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Vermutlich nach einem Verkehrsunfall ist diese Wölfin gestorben. Tierarzt Stephan Schlawinsky war im Einsatz, konnte aber nur noch den Tod feststellen. Foto: phs

Einsatz nach „Notruf Wolf“

Neetzendorf. Es ist Sonntagabend, halb elf, als bei Stephan Schlawinsky der Notruf eingeht. „Auf der B 216 hinter Oldendorf liegt ein verletzter Wolf auf der St raße“, erklärt ihm der Beamte aus der Leitstelle der Polizei in Lüneburg. „Offenbar angefahren und noch am Leben.“ Kurz darauf sitzt Schlawinsky im Auto Richtung Einsatzort, auf der Rückbank das Betäubungsgewehr.

Die Fahrt dauert keine zehn Minuten, in Gedanken spielt er die verschiedenen Szenarien durch. Schwer verletzt – betäuben und einschläfern. Leicht verletzt – betäuben und behandeln. Seit wenigen Monaten ist das Vorgehen bei „Notruf Wolf“ im Kreis Lüneburg klar geregelt. Und das heißt für Schlawinsky: Er ist als einer von drei Tierärzten im Kreis berechtigt, die streng geschützte Art zu behandeln, wenn nötig auch zu töten.

Dieses Mal muss er weder das eine noch das andere tun. Denn als er am Ort des Geschehens eintrifft, liegt der Wolf bereits regungslos in der Mitte der Fahrbahn. Vorsichtig nähert sich Schlawinsky dem Tier, als keine Reaktion kommt, kniet er sich daneben. Der Tierarzt sucht nach Atembewegungen, hört das Herz ab, findet aber kein Lebenszeichen. Dann drückt er mit dem Finger auf das Lid. „Das ist der letzte Reflex, der noch einsetzt“, sagt er. Als auch der negativ ausfällt, ist sich Schlawinsky sicher: Der Wolf ist tot.

Keine Hinweise auf illegale Tötung

Er selbst kann an diesem Abend nicht mit Sicherheit sagen, woran das Tier gestorben ist. Und auch bei genauerer Untersuchung in seiner Praxis kann er keine endgültigen Beweise finden. „Doch aus meiner Sicht ist er mit ziemlicher Sicherheit Opfer eines Verkehrsunfalls.“ Offene Wunden an den Beinen, ein gebrochener Oberschenkel. „Wahrscheinlich hat das Tier auch gebrochene Rippen und ist an inneren Verletzungen gestorben“, vermutet Schlawinsky. Dass sich der Fall ähnlich entwickeln könnte wie bei dem toten Wolfsrüden bei Harmstorf (LZ berichtete), glaubt er nicht. „Doch endgültig Klarheit werden nun die weiteren Untersuchungen schaffen.“

Wie alle tot aufgefundenen Wölfe in Deutschland wird auch dieses Tier im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin untersucht (mehr dazu siehe Text rechts). „Und sollte es wie der Harmstorfer Wolf nicht durch einen Unfall, sondern durch einen Schuss zu Tode gekommen sein, wird man es dort herausfinden.“ Mit Sicherheit kann Schlawinsky nur noch so viel zu dem Tier sagen: „Es ist ein Weibchen, gerade mal vier Monate alt, 15 Kilogramm schwer, hat noch Milchzähne.“

Lange fehlten einheitliche Vorgaben

Wer das Tier möglicherweise angefahren hat, ist offen. Laut Polizeisprecher Kai Richter gibt es bisher keinerlei Hinweise auf ein Fahrzeug und dessen Fahrer. Als Schlawinsky eintraf, waren lediglich die jungen Leute vor Ort, die das verletzte Tier gefunden und gemeldet hatten. „Die haben ihr Auto aus Angst nicht verlassen, weil sie in der Nähe das Rudel heulen gehört hatten“, erzählt der Tierarzt. „Wahrscheinlich haben die anderen Wölfe nach ihrem fehlenden Familienmitglied gerufen.“

Für Schlawinsky war es der erste Wolfseinsatz in seiner Laufbahn. „Und ich bin froh, dass dafür jetzt endlich alles eindeutig geregelt ist“, sagt er. Lange fehlten einheitliche Vorgaben, „da durften auch wir als Tierärzte streng geschützte Arten wie den Wolf auch dann nicht ohne Zustimmung der Behörden nottöten, wenn sie schwer verletzt waren und offensichtlich litten.“ Nun hat der Landkreis nachgebessert und Klarheit geschaffen. Das Ergebnis ist eine Art Notfallplan, der ein festgelegtes Team aus Amts- und normalen Tierärzten zum Einsatz berechtigt und den Ablauf im Ernstfall konkret regelt.

Von Anna Sprockhoff

Der Notfallplan

Was im Ernstfall zu tun ist

Wenn ein kranker oder verletzter Wolf gefunden wird, sollte der Fall der Polizei oder der Einsatzleitstelle der Feuerwehr gemeldet werden. Die leiten die Information weiter in das Team aus acht Amtstierärzten und drei Tierärzten. Ein Veterinär fährt dann zum verletzten oder kranken Tier und entscheidet über das weitere Vorgehen.

Gegebenenfalls muss der Wolf für weitere Untersuchungen betäubt, vielleicht in die Tierarztpraxis gebracht werden. Stellt sich heraus, dass der Wolf so schwer verletzt ist, dass eine langwierige Behandlung notwendig und er nicht nach wenigen Tagen oder Wochen auswilderungsfähig ist, wird er nach Absprache mit den zuständigen Behörden eingeschläfert. Bei einer leicht- bis mittelschweren Verletzung wird der Wolf behandelt und bis zur Auswilderung im Wildpark Lüneburger Heide oder im Wolfcenter Dörverden betreut. Ist der Wolf nur leicht verletzt, wird er wenn nötig behandelt und sofort wieder freigelassen.

Todesursache auf der Spur

Lüneburg/Berlin. Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst – und damit auch die Zahl der Verkehrsunfälle. Allein in diesem Jahr gab es laut Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft in Niedersachsen 13 Verkehrsunfälle, bei denen ein Wolf zu Tode gekommen ist. Dazu kommen drei Fälle, in denen ein Wolf illegal geschossen wurde.

Woran ein aufgefundener Wolf in Deutschland gestorben ist, ermittelt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Dort werden die Kadaver per Computertomographie auf Munition und Munitionsreste untersucht, danach zur weiteren Diagnose in der Pathologie aufgeschnitten. „Zusätzlich erheben wir Daten zu Parasitenbefall, Gewicht und Größe, bestimmen außerdem die Genetik, sodass wir wissen, zu welchem Rudel das Tier gehört hat“, erklärt IZW-Sprecher Steven Seet.

Anfangs untersuchte das IZW zwei bis drei Tiere im Jahr, „mittlerweile sind es fast 100“, sagt Steven Seet. „Und von denen sind 17 bis 18 Prozent illegal getötet worden.“ Häufig würden die Tiere erschossen, „es gab aber auch schon Fälle, in denen dem Tier der Kopf abgeschnitten wurde.“ Auch Fälle, in denen der Wolf mit dem Auto gejagt und dann gezielt totgefahren wurde, „konnten wir hier schon nachweisen“. off

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6 Kommentare

  1. Wird so auch bei anderen verletzten Tieren gehandelt? Oder ist der Wolf ein „Privatpatient“ mit bevorzugter Behandlung?

    • Juergen
      millionen von tieren werden bei uns jährlich erschossen und besonders weidmännisch durch den straßenverkehr erlegt und im schlachthof passiert was? dort werden die tiere totgestreichelt,damit wir sie auffressen können. so ist das , wenn man in der futterhierarchie ganz unten steht. wölfe sind zum verzehr nicht geeignet und stehen ebenfalls am ende der nahrungskette, wie wir menschen. gegenseitig umbringen tun wir uns trotzdem. wölfe sind für die natur eine sehr nützliche art, der mensch dagegen weniger. privatpatienten gibt es bei menschen überflüssiger weise auch noch.

  2. Annegret Sproesser

    Was für ein Aufstand wegen eines überfahrenen Wildtieres.

    Die Verantwortlichen sollten dringend in die Pötte kommen und etwas für die Reduzierung der Wölfe tun. Das ist Zivilschutz und angewandter Tierschutz. Für Menschen, Weidetiere und Wölfe.

    • Annegret Sproesser
      werden ihnen noch zu wenige wölfe tot gefahren, oder warum wollen sie zusätzlich wölfe erschießen lassen? oder wie soll die reduzierung laufen?

  3. Werner Tinnemeier

    Es gibt einen guten Spruch
    Wenn man Leute von NABU oder Angestellte der Landesforsten zu Wolfsbeauftragten macht
    dann kann man auch einen Dackel einsetzen ,der auf die Pausenbrote der Kinder im Kindergarten aufpasst