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Verwahrlost, und niemand kümmert sich so richtig: Das Haus an der Stöteroggestraße gilt als Problemfall. Foto: phs

Das Haus, das keiner haben will

Lüneburg. Für Rechtspfleger Ulrich Adam war es ein Termin, von dem er im Voraus wusste: „Es wird nichts dabei herauskommen.“ Denn wer bei der Zwangsversteigerun g für das Gebäude und das 658 Quadratmeter große Grundstück Stöteroggestraße 2 bieten wollte, hätte ein schlechtes Geschäft gemacht. Bei einem geschätzten Verkehrswert von 300.000 Euro hätte der Käufer einen Darlehensvertrag von 1,1 Millionen Euro nebst jährlich 15 Prozent Zinsen mit übernehmen müssen. Adam sagte mit bitterer Ironie: „Selbst einem RTL II-Zuschauer mag auffallen, dass es nicht zusammenpasst.“

Es geht um ein Haus, dessen Bewohner den Nachbarn Albträume bescheren. Die LZ hatte darüber berichtet, was Anwohner, die auch im Saal saßen, erzählten: Mindestens ein Mann fällt als hochaggressiv auf. Der Vermieter kümmert sich nicht um Berge von Müll vor dem Haus. Wahrscheinlich leben Menschen mit zweifelhaften Mietverträgen dort. Der Hausbesitzer, der ein Café mitten in der Stadt betreibt, war auch Vermieter eines Hauses Auf dem Kauf. Auch dort unhaltbare Zustände, die Stadt hatte das Gebäude vor Wochen wegen Brandschutzmängeln zwangsgeräumt.

Selbst bei einem Eigenbedarf gelten Kündigungsfristen

Adam, selbstverständlich formal korrekt, gab bei diesem Haus mit Witz eine kleine Lehrstunde. Denn im Saal saß eine Berufsschulklasse angehender Bankkaufleute, die sich mit dem Thema Zwangsversteigerung beschäftigte. „Dieses Verfahren ist in höchstem Maße nicht gewöhnlich“, erklärte Adam. Es gebe ein Ehepaar als Eigentümer, jedem der beiden gehöre eine Hälfte der Immobilie, jede sei belastet. Das Finanzamt betreibe das Verfahren, dessen Forderung liege bei insgesamt rund 170.000 Euro, dazu kommen Verbindlichkeiten bei einer lokalen Bank, eben die 1,1 Millionen Euro. Zudem müsse man in die bestehenden Mietverträge einsteigen, selbst bei einem Eigenbedarf würden Kündigungsfristen gelten.

Die tatsächliche Forderung des Geldinstitutes gegenüber dem Hausbesitzer fällt wesentlich geringer aus, war zu erfahren. Man habe sich über einen entsprechenden Eintrag geplante andere Geschäfte absichern wollen. Einer Vertreterin des Finanzamtes sowie einer der Bank war klar, dass niemand für das Haus bieten würde, auf dem eine Millionenlast liegt. Es habe formalrechtliche Gründe, erklärte die Bankerin den Schülern, dass man das Verfahren betreibe. Behörde und Bank wollen quasi einen Schlussstrich ziehen.

Im zweiten Anlauf sind die Chancen besser

Adam geht davon aus, dass es zu einem zweiten Versteigerungstermin kommen werde, den die Beteiligten beantragen können. Die Bank komme in eine andere Rolle. Ein Großteil der jetzt auf dem Haus liegenden Forderungen falle weg. Im Prinzip gehe es dann um den tatsächlichen Verkehrswert von 300.000 Euro. Und der dürfte sich für das Haus auch locker erzielen lassen angesichts des profitablen Lüneburger Immobilienmarktes.

Der Hausbesitzer und seine Frau waren nicht zum Termin erschienen. Der Mann hätte sich sonst wohl genervten Nachbarn stellen müssen. Die beklagten, dass das Grundstück immer weiter verwahrlose, manche Mieter ihre Notdurft im Garten verrichten, einige auch sehr bedrohlich wirkten. Die Anwohner wünschen sich, dass das Haus bald verkauft wird. An einen netten Nachbarn. Doch es dürfte Monate dauern, bis es weitergeht.

Von Carlo Eggeling