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Wildschwein-Plage
Die Wildschweine haben im Garten von Wolfgang Tiesing ganze Arbeit geleistet. In der Nacht wurde vor dem Schlafzimmer seiner Mieterin die Wiese von Schwarzkitteln umgewühlt. (Foto: kre)

Wildsäue in Gärten außer Rand und Band

Grünhagen/Ochtmissen. Sie kommen im Schutze der Dunkelheit und kennen in ihrer Gier keine Gnade. Ob gepflegter englischer Rasen oder Naturgarten – alles wird innerhalb kürzester Zeit umgewühlt, umgegraben – in eine Mondlandschaft verwandelt. Die Menschen in Grünhagen, einem Ortsteil von Bienenbüttel, kämpfen mit einer Wildschwein-Plage. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Wolfgang Tiesing, Förster im Ruhestand. Seit seiner Kindheit wohnt er in Grünhagen, war hier bis zu seiner Pensionierung vor gut zehn Jahren 25 Jahre als Revierförster tätig. „Dass die Borstentiere so ungeniert die Gärten der Anwohner heimsuchen, das ist neu“, stellt der ehemalige Revierleiter fest. Aber er hat eine Theorie, warum die Schwarzkittel außer Rand und Band geraten sind.

Führende Bachen dürfen nicht geschossen werden

„Als eine Ursache ist wohl die Schweinepest zu nennen“, spekuliert der ehemalige Förster. Die Jägerschaft sei angehalten, den Wildschwein-Bestand zu dezimieren, um so die Schweinepest-Gefahr zu minimieren. Tiesings Vermutung: Da werden von so manchem Jäger nicht nur Frischlinge und Überläufer, sondern auch die führenden Bachen – also die Muttertiere – ins Visier genommen. Mit der Folge, dass die jungen Borstentiere nun auch Regionen heimsuchen, die eine erfahrene Leitbache meiden würde.

Doch den Vorwurf, dass die Uelzener Jäger auf die falschen Sauen Jagd machen, weißt Uelzens Kreisjägermeister Heinrich Hellbrügge zurück: „Das Schießen von führenden Bachen ist grundsätzlich nicht erlaubt“, stellt Uelzens oberster Jäger klar. Hellbrügge glaubt auch nicht, dass es in der Grünhagener Gemarkung zu viele Sauen gibt, die nun – auf der Suche nach Fressbarem – durch die Gärten ziehen. Hellbrügges Erklärung der Wildschwein-Invasion in Grünhagen ist eine andere: „In diesem Jahr tragen die Eichen besonders viele Eicheln“ – die Leibspeise der Schwarzkittel.

„Wenn die Schwarzkittel die Gärten umgraben, sind sie auf der Suche nach tierischen Proteinen.“ – Heinrich Hellbrügge , Kreisjägermeister

Deshalb hätten sie sich schon früh in die Eichenwälder zurückgezogen und würden sich dort nun den Bauch mit Eicheln – mit pflanzlichem Eiweiß also – vollschlagen. Hellbrügge stützt seine Argumentation auf seine Beobachtungen bei den sogenannten Erntejagden: „Als der Mais geerntet wurde, haben deutlich weniger Wildschweine als sonst das Feld verlassen.“ Weil der Wald in diesem Jahr genug Futter biete.

Am helllichten Tag Wildschweine gesichtet

Doch bei allem Überfluss: Neben pflanzlichem Eiweiß benötigen die Schwarzkittel auch tierisches Protein: „In Form von Engerlingen, Käfern und Würmern“, erklärt der Uelzener Kreisjägermeister – und fügt hinzu: „Wenn die Schwarzkittel die Gärten umgraben, sind sie also auf der Suche nach genau diesen tierischen Proteinen“, erklärt der Kreisjägermeister.

Ein Problem übrigens, das inzwischen auch viele Bürger im Lüneburger Stadtteil Ochtmissen leidvoll erleben müssen: Hier wurden schon am helllichten Tag Wildschweine gesichtet, wie sie durch die Straßen ziehen. Das findet dann auch Ochtmissens Ortsbürgermeister Jens-Peter Schulz (SPD) nicht mehr witzig. Der Ochtmisser Ortschef ist daher froh und dankbar, dass nach vielen Abstimmungsgesprächen die Jägerschaft nun mit einer sogenannten Ansitz-Drückjagd noch in diesem Herbst versuchen will, die Wildschweinbestände rund um Ochtmissen zu dezimieren.

Bedrohung durch die Schweinepest

Auch vor dem Hintergrund der Afrikanischen Schweinepest (ASP), gibt Lüneburgs Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs zu bedenken, dass gehandelt werden muss. Denn inzwischen ist die ASP bereits nahe der deutschen Grenze in Belgien festgestellt worden. Für den Menschen ist ASP ungefährlich, für die Schweine aber ist sie tödlich. Cohrs mahnt deshalb: Oft sei der Mensch an der Ausbreitung der Seuche schuld – durch das achtlose Wegwerfen der Wurstsemmel etwa. „Wurst ist tierisches Eiweiß und Wildscheine können den vermeintlichen Leckerbissen auf große Entfernung riechen.“

Das Problem des „Anfütterns“ von Wildsauen hat auch Jens-Peter Schulz erkannt. Der Ortsbürgermeister will deshalb nach der Ansitz-Drückjagd gegen die Vermüllung der Landschaft in Ochtmissen vorgehen – „gegebenenfalls auch mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen“.

Und für die geplagten Grünhagener hat der Uelzener Kreisjägermeister Heinrich Hellbrügge auch noch einige tröstende Worte parat: „Anfang Oktober starten wieder die Drückjagden.“ Dann werde auch so manche Sau, die jetzt noch hungrig die Grünhagener Gärten verwüstet, ihr Ende vor der Büchse der Jäger finden.

Von Klaus Reschke

3 Kommentare

  1. nur mal so am rande,wildschweine sind reviertreu und stecken sich so sehr selten bei anderen wildscheinen an. die geplante abballerei ist grober unfug, wenn damit die schweinepest bekämpft werden soll. es sind die menschen , die diese pest durch ihre unachtsamkeit verbreiten. die mülleimer an den autobahnen sind die besten schweinepestverbreiter.

  2. Zwischen April 2017 und März 2018 wurden in Deutschland mehr als 820 000 Wildschweine erlegt, so viele wie noch nie in einer Jagdsaison.
    Das Überangebot an Wildschweinfleisch bewirkt, dass die Preise stark fallen; mancherorts werden nicht einmal mehr 50 Cent pro Kilogramm bezahlt.

    das abballern hat also mal wieder nicht geholfen, sondern nur geschadet. eigentlich wie immer. trotzdem wird der jägerei gehuldigt. warum wohl?

  3. Beim Deutschen Jagdverband zeigt man sich zwar zuversichtlich, dass die vielen Abschüsse zuletzt die Lage entspannt haben. Doch die Wildschweine genießen in diesem Herbst ein paradiesisches Leben. In den Wäldern regnet es Eicheln und Bucheckern, in aller Ruhe können sie sich üppige Fettgürtel anfressen. Auf freie Flächen begibt sich dieser Tage kaum ein Tier, die meisten bleiben im Unterholz, gut versteckt vor den Jägern. Wenn sich das nicht bald ändert und der Spätwinter milde ausfällt, können sich diese wohlgenährten Schweine vortrefflich vermehren