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Radfahrer
Das fahrradunfreundliche Kopfsteinpflaster in der Salzstraße am Wasser war einer der Kritikpunkte, die bei der Radtour mit Detlev Schulz-Hendel (li.) und Claudia Schmidt (vorn) angesprochen wurden. (Foto: t&w)

Mehr Rücksicht, Geld und Gleichberechtigung

Lüneburg. Lästiges Hoppelpflaster, hinderliche Umlaufsperren, nervige Ampelschaltungen, steile Fahrradrampen – Lüneburgs Radfahrer kommen schnell ins Stöhnen. Vor allem in der engen Innenstadt klagen sie seit langem über zu wenig Rücksichtnahme und fordern mehr Gleichberechtigung gegenüber Autofahrern. Mitfühlende Unterstützung bekamen sie am Sonnabend von Detlev Schulz-Hendel. Dabei überraschte der Landtagsabgeordnete der Grünen auch mit ungewohnten Positionen.

„Vielleicht wäre es besser, die Parkplätze an den Sülzwiesen doch nicht kostenpflichtig zu machen“, sagte Detlev Schulz-Hendel und erntete prompt ungläubige Blicke aus der kleinen Runde, die nach der einstündigen Radtour durch die Stadt zu einer Abschlussbesprechung zusammengeblieben war. Schulz-Hendel hatte zu dieser Tour eingeladen, um sich selbst ein Bild von der Radverkehrssituation in Lüneburg zu machen. Zuvor ist er bereits im Landkreis Harburg und in Hannover unterwegs gewesen.

„Es gibt immer noch zu viel Autoverkehr in Lüneburgs Innenstadt“, begründete Schulz-Hendel seinen Sülzwiesen-Ansatz. Die dortigen Parkplätze sollten nicht für Leute bereitgehalten werden, die sich das Parken leisten können, sondern für kostenlosen Park & Ride-Verkehr. Überhaupt gelte es, mehr vernetzt zu denken, deshalb mache er sich auch für die Reaktivierung der Bahnstrecke Lüneburg-Amelinghausen stark.

Wunsch nach einem Radweg durch den Kurpark

Wo die Radfahrer in Lüneburg der Schuh drückt, hatte er zuvor erfahren. Angeführt von Claudia Schmidt, Ratsfrau und verkehrspolitische Sprecherin im Kreisverband der Grünen, radelte die knapp 20-köpfige Gruppe zu neuralgischen Punkten in der Stadt, von der kopfsteingepflasterten Salzstraße am Wasser zur Unterführung der Bockelmannstraße am Lösegraben, über die Scholze-Kreuzung bis zum Bahnhof.

Überall wurden Verbesserungen für Radfahrer angemahnt, von sinnvolleren Ampelschaltungen über flachere Rampen bis zu mehr Parkhäusern und mehr Regionalzüge nach Hamburg, wie Tobias Neumann vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Niedersachsen (ADFC) forderte. „Wir wollen eine Stadt für alle, nicht nur für Autofahrer“, forderte eine Teilnehmerin, ein anderer regte mehr Kontrollen in Fußgängerzonen an, „in Spanien macht man das mit Video-Kameras. Wer erwischt wird, zahlt 90 Euro“, sagte Hans-Joachim Schröder aus Bardowick. Und der ebenfalls mitradelnde Herbert Klement (84) aus Lüneburg wünschte sich „endlich einen Radweg durch den Kurpark“.

Schulz-Hendel forderte die Kommunen auf, zukunftsfähige Radverkehrskonzepte zu entwickeln. Dabei sollten sie vom Land unterstützt werden. Die rot-schwarze Landesregierung setze aber andere Schwerpunkte: „Der 12-Millionen-Euro-Fördertopf für Radschnellwege wurde ersatzlos gestrichen“, kritisierte Schulz-Hendel. Zwar sei anzuerkennen, dass das Land die GVFG-Mittel auf 150 Millionen Euro aufgestockt habe, „davon sollten aber 15 Millionen Euro klar nur für das Rad ausgegeben werden“.

Fragenkatalog an die Landesregierung

Wie die Landesregierung in Sachen Radverkehrsentwicklung vorgehen will, darüber soll nun eine 158 Fragen umfassende „Große Anfrage“ Auskunft geben, die Schulz-Hendel mit dem ADFC erarbeitet hat. „Die Antworten erwarten wir im Oktober, aus ihnen werden wir unsere 15 Kernthemen herausarbeiten.“

Von Ulf Stüwe

8 Kommentare

  1.  „Wir wollen eine Stadt für alle, nicht nur für Autofahrer“, forderte eine Teilnehmerin, ein anderer regte mehr Kontrollen in Fußgängerzonen an, „in Spanien macht man das mit Video-Kameras. Wer erwischt wird, zahlt 90 Euro“, sagte Hans-Joachim Schröder aus Bardowick.“

    90 € Strafe wäre auch etwas für rasende in der Gegend umherschauende Radfahrer in der Fußgängerzone. Hier von man regelmäßig zur Seite springen um nicht „angeradelt“ zu werden.

    „Und der ebenfalls mitradelnde Herbert Klement (84) aus Lüneburg wünschte sich „endlich einen Radweg durch den Kurpark“.

    Es ist gut so wie es ist im Kurpark. Die Menschen möchten hier in Ruhe spazieren gehen, ohne Radverkehr. Bedenken Sie die vielen Familien mit kleinen Kindern die sich wenigstens dort ausgelassen bewegen können.

  2. Ich denke die Forderung der Freigabe für den Radverkehr wird sich an den südlichen Teil (nicht umzäunten Teil) gerichtet haben. Der nördliche Teil soll auch weiterhin der Erholung dienen. Einer Öffnung des südlichen Teils kann ich ebenfalls nur begrüßen!

  3. Die Salzstrasse am Wasser ist nicht nur für Radfahrer sondern auch für Autofahrer unangenehm zu fahren. Deshalb käme ich aber nie auf die Idee eine Veränderung zu fordern um dort komfortabler fahren zu können, weil mir das historische Stadtbild tausendmal wichtiger ist. Aber den Fahrradegoisten scheint das völlig egal zu sein. Traurig.

  4. Alle Vorschläge und auch die Touren, die Herr Pez in der LZ vorschlug sind Tropfen auf den heißen Stein. Es fehlt ein Gesamtkonzept für Lüneburg. Nun soll auch das Lastenfahrrad in das Gespräch kommen. An sich eine gute Idee, aber viele Radweg sind zu schmal, Kurven zu eng. Mal ein Anfang: :
    – Soltauer Straße wird Fahrradstraße vom Munstermanskamp bis Rathaus

  5. Die Fahrradfahrer fordern mehr Rücksicht!!! Hm?! Die wünsche ich mir als Fußgänger in den Fußgängerzonen der Innenstadt auch, aber von den Fahrradfahrern. Als Autofahrer wünsche ich mir diese Rücksicht auch und zwar widerum von den Fahrradfahrern, die teilweise im Dunkeln ohne Beleuchtung, auf der falschen Seite fahrend, oder einen Fußgängerweg nutzend, den Sie bevorrechtigt nur nutzen dürfen, wenn sie das Rad schieben, mich und andere gefährden. Die STVo ist vielen Fahrradfahrern offensichtlich nur entfernt ein Begriff.

    Das sich ein Grüner Landtagsabgeordneter für die Reaktivierung der Bahnstrecke Amelinghausen- Lüneburg stark macht, will ich glauben, dass entspricht ja der Grünen Linie. Es würde aber helfen, wenn er sich parallel Gedanken darüber machen würde, wie man den an der Bahnstrecke, tlw. im Lüneburger Stadtgebiet, lebenden Anwohner, im gleichen Atemzug zu einem Lärmschutz verhilft.

  6. immer das penetrante klingeln. die einen hupen, die anderen klingeln und das fußvolk schreit und meckert. wer redet da eigentlich noch vernünftig mit wem?

  7. Zitat : „Vielleicht wäre es besser, die Parkplätze an den Sülzwiesen doch nicht kostenpflichtig zu machen“ – Danke, Herr Schulz-Hendel für dieses längst überfälligen Worte! Ich hoffe sehr, sie treffen bei Ihrer Parteikollegin Claudia Schmidt doch noch auf offene, grüne Ohren. Denn wichtig ist nicht nur „mitfühlende Unterstützung für Radfahrer“, sondern auch verkehrspolitische Klarsicht, die sich an der Realität orientiert und der die Interessen der Park-Automaten-Aufsteller und Bürokratie-Befürworter schnuppe sind.

  8. Kostenpflichtiges Parken auf den Sülzwiesen wäre ungerecht, denn es benachteiligt Geringverdiener und sozial Schwächere, die dann zwar gegen Vorlage einer “ amtliche beglaubigten Armutsbescheinigung“ einen lächerliche Rabatt bekämen, aber insgesamt würde die Verkehrssituation sich dadurch in keiner Weise bessern, im Gegenteil, es ist genau so, wie Herr Schulz-Hendel es in dem LZ-Artikel sagt! Auch die Möglichkeit zu „Park&Ride“ wäre sehr eingeschränkt, wenn man im Stunden-Takt Parkschinautomaten füttern müsste. Ich möchte das nochmal hervorheben, und Herrn Schulz-Hendel ausdrücklich danken für seine klare und pointierte Stellungnahme! Er scheint ja einer der ganz wenigen zu sein, die den Irrsinn dieser Pläne erkannt haben, und die noch den Mut haben, Kritik zu üben und festzustellen, dass „Parkraumbewirtschaftung“ auch nicht unbedingt den Radverkehr fördert. Als die Diskussion um die Parkaumbewirtschaftung auf den Sülzwiesen anfing, hat selbst die LInke, die angeblich für sozial Schwächere eintritt, dies nicht erkannt und sich auch nicht dagegen ausgesprochen, im Gegenteil, die Linke, damals unter Michèl Pauly, hat, soweit ich mich erinnere, die Parkraumbewirtschaftung begrüßt, angeblich weil damit die „Atttraktibvität des ÖPNV“ erhöht werden könnte.
    Zu hoffen wäre, dass Herr Schultz-Hendel seine Parteikollegin Frau Schmidt doch noch überzeugen kann, dafür einzutreten, das unsägliche Projekt „Parkraumbewirtschaftung auf den Sülzwiesen“ ein für alle mal zu begraben. Dazu braucht man m. E. übrigens kein teures „Expertengutachten“ – etwas gesunder Menschenverstand und Gespür für die Stimmen der Bürgerinnen würde ausreichen.