Aktuell
Home | Lokales | Geschichten fernab der Bücher
Pastor Eckhard Oldenburg und Hildegard Pape mit Gegenständen, die die enge Verbundenheit der Kirchengemeinden in Lüneburg und dem sächsischen Rathendorf dokumentieren. Foto: be

Geschichten fernab der Bücher

Lüneburg. Ein sonniger Tag im Sommer 1987. Am Bahnhof Hannover klettert eine ältere Dame aus dem Zug. Tränen laufen ihr über die Wangen, als sie vorbei an den bunten Obstständen durch die Vorhalle wandert und ihrer Bekannten Hildegard Pape in die Arme fällt. Kurz darauf, in Lüneburg, ruft sie ihre Schwiegertochter an – und schluchzt: „Helga, wenn du das hier sehen könntest… Es ist überwältigend!“

Eigentlich wollte die Seniorin aus Sachsen schon viel früher in die Heide kommen, doch das ging damals erst im Rentenalter – und sofern es Verwandte im Westen gab. Einmal schon hatte sie Hildegard Pape vor den Behörden als Cousine ausgegeben und ließ sich in den Westen einladen. „Doch beim Rübenhacken auf dem Feld hatte sie wohl davon erzählt. Das muss jemand mitbekommen haben“, glaubt Pape. Der Besuch wurde gestrichen. Und so gingen noch weitere zwei Jahre ins Land, bis sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllte ging: eine Reise nach Lüneburg.

Enge Verbindung besteht seit Ende der 1970er-Jahre

Ihre Kinder kamen erst 1990 – nach der Wende – mit dem Auto in die Heide, genauso wie viele andere aus Rathendorf und Jahnshain. Denn zwischen den beiden Kirchengemeinden in Sachsen und Lüneburg gibt es seit Ende der 70er-Jahre eine enge Verbindung. Zur Unterstützung der unterdrückten Kirchen in der DDR wurde die sogenannte Ost-West-Hilfe der Kirchen eingeführt. Die hannoversche Landeskirche übernahm dabei die Patenschaft für die Landeskirche in Sachsen. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit konnten sich die Menschen aus beiden Teilen Deutschlands über die politischen Mauern hinweg zum Teil persönlich begegnen.

Einmal jährlich traf man sich also – auf halber Strecke – im Harz. Aus Sachsen kam der Kuchen, aus Lüneburg der Kaffee. Hildegard Pape erinnert sich noch sehr genau an die abenteuerlichen Fahrten mit Paketen voller Bananen und Süßigkeiten im Kofferraum, an die vielen Kontrollen. Einmal, 1983, wären die Kontakte beinahe an einem Missgeschick zerbrochen. Ein Lüneburger Polizist hatte versehentlich Munition seiner Dienstwaffe unter der Frontscheibe vergessen. An der Grenze blieb das zum Glück unentdeckt – und die Patronen wurden flugs durchs Autofenster entsorgt.

Lüneburger spenden für Wiederaufbau in Rathendorf

Überhaupt sei die 40-jährige Freundschaft zwischen den Gemeinden bemerkenswert, sagt Eckhard Oldenburg, Pastor der St.-Nicolai-Gemeinde Lüneburg. Viele solcher Beziehungen hätten sich nach der deutschen Wiedervereinigung aufgelöst, im gesamten Kirchenkreis Lüneburg sei diese Verbindung nach Sachsen die einzige, die heute noch gepflegt werde. „Aus vielen Patenschaften sind keine Partnerschaften geworden.“ Die Sache mit der Augenhöhe – zwischen der St.-Nicolai-Gemeinde und den dörflichen Gemeinden Rathendorf und Jahnshain war das nie ein Problem.

Als im Jahr 2000 die Rathendorfer Kirche in Brand geriet, unterstützten die Lüneburger sie mit Spenden und regten die Gründung eines Fördervereins an. Umgekehrt, so Oldenburg, hätten die Mitglieder der St. Nicolai-Gemeinde einiges von ihren sächsischen Partnern gelernt. Wie etwa umgehen mit dem Mitgliederschwund der Kirche? „Solche Fragen haben sie dort ja schon längst hinter sich.“ Denn die DDR-Führung hatte – mit Erfolg – den Einfluss der Kirche stark zurückgedrängt. Wie sich die christliche Kirche im norddeutschen Raum nun auf ein stabiles Dasein als Minderheit vorbereiten könne – das sei etwas, das die Lüneburger in Ra-thendorf und Jahnshain lernen könnten, sagt Oldenburg.

Hildegard Pape telefoniert noch immer oft mit Freunden in Sachsen – nun aber ohne Angst vor dem Knacken in der Leitung, das damals auf heimliche Mithörer schließen ließ. Zuletzt war die 79-Jährige zum 40. Jahrestag der Partnerschaft am Wochenende in Rathendorf. Sie und Pastor Oldenburg sind sicher: „Die Partnerschaft wird noch länger existieren.“ Wie lang genau, weiß niemand. Trotz eifrigen Werbens bei den Konfirmanden seien keine langfristigen Kontakte unter den Jugendlichen entstanden, bedauert Oldenburg. Geschichten und Briefe der Vergangenheit verwahrt er zur Sicherheit in einer violetten Kiste in seinem Büro.: „Das sind Geschichten, die gelebt wurden. Die findet man nicht in Büchern.“

Von Anna Petersen