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Weinbauern
Hans-Jürgen Meyer blickt auf die im Frühsommer gepflanzten Weinstöcke auf seinem Acker in Wiecheln, Gemeinde Thomasburg. Die Pflanzen sind durch die Trockenheit im Sommer wesentlich weniger gewachsen als üblich. (Foto: geo)

„Hier haben wir die Bescherung“

Wiecheln. Als Hans-Jürgen Meyer unter den kräftigen Eichen hervortritt und auf das Feld blickt, das sich von der Straße abschüssig in Richtung Kiefernwald streckt, fasst er alles, was er danach sagen wird, in fünf Wörtern zusammen: „Hier haben wir die Bescherung.“ Gemeinsam mit seinem Sohn hat der pensionierte Kaufmann im Frühjahr 2500 Weinstöcke in die Erde gesetzt. Der trockene heiße Sommer hat die Familie in ihren Plänen um etwa ein Jahr zurückgeworfen.

In schnurgeraden Bahnen stehen die jungen Weinpflanzen auf dem ehemaligen Kartoffelacker an der Straße Richtung Ellringen im Thomasburger Ortsteil Wiecheln. 600 Aluminiumpfähle und 22 Kilometer Draht haben die Männer mit einem Team aus Helfern hier verbaut, das Feld mit 2750 Meter Zaun vor Wild geschützt und jeden einzelnen Rebstock in die Erde gesetzt – per Hand. Gut 20 000 Euro stehen schon jetzt auf dem ersten Weinhang des Landkreises Lüneburg, und es werden noch viel mehr werden.

Die Rebpflanzrechte wurden vor drei Jahren erworben

Nach einem hobbymäßigen Testbetrieb im Garten vor drei Jahren bewarb sich Sohn Hannes Meyer, 33 Jahre alt und Biologielehrer, um sogenannte Rebpflanzrechte: Nur wer diese besitzt, darf Wein auch über das Hobby hinaus anbauen und verkaufen. 2016 wurden diese in Niedersachsen zum ersten Mal überhaupt vergeben, und Meyer zählte zu den ersten zehn Winzern des Bundeslandes.

Mit der Pflanzung konnten Vater und Sohn aber erst in diesem Frühjahr beginnen, denn Weinpflanzen haben eine Bestellzeit von 1,5 Jahren. Die lange Wartezeit liegt daran, dass jeder Rebstock einzeln veredelt wird: Auf einen amerikanischen Stamm wird die deutsche Sorte gepfropft, ähnlich wie bei Apfelbäumen. „Der amerikanische Stamm ist gegen die Reblaus resistent, daher nutzt man ihn“, erklärt der selbst erlernte Winzer Hans-Jürgen Meyer.

Einen Sommer später steht der 67-Jährige zwischen seinen Weinstöcken und hebt eine Hand in die Höhe seines Kopfes. „Eigentlich hätten sie alle in etwa so hoch wachsen sollen“, sagt er. Doch die grünen Blätter um ihn herum befinden sich zum größten Teil auf Kniehöhe. Manche sind so groß wie geplant, bei anderen lugt noch nicht einmal ein einziges Blatt aus dem hölzernen Stummel, der eines Tages ein Stamm sein soll.

Mmit der Gießkanne nachgeholfen

Dass die Weinstöcke so unterschiedlich wachsen, liegt am Boden, der innerhalb weniger Meter unterschiedlich feucht ist. „Wenn die Elbe Hochwasser hat, versacken wir an den Stellen, an denen die Pflanzen jetzt so schön hoch gewachsen sind“, erzählt Meyer. „Ein paar Meter weiter aber ist alles knochentrocken.“

„Ein paar Meter weiter ist alles knochentrocken.“ – Hans-Jürgen Meyer, Weinanbauer

Die Winzer-Pioniere haben daher schon in ihrer ersten Saison etwas tun müssen, was in der Branche verpönt ist: Sie haben mit der Gießkanne nachgeholfen. „Eigentlich heißt es, Wein soll sich quälen“, weiß der Diplom-Kaufmann, der sich das Weinwissen selbst angelesen und von erfahrenen Winzern erklärt bekommen hat. „Aber mit so einem Sommer rechnet ja niemand…“

Normalerweise sollen sich die Weinpflanzen ausschließlich von dem Erdreich und dem Wasser ernähren, das ihre bis zu 30 Meter in den Boden reichenden Wurzeln aufnehmen. Deswegen schmecken Weine nach ihrer Lage, und deswegen wird üblicherweise auch nicht gedüngt. „Sonst schmeckt jeder Wein gleich, und zwar nach den zugegebenen Mineralien“, erklärt Meyer. Auf das Gießen sollen Weinbauern verzichten, weil die Pflanzen dann mehr Wurzeln nahe der Erdoberfläche ausbilden als in den tieferen Schichten. Entsprechend erreichen sie die Mineralien ganz unten nicht. Doch ohne zu wässern hätten die Pflanzen den Start in Wiecheln nicht überstanden, und wo noch kaum ein Blatt aus dem Stämmchen wächst, haben Hans-Jürgen und Hannes Meyer Rohre ins Erdreich gesteckt, durch die das Wasser bis an die Wurzeln gelangen soll – in der Hoffnung, dass die Pflanzen doch noch austreiben. „Wie viel wir neu pflanzen müssen, werden wir im Frühjahr sehen“, sagt der Senior.

Einige Trauben haben die Meyers auf ihrem neuen Wein­acker zwar auch schon geerntet, aber viele von ihnen hat der 67-Jährige auch abgeknipst, um die schwache Pflanze etwas zu erleichtern. „Wenn jetzt andernorts über die hohe Qualität der Ernte gesprochen wird, muss man auch bedenken, dass viele Trauben vertrocknet sein werden“, denkt der Winzer-Neuling. „Ein Hosianna-Jahr wird 2018 nicht werden.“

In fünf Jahren soll es den ersten Wein geben

Der schwierige Start wirft die Pläne der Wiechelner zwar zurück, aber dämpft die Freude über ihr Pionierdasein nicht. Im nächsten Frühsommer wollen die Meyers die nächsten 2500 Rebstöcke einpflanzen. Das müssen sie laut EU-Weinmarktregelung auch: Wer Weinbaurechte besitzt, muss die entsprechenden Anpflanzungen innerhalb von drei Jahren auch ausführen, sonst droht ein Bußgeld in Höhe von bis zu 20 000 Euro.

Fünf Jahre nach der Pflanzung, so lautete die ursprüngliche Kalkulation der Familie, wird es den ersten Wein aus Wiecheln geben. Und wenn erst die gesamte erlaubte Fläche bepflanzt ist und abgeerntet werden kann, dann könnte es eines Tages bis zu 10 000 Flaschen Wiechelner Wein pro Saison geben – in erster Linie der Sorte Solaris, ein Weißwein.

Von Carolin George