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Um die Kulturlandschaft an der Ilmenau zu bewahren, bedarf es auch künftig der Wehre. Aus technischer Sicht der Wasserbauer sind dafür die historischen Nadelwehre, wie hier in Wittorf, aber nicht mehr erforderlich. Foto: t&w

Die Zukunft des Wassers

Lüneburg. Wasser ist ihre Leidenschaft. Sie sorgen dafür, dass Menschen Zugang zu Trinkwasser haben, Kläranlagen Abwässer reinigen, Küsten- und Flussbewohner sicher hinter Deichen leben, Schiffe auf Wasserstraßen fahren können. „Wir bauen in und am Wasser, sind eine Vertiefung des Bauingenieurswesens“, sagt Ulrich Ostermann, Landesvorsitzender für Niedersachsen und Bremen im Bund der Ingenieure für Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und Kulturbau (BWK). Er ist Geschäftsführer des Kreisverbandes der Wasser- und Bodenverbände Uelzen und wohnt in Lüneburg.

Zu ihrem diesjährigen Bundeskongress trafen sich rund 200 Umweltingenieure und Wissenschaftler aus dem Umweltbereich in Lüneburg. Sie diskutierten über Hochwasserschutz im Binnenland, Wassermanagement und Grundwasserhaushalt.

Besiedlung und Naturschutz

Professor Holger Schütt-rumpf ist BWK-Präsident. Der Institutsleiter für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen sagt, bei den Herausforderungen der Zukunft hänge alles mit allem zusammen. Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Siedlungspolitik, Industrie und Landwirtschaft können Wissenschaft und Forschung nicht voneinander getrennt betrachten. „Wir haben einen Klimawandel auf einer Erde, auf der zuvor noch nie so viele Menschen gelebt haben wie jetzt. Es werden noch mehr, und alle müssen mit Wasser und Nahrung versorgt werden“, verdeutlicht Schüttrumpf.

Auf der Zukunfts-Agenda stehen ihm zufolge auch die Themen Besiedlung und Naturschutz. „Die meisten Mega-Städte der Welt sind am Meer angesiedelt. In Deutschland liegen alle Großstädte an Flüssen“, sagt er. In Zeiten eines Klimawandels, der durch zunehmende Extremwetterlagen je nachdem Hochwasser oder Wassermangel verursacht, verändert sich der Lebensraum in den Siedlungsgebieten am Wasser. Zuverlässigkeit bei Ver- und Entsorgung sowie beim Schutz vor Hochwasser fordert die Ingenieurskunst heraus. Ebenso die Durchgängigkeit der Flüsse für Fische. „Schon jetzt behindern zahlreiche Querriegel die Fische. Aufstiegshilfen schaffen für Abhilfe.“

Bei dem Kongress in Lüneburg beantworten die Experten auch Fragen rund um regionale Entwicklungen.

Hochwasserschutz an der Elbe

Ingelore Hering, Abteilungsleiterin Naturschutz, Wasserwirtschaft und Bodenschutz im niedersächsischen Umweltministerium, kündigt zusätzliche Mittel für den Hochwasserschutz im Binnenland ab dem kommenden Jahr an. Über mehrere Jahre verteilt stehen ihr zufolge 217 Millionen Euro in Niedersachsen zusätzlich zur Verfügung. „Im Wesentlichen werden die Mittel für den technischen Hochwasserschutz eingesetzt“, sagt sie.

An der Elbe setzt das Land den Fokus aktuell auf den Tidebereich, von der Stadtgrenze Hamburgs bis zum Stauwehr Geesthacht. „Dort werden Deiche erhöht“, so Rudolf Gade vom Umweltministerium in Hannover. Ob und was im Bereich der mittleren Elbe an Maßnahmen nötig wird, stehe hingegen noch nicht fest, sagt er. Denn noch liegen die neuen Bemessungswasserstände nicht vor. Diese sind Grundlage für den Hochwasserschutz. Insgesamt sind sich die Vertreter des Umweltministeriums sowie die Ingenieure Ostermann und Schüttrumpf einig: „Unsere Deiche sind sicher.“

Maßnahmen an der Ilmenau

Als Bundeswasserstraße hat die Ilmenau an Bedeutung verloren. Doch als Fließgewässer dürfe sie nicht vernachlässigt werden, sagt Ulrich Ostermann. Ziel sollte es sein, den Wasserstand wie bisher gewohnt zu halten, meint Ingelore Hering. „Passiert das nicht, könnte sich die Kulturlandschaft an der Ilmenau verändern.“ Wehre müssen den Wasserstand also weiterhin regulieren. „Aus technischer Sicht sind die historischen Nadelwehre nicht mehr nötig. Es gibt modernere Arten an Wehren“, erklärt Rudolf Gade. Fischtreppen als Aufstiegshilfe seien ratsam, so die Ingenieure.

Grundwasserentnahme durch Coca Cola

Wenn die Genehmigung für die Grundwasserentnahme durch Coca Cola rechtlich in Ordnung ist, spricht aus Sicht der Wasserbau-Ingenieure fachlich nichts dagegen. Das Grundwasser-System könne diese im Verhältnis geringe Entnahme-Menge verkraften. „Aber es stellt sich eine ganz andere Frage: Wollen wir, dass Trinkwasser aus Lüneburg in andere Regionen verbracht und vermarktet wird?“, gibt Ulrich Ostermann zu bedenken.

Neue Konzepte bei Starkregen

In Uelzen, Meppen, im Harzvorland und an der Aller laufen Untersuchungen über die Zusammenhänge bei Starkregen. Dabei geht es darum, bei künftigen Extremfällen, die meistens als lokale und kleinräumige Ereignisse auftreten, besser als bislang vorbereitet zu sein. „Ein Ziel ist, Vorhersagen und Vorwarnzeiten zu verbessern“, sagt Ingelore Hering. Ostermann verdeutlicht das Problem an einem Beispiel: „2002 gab es in den Kreisen Uelzen und Heidekreis Starkregen, der 18 Stunden anhielt. In Lüneburg hat davon keiner etwas mitbekommen.“ Weil die Menschen sich auf extreme Wetterereignisse einstellen müssen, sind neue Konzepte gefragt.

Das Gegenteil brachte dieser Sommer: Dürre. „Den Sommer 2018 können wir aus Sicht der Wasserversorgung problemlos verkraften. Auch wenn bis zu zweieinhalb mal mehr Trinkwasser verbraucht wurde als im Durchschnitt der vergangenen Sommer“, meint Ostermann.

Von Stefan Bohlmann

Hintergrund

4300 Mitglieder bundesweit

Der Bund der Ingenieure für Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und Kulturbau (BWK) ist ein technisch-wissenschaftlicher Verband von Fachleuten verschiedenster Disziplinen im Umweltschutz. Der BWK hat bundesweit etwa 4300 und in Niedersachsen-Bremen etwa 830 Ingenieure und Wissenschaftler aus der Wasserwirtschaft und dem Umweltschutz als Mitglieder.

Die Mitglieder setzen sich intensiv mit den Kernthemen des Umweltschutzes und der Wasserwirtschaft und damit der Daseinsvorsorge auseinander. Der Bund führt dazu Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen durch und beteiligt sich intensiv an der Erarbeitung von Grundlagen und Regelwerken.

Themen der BWK-Fortbildungsarbeit sind: Grundwasserschutz und die Wasserwirtschaft, Schutz oberirdischer Gewässer und die Verbesserung von Gewässerstrukturen, Schonung natürlicher Ressourcen durch Vermeiden und Verwerten von Abfällen, umweltverträgliche Abfall- und Abwasserentsorgung, Sanierung und Sicherung von Altlasten, Zusammenhänge von Klimaschutz, Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft, Zusammenhänge der erneuerbaren Energien und der Wasserwirtschaft.

One comment

  1. „Aber es stellt sich eine ganz andere Frage: Wollen wir, dass Trinkwasser aus Lüneburg in andere Regionen verbracht und vermarktet wird?“, gibt Ulrich Ostermann zu bedenken.

    Wer ist Wir? Die Meinung von „Wir“ zählt dabei doch eh nicht.