „Kümmere dich um sie.“ Auch das hatte sich seine Frau zum Abschied von ihm gewünscht. Und: „Halte fest an dieser Freundschaft.“

Kruse tat es. Für sie, aber auch für sich. Vier Mal war er zu dem Zeitpunkt selbst in Weißrussland gewesen, hatte sich mit den Kinder nach ihrem Urlaub in den Bus gesetzt und sie heim gebracht nach Poretschje. Dort blieb er stets ein paar Tage und erlebte ein Land, geprägt von Armut, aber auch von einer Herzlichkeit, die Wilhelm Kruse so nicht kannte. Schnell wurden aus Fremden Freunde, „und aus Freunden eine zweite Familie“, sagt er.

Dass er nun, fast zehn Jahre nach seinem letzten Besuch in Weißrussland, noch einmal die lange Reise auf sich nahm, „war mir ein tiefes Bedürfnis“, sagt er. „Ich wollte sie alle so gerne wiedersehen.“ Und er wollte sie Frieda vorstellen, „meiner Freundin“. Gemeinsam mit seiner neuen Lebensgefährtin stieg er nach der langen Fahrt vor dem Haus der Familie aus dem Auto, „und da standen sie alle“, erinnert sich Kruse, „alle acht Kinder der Familie, Mutter, Vater, Verwandte und Freunde“. Eine Woche blieben sie, und als sie wieder fuhren, standen sie wieder alle im Hof, um Lebewohl zu sagen. „Da flossen Tränen.“ Kruse lächelt. „Und zwar bei allen.“

Viele Häuser in den Dörfern sind verwaist

Kruse lehnt sich in seinem Sessel zurück, in seiner Hand hält er ein Foto von der letzten Reise, ein Gruppenbild vor dem grasgrünen Holzhäuschen der Familie. „Das is‘ da ne ganz andere Welt“, sinniert er, „vor allem in den Dörfern.“ Seit seiner letzten Reise 2009 habe sich dort kaum etwas verändert, „zumindest nicht zum Guten“. Nur noch mehr Häuser stünden leer, noch mehr Viehweiden seien verwaist. Fließend Wasser gebe es im Haus noch immer nicht, „dafür steht nach wie vor der Ziehbrunnen vor dem Haus und das Klo hinter dem Bretterschuppen“.

Seit der Rückkehr aus Weißrussland denkt der Dahlenburger viel nach über das Leben dort, über die Armut auf den Dörfern, die Bedingungen in der Landwirtschaft, mit der er früher selbst sein Geld verdient hat. Auch über den Krieg denkt er nach, das Leid, „das unsere Verbrecher den Menschen dort angetan haben“. Und er denkt darüber nach, ob das Schicksal ihm wohl noch eine letzte große Reise schenken wird. „Zu unseren Kindern aus Tschernobyl.“

Von Anna Sprockhoff