Dienstag , 17. September 2019
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Hans-Herbert Sellen am Aussichtspunkt, dessen Ausblick auf die Ilmenau inzwischen aber zugewachsen ist. Foto: us

Der vergessene Park

Lüneburg. Wussten Sie, dass Lüneburg eine Grotte hat? Jedenfalls Reste davon. Auch ein Alpensteingarten und eine Findlingsgruppe zierten vor Jahren den Bockelsb erg. Kennen Sie nicht? Bekannt sind aber sicher die benachbarten Fischteiche, die Spaziergänger auf dem Weg zur Roten Schleuse passieren. Sie alle sind Teil einer vor gut einhundert Jahren entstandenen weiträumigen Parklandschaft, geschaffen vom „Lüneburger Verschönerungsverein“. Auch wenn die ehemals aufwendig gestaltete Anlage als solche heute kaum mehr zu erkennen ist, gibt es noch viele Zeugnisse ihrer früheren Pracht. Mit Hans-Herbert Sellen vom Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA) hat sich die LZ auf Spurensuche begeben.

Nur noch Reste sind von der Grotte am Düvelsbrooker Weg erhalten. Foto: us

„Wir müssen dort mal unter dem Laub schauen“, sagt Hans-Herbert Sellen und bahnt den Weg durchs Gestrüpp. Nur eine leichte Erhöhung in dem bewaldeten Areal zwischen Amselbrücke, Willy-Brandt-Straße, Ilmenau und Düvelsbrooker Weg lässt erahnen, dass hier einmal dieser „Alpensteingarten“ gewesen sein muss. „Er wurde vermutlich Ende 1912 von Elisabeth Maske, der Tochter des früheren Stadtbaumeisters, angelegt und als botanischer Garten für den Biologieunterricht der Studienrätin genutzt“, weiß Sellen. Als langjähriges ALA-Mitglied hat er sich intensiv mit der Entstehung der Bockelsberg-Anlagen beschäftigt, in Archiven geforscht und darüber vor Jahren umfassend in den ALA-Jahresheften berichtet.

Park beeindruckt mit beachtlichen Dimensionen

Nach vergeblichem Bemühen, unter Laub und Humus doch noch Reste des Steingartens zu finden, geben wir schließlich auf und wenden uns einem anderen Objekt in der Nähe zu, von dem wir uns mehr als nur Andeutungen früherer Existenz erhoffen. Wir haben Glück. Über eine stark verwitterte Steintreppe gelangen wir auf einen Hügel, den eine Gruppe aus vier Findlingen ziert. Unter ihnen ein großer, bizarr geformter Stein, laut Sellen ein Kalksandstein-Gebilde, dessen hörnerartige Formen merkwürdig künstlich anmuten. „Zwei oder drei Hörner wurden tatsächlich nachträglich angebracht, wohl, um den eigenwilligen Charakter noch zu verstärken“, sagt Sellen.

Beide Objekte sind nur ein kleiner Teil einer zu Beginn des vorigen Jahrhunderts unter großem Aufwand geschaffenen park­ähnlichen Landschaft. Zwar war sie in diesem großzügigen Areal mit ihren zahlreichen Wegen, künstlichen Teichen, Objekten, Treppen und Aussichtspunkten besonders aufwendig angelegt worden, erstreckte sich aber noch weit darüber hinaus bis zur noch heute vorhandenen Teichlandschaft weiter südlich, die ebenfalls künstlich angelegt worden war.

Lüneburger „Verschönerungsverein“

Die Dimensionen des Parks waren beachtlich: 28 Hektar maß er nach seiner Fertigstellung im Jahr 1901 und erstreckte sich etwa zwei Kilometer in nord-südlicher Richtung zwischen Ilmenau und Bockelsberg. Zum Vergleich: Der später angelegte Kurpark bringt es nur auf knapp einen Kilometer. Auch wenn in den 1960er-Jahren Teile wegen der neu angelegten Willy-Brandt-Straße weichen mussten, ist das Gebiet noch heute weitgehend erhalten.

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(Arbeitskreis Lüneburger Altstadt)“ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“fromleft“]

Angelegt hatte die Bockelsberg-Anlagen der Lüneburger „Verschönerungsverein“, gegründet 1887 unter anderem vom damaligen Oberförster a.D. Hermann Busse. Der Name des Vereins war Programm, es ging um die landschaftliche Gestaltung des Kalkbergs und des Bockelsbergs. Insbesondere bei Letzterem hatte man sich wahrlich Großes vorgenommen.

Denn das heute bewaldete Gebiet sah damals noch ganz anders aus, „es war, kurz gesagt, trostlos“, wie Sellen bemerkt. „Das ganze Bockelsberg-Gebiet war weitgehend kahl und baumlos bis auf ein kleines Kieferngehölz. Ein großer Teil war sogenanntes Unland, insbesondere Heide, ein weiterer Teil Felder.“ Und: Es gab einen schmalen unbefestigten Fußweg Richtung Rote Schleuse, das dortige Forsthaus war schon damals ein beliebtes Ausflugsziel mit Kaffeewirtschaft.

Verein fand schnell begeisterte Mitglieder

Der Gedenkstein an der Schutzhütte ist Hermann Busse gewidmet. Foto: us

Dass die Gestaltung der Landschaft überhaupt in Angriff genommen wurde, lag zum einen an der besonders lohnenden, aber leider auch schwer erreichbaren Aussicht vom hochgelegenen Bockelsberg auf das Ilmenautal, zum anderen an der Stimmung dieser Zeit. Denn Verschönerungsvereine gab es in Deutschland zuhauf, gegründet von engagierten Bürgern mit der Absicht, stadtnahe Erholungsgebiete und Parks zu schaffen, wie Sellen berichtet. Das stieß auch in Lüneburg auf reichlich Zuspruch: bereits kurz nach seiner Gründung hatte der Verein 448 Mitglieder.

Schnell setzte man die Pläne für die Schaffung der Bockelsberg-Anlagen um. Nach dem Anlegen des noch heute vorhandenen Promenadenwegs zur Roten Schleuse wurde der noch weitgehend kahle Bockelsberg aufgeforstet, dort wurden auch zahlreiche Spazierwege mit Treppenaufgängen zum Aussichtspunkt angelegt. Auch diese sind noch heute erhalten, die Sicht auf die romantisch vorbeimäandernde Ilmenau aber ist inzwischen verloren: zugewachsen, weil die Stadt mit ihrem Konzept einer naturnahen Waldbewirtschaftung heute andere Prioritäten setzt.

Spaziergänger lieben die Anlagen noch immer

Bis zum Jahr 1901 waren die wesentlichen Arbeiten abgeschlossen, darunter auch das Anlegen der ehemals 21 Fischteiche, von denen heute noch 14 vorhanden sind, wenn auch in meist erbärmlichem Zustand. Denn schon bald führte der Laubfall zu ihrer Verschlammung mit übel riechender Fäulnisbildung, mehrfache teure Aktionen, dies wieder in den Griff zu bekommen, zuletzt im Jahr 2012, brachten nur kurzfristigen Erfolg.

Pläne, hier noch einmal aktiv zu werden, gebe es derzeit nicht, heißt es seitens der Stadt, die für das kommende Winterhalbjahr lediglich einen erneuten Gehölz-Rückschnitt und ein weiteres Absenken des Wasserspiegels der beiden großen Teiche angekündigt hat, um die weitere Verlandung zu fördern.

Prächtige Promenaden-Anlagen

Wegen des starken Laubeintrags verschlammen die Fischteiche. Foto: us

Immerhin werden einige der damals angelegten Wege noch heute durch die Stadt erhalten und bei Bedarf erneuert, auch soll es Überlegungen geben, wonach die Universität Lüneburg im Rahmen eines Studenten-projekts die Wiederbelebung einiger Wege in Angriff nehmen will. Und auch neue Bänke wurden zwischenzeitlich wieder aufgestellt. Denn noch immer sind die Bockelsberg-Anlagen eines der beliebtesten Ziele für Tagesausflüge und Spaziergänge der Lüneburger, auch wenn das Areal an seine frühere Glanzzeiten längst nicht mehr anknüpfen kann.

Die Zeit der „prächtigen Promenaden-Anlagen“, wie sie in damaligen Reiseführern und Publikationen gelobt wurden, ist wohl ebenso unwiederbringlich vorbei wie der „Lüneburger Verschönerungsverein“, der sich nach schwindendem Mitgliederinteresse 1947 auflöste und seinen Park der Stadt zurückgab mit der Bitte, „den vorhandenen Waldbestand nach dem Bestreben seines Begründers durch das Stadtforstamt weiter parkartig bewirtschaften zu lassen“.

Von Ulf Stüwe