Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Staatsgründer Kim ist der Führer in die Zukunft, das Volk folgt ihm: Überall im Land werden er und seine Nachfahren verehrt. Oft wohl nicht ganz freiwillig. Foto: privat/Schuster

Eine Reise durch ein verborgenes Reich

Lüneburg. Man kann es für besonders freundlich und aufmerksam halten oder für Kontrolle: Als Gerd Schuster sein Hotel ohne Begleiter verließ, wurde er schnell a uf der Straße angesprochen, ob er sich verlaufen habe und Hilfe brauche? Man bringe ihn gern zurück. Es könne ja etwas passieren.

Was ihm in einem Land, das als das weltweit restriktivste gilt, passieren sollte, blieb im Dunkeln. Und der Lüneburger kam nach zehn Tagen erwartungsgemäß ohne eine Schramme zurück aus Nordkorea. Es war eine Reise in eine andere Welt. Manches erinnerte den 70-Jährigen an die untergegangene DDR, etwa Tafeln vor den Betrieben, welche die Leistung von Arbeitern würdigen. Was in der Demokratischen Volksrepublik Korea Alltag ist, war es in der Deutschen Demokratischen Republik einst auch.

Ein Besuch der West-Sea-Barrage bei Nampo. Der Damm des Sperrwerks ist ein Treffpunkt der Angler. Es ist rund 80 Kilometer von Pjöngjang entfernt. Foto: Schuster

Über Peking flog Schuster in die Hauptstadt Pjöngjang. Dass auch im Sozialismus nicht alle gleich sind, merkte er schon im Flieger: „Es gab eine erste und eine zweite Klasse.“ 1800 Euro hat er für den Flug bezahlt, die gleiche Summe nochmal für den Aufenthalt inklusive Hotel, Verpflegung und Programm für eine Rundreise. Schon am Flughafen erwarteten ihn seine Begleiter: Herr Kim, 62 Jahre alt und Deutsch sprechend, Herr Dee, 22 und des Englischen mächtig, sowie ein Fahrer, der die Gruppe in einem Kleinbus rund 2500 Kilometer durch das Land fuhr.

Karl Marx schafft Verbundenheit

Schuster hat mehr als 90 Länder besucht. Er sagt: „Es war keine normale Reise, viel komplizierter als nach Libyen oder Gaza.“ Auch keine Regionen, an denen es so beschwingt zugeht wie auf der Promenade von Scharbeutz. Zupass kamen Schuster seine Wurzeln als Alt-68er. Mit einem Augenzwinkern sagt er: „Ich stand im Stoff, als es um den Mehrwert bei Karl Marx ging.“ Das mag ein Grund sein, sicher spielte aber auch eine Rolle, dass Schuster ein freundlicher Mann ist, der sich beim Essen nicht abseits von seinen Führern setzte, sondern sie auf ein Bier einlud: „Ich musste mir eine Vertrauensbasis schaffen.“

Beeindruckt haben dürfte das Trio auch seine Neugier. Zwar gehört bei der Buchung des Trips eine umfangreiche Sightseeingtour dazu, doch Schuster wollte auch den Alltag Nordkoreas und seiner 24 Millionen Einwohner kennenlernen. „Die Route hat die Botschaft vorgegeben, als ich das Visum beantragt habe. Mir war klar, dass ich etwas vorgeführt bekomme. Ich wollte mehr, zum Beispiel mit Schülern und Studenten sprechen. Nach ein paar Tagen haben sie mich anerkannt. Ich war Genosse Gerd.“

Handy ist auch in Korea ein viel benutztes Alltagsgerät

So fuhr er in der U-Bahn mit, besuchte Betriebe und Wohnungen der Mitarbeiter, kam in die Uni. In der Bibliothek fand er Werke von Goethe, Heine und Kästners „Emil und die Detektive“. Alles auf Deutsch. Allerdings: „Von George Orwell gibt es nichts.“ Orwell hat den Klassiker „1984“ geschrieben, die Geschichte des Überwachungsstaats.

„Das Handy ist auch in Korea ein viel benutztes Alltagsgerät“, erzählt Schuster. „Die Koreaner können aber nur nach Anmeldung oder auf Antrag nach draußen telefonieren. Ausländische Handys funktionieren in Korea nicht. Ich hätte mir bei der Einreise am Flughafen einen teuren Chip kaufen können, um ins Ausland zu telefonieren, worauf ich verzichtete. In jedem internationalen Hotel kann man von der Zentrale oder vom Zimmer ins Ausland telefonieren. Das koreanische Internet verfügt, wie das chinesische, nur über eingeschränkte Suchmöglichkeiten. Manche Begriffe findet man nicht – wie George Orwell.“

Von Hungersnöten ist nichts zu sehen

Schuster hatte sich vorher schlau gelesen: „Die UNO sagt, es gibt immer wieder Hungersnöte, ein Drittel der Bevölkerung ist nicht ausreichend versorgt.“ Sein Eindruck war ein anderer: „Nirgendwo im Land stieß ich auf hungernde oder bettelnde Menschen. Ich hab auch zweimal gebeten, in eine andere Richtung zu fahren. Natürlich ist nichts ausgeschlossen, aber dann muss man wohl lange durchs Land reisen. Jedenfalls kann man für Won, die einheimische Währung, Brot oder Fleisch kaufen.“

Was ein Won wert ist, ist nicht so klar: „Einige Preise habe ich notiert, aber welchen Umrechnungskurs legt man zugrunde, wenn man die Kurse ein Euro gleich 125 Won oder ein Euro gleich 8000 Won angeboten bekommt? Zum Einkommen ist zu sagen, dass es neben einer Auszahlung in Won auch noch viele Sonderbezugsrechte gibt und eine Wohnung in der Regel mietfrei bewohnt werden kann. Es müssen nur Nebenkosten und Reparaturen bezahlt werden.“ Er sei auf Märkte geführt worden, an anderen durfte er nur vorbeifahren. So bleiben Fragezeichen.

Die skurrilen Bilder aus dem Fernsehen, die Militärparaden und einen gottgleichen Führer zeigen, hatte Schuster im Kopf. Der Kult sei eine Selbstverständlichkeit. Der Lüneburger erklärt es sich mit dem Koreakrieg, der zwischen 1950 und 1953 tobte. Einfach gesagt ging es wie so oft nach dem Zweiten Weltkrieg um die Vorherrschaft zwischen kapitalistischen Staaten des Westens und den kommunistischen. In Korea stand der westlich geprägte Süden mit den Vereinten Nationen und den USA, auf der anderen Nordkorea mit der verbündeten Volksrepublik China. Am Ende stand die Teilung des Landes. Kim Il Sung griff damals den Süden an. Der politische Führer konnte schließlich seinen Staat durchsetzen. Ein gewaltiger Personenkult begann und übertrug sich auf seine Nachfahren.

„Die Menschen wollen Entspannung“

„Überall im Land findet man Statuen von Kim Il Sung und seinem Sohn Kim Jong Il“, erzählt Gerd Schuster. „Kolonnen von Menschen werden jeden Tag zu den Statuen geführt, eine Prozession. Das wirkt für uns total übertrieben, wenn auch bei der Betrachtung der Leistung vor allem von Kim Il Sung für das Land eine gewisse Verehrung durchaus nachzuvollziehen ist.“ Allen im Land sei bekannt, dass er ständig durchs Land reiste und sich die Sorgen der Bürger anhörte: „Oft kippten die Erzählungen dann in die Richtung, dass dieser Kim auch alle Probleme gelöst hatte.“

Ein amerikanisches Schiff, dass die Koreaner aufbrachten, ist ebenso ein „Gedenkort“ wie eine Bunkeranlage, von der aus der erste Kim in den 1950er-Jahren seinen Kampf gegen den Süden und die USA koordiniert haben soll. Der ständige Konflikt um die atomare Bewaffnung Nordkoreas ist auch ein Thema. Insofern gebe es so gar eine gewisse Dankbarkeit gegenüber dem US-Präsidenten Donald Trump: „Die Menschen wollen Entspannung.“

Von Carlo Eggeling

Der Lüneburger Gerd Schuster mit einer Soldatin. Foto: Schuster

3 Kommentare

  1. Andreas Janowitz

    Man hätte ruhig einige der lustigen Titel der örtlichen Potentatensippe nennen können?
    „Der ewige Held der Revolution“, „Sonne des Volkes“ oder „Fels des Ostens“? Solchen absurden Personenkult gab es in der DDR so nicht, soweit ich mich erinnere…
    Von Stromausfällen hat er auch nichts zu berichten?

    • Ich konnte von keinen Stromausfällen berichten, weil es zumindest während meiner Reise keine gab.
      Bester Gruß
      Gerd Schuster

      • Andreas Janowitz

        Guten Tag Herr Schuster,
        da Sie ja ständig von ihren drei abbestellten Aufpassern begleitet wurden: es würde mich sehr interessieren, ob für die sämtliche Kooperation mit Süd-Korea konterrvolutionäre Agitation wäre, oder ob selbst die sich eine Gewisse übereinkunft vorstellen könnten.

        Sie schrieben „Die Menschen wollen Entspannung.“. Bezieht sich das auf die Betitelung „Nord-Korea als letzte Bastion des stalinismus-lenimismus“, quasi darauf, das Nord-Korea als Feind aufgefasst wird, oder eher darauf das es eine Annäherung an Süd-Korea den imperialistischen Satellitenstaat der USA geben solle?

        Asserdem ob „die Geschichte“ quasi mit den Kims beginnt? Ganz Korea war japanische Kolonie und dort wurde ein durchaus vergleichbares Herrenmenschenbild propagiert. Wird das eher an den Rand gedrängt? Beginnt Korea dort erst als Vasall China´s?

        Falls Sie die Zeit finden, bitte schildern Sie doch auch ihre Eindrücke dazu.