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Der Versandhändler Stefan Deerberg ist nach drei Jahren Pause in seinen Betrieb in Velgen zurückgekehrt. Er will Abläufe im Unternehmen neu strukturieren. Foto: Archiv

Harter Wind in der Öko-Branche

Velgen/Lüneburg. Nicht nur dem Einzelhandel in den Städten machen Amazon und Zalando zu schaffen, auch der Naturmode-Versandhändler Deerberg kämpft mit der Hera usforderung – und muss Federn lassen. Die Zahl der Mitarbeiter, davon einige in Teilzeit, ist in den vergangenen Jahren von mehr als 500 auf rund 340 Köpfe gesunken. Bislang wurden freiwerdende Stellen nicht wieder besetzt. Geschäftsführer Stefan Deerberg und Betriebsrätin Gertrud Brunotte schließen nicht aus, dass die Belegschaft weiter schrumpfen muss. „Es kann sein, dass einige gehen müssen, um die Jobs der anderen zu retten“, sagt Gertrud Brunotte. Personalabbau soll aber erst „am Ende der Kette von Maßnahmen“ stehen.

1986 den Grundstein des Unternehmens gelegt

Die Firmengeschichte beginnt 1986. Mit seiner damaligen Frau schuf Stefan Deerberg aus einer Lederschneiderei und Handel mit Schuhen ein stetig wachsendes Unternehmen. Der Tanzsaal des Dorfkrugs in Velgen an der Kreisgrenze zu Uelzen wurde zum Lager, heute nutzen sie eine Halle im Lüneburger Hafen. Mit Anzeigen in Frauenzeitschriften gewannen Deerbergs neue Kunden, die Tausende Kataloge anforderten und daraus bestellten.

Eben dieses Rezept greife nicht mehr, sagt Deerberg: „Die Leute kaufen heute online ein.“ Das heißt, das Sortiment muss in Shops im Internet präsentiert werden. Das ticke anders: „Wir hatten heiße Sommer, da verkaufen wir nicht wie gewohnt. Die Lager sind voll. Wir merken das Wetter, es wird kalt und unsere Bestellungen steigen wieder.“ Doch das Unternehmen müsse auch neue Wege finden, um die Nachfrage zu wecken: „Wie die gesamte Textilbranche.“

Wurzeln liegen in naturbewusster Mode

Der Chef hatte sich 2015 aus seinem Unternehmen zurückgezogen. Vor ein paar Wochen kehrte er zurück. Das begrüßt Betriebsrätin Brunotte. Deerberg ergänzt: „Die Banken als Geldgeber und der Beirat haben mich ebenfalls gebeten.“ Der Betrieb ist das Lebenswerk des gelernten Flugzeugbauers.

Deerberg will trotz aller Umbauten auch „back to the roots“, die Wurzeln lägen in naturbewusster Mode: „Ich sehe da großes Potenzial in dieser Zeit. Wir haben von Anfang an auf Nachhaltigkeit gesetzt.“ Das sei der Markenkern, „den wir vermitteln müssen“. Deshalb sei das Unternehmen nicht bei den großen Anbietern im Netz wie Amazon vertreten: „Ich möchte nicht in einem Atemzug mit Firmen genannt werden, die ganz billig im Ausland produzieren und Überkapazitäten verbrennen.“

Neben der Haltung geht es aber vor allem um Probleme in Marketing und Betriebswirtschaft. Deerberg brauche Fachleute für den elektronischen Handel, den E-Commerce: „Die finden Sie aber nicht so einfach, vor allem, wenn die Leute Führungsqualitäten mitbringen sollen.“ So betreibt Deerberg ein Call-Center mit geschulten Kollegen, doch deren Wissen ist weniger gefragt, wenn der Einkauf mit ein paar Klicks am Smartphone oder am PC erledigt wird – diese Kunden rufen nicht mehr an. Und Leute einfach umsetzen gehe nicht.

Vor vier Jahren sorgten Sanktionen für eine Krise

2014 steckte der Mittelständler schon einmal in einer Krise. Damals nannte Deerberg wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland als Grund, die hatten westliche Staaten wegen des Ukraine-Konflikts gegen Moskau verhängt. Gegenüber der LZ hatte er gesagt, dass sein Betrieb in Vorjahren Umsatzsteigerungen von 20 bis 30 Prozent pro Jahr erlebt habe, das sei vorbei.

Dass es Veränderungen geben muss, da sind sich Betriebsrätin Gertrud Brunotte und der Geschäftsführer einig. Sie betont: „Wir gehen da kritisch ran und nicken nicht alles ab, was von der Geschäftsleitung kommt.“ Gleichwohl müsse man nüchtern auf die Lage schauen. Erst einmal bleiben beide optimistisch: Zum Winter stiegen die Bestellungen. Da könne es ein Vorteil sein, auf volle Lager zurückgreifen und Kunden schnell beliefern zu können.

Von Carlo Eggeling