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Die Herberge ist übervoll. Mitarbeiter klagen über die belastende Arbeitssituation. Der Trägerverein hat inzwischen mit ersten Maßnahmen darauf reagiert. Foto: A/be

Alarm in der Herberge

Lüneburg. Der sogenannte Bereich Gefahrenabwehr der Herberge Beim Benedikt läuft über. Statt 35 müssen Sozialarbeiter bis zu 50 Personen betreuen. Es ist keine infaches Klientel von Wohnungslosen, viele der Männer und Frauen sind alkohol- und drogenkrank, haben psychische Störungen. Das Personal schlägt Alarm: Alle Mitarbeiter sollen Überlastungsanzeigen erstattet haben. Entsprechende LZ-Informationen bestätigt der Geschäftsführer des Trägers Lebensraum Diakonie, Michael Elsner. Er zeigt Verständnis: „Ich kann Mitarbeitern in dieser Situation nur raten, Überlastungsanzeigen zu stellen.“

Diese Anzeigen haben einen rechtlichen Hintergrund. Beschäftigte sichern sich so ab: Falls es zu Fehlern kommt, können sie auf einen Missstand hinweisen, den sie ihrem Arbeitgeber gemeldet haben.

Einige Kunden sind hoch aggressiv

Wie berichtet, wird es in Lüneburg immer schwieriger, ausreichend Unterbringungsmöglichkeiten für das Klientel zu finden. Lebensraum Diakonie hat dessen Versorgung im Auftrag der Stadt übernommen, ursprünglich aber waren beide Seiten von geringeren Zahlen ausgegangen. Doch in einer wachsenden Stadt wachsen auch Probleme – und damit das Klientel.

Von mehreren Mitarbeitern des ehemaligen Herbergsvereins ist zu hören: Es gebe einige „Kunden“, die seien hoch aggressiv. Es komme zu Übergriffen auf die Betreuer. Einige Beschäftigte, auch solche in Leitungsfunktionen, hätten die Herberge verlassen oder andere Aufgaben übernommen, der Krankenstand steige an, aufgrund von Verletzungen, aber auch, weil die psychische Belastung hoch sei.

Nachtdienste wurden verstärkt

Der Trägerverein hat reagiert. Nachtdienste wurden verstärkt. Am Dom in Bardowick werden zusätzliche Räume bezogen, an der Baumstraße sollen Handwerker ein ehemaliges Ballettstudio zu Wohnungen umbauen, damit im Frühjahr Klienten einziehen können. Das Ziel: den Bereich Gefahrenabwehr und den stationären Bereich, in dem Menschen leben, die schon gefestigter sind, zu entzerren und damit eben auch Druck abzubauen.

Auch wenn die Geschäftsleitung Verbesserungen anstrebe, tue sie nicht genug, meinen Mitarbeiter. Namentlich wollen sie nicht auftauchen, da sie Konsequenzen fürchten: „Man nimmt in Kauf, dass Kollegen wegen der Situation gehen.“ Denn was an Veränderungen umgesetzt sei, wirke nicht mehr als der „Tropfen auf den heißen Stein“.

Elsner verweist auf eingeleitete Reaktionen. Generell sei es nicht einfach, in Lüneburg Unterkünfte zu finden, für das Klientel der Herberge sei es noch schwieriger. Vorschlägen aus der Belegschaft, der Stadt die Unterbringung Obdachloser zurückzugeben und nur noch die pädagogische Betreuung zu übernehmen, erteilt er eine Absage: „Es hilft den Betroffenen nicht, wenn wir Zuständigkeiten abgeben. Es ist sinnvoll, alles in einer Hand zu behalten.“

15 zusätzliche Plätze in Flüchtlingsunterkunft

Stadtpressesprecherin Ann-Kristin Jenckel will sich zu Personalangelegenheiten nicht äußern, da sei der Verein Lebensraum Diakonie Ansprechpartner. Die Verwaltung bemühe sich aber, bei der Belegung gemeinsam Lösungen zu finden.

„Um auf die dauerhafte Überbelegung im ehemaligen Herbergsverein zu reagieren und seine Mitarbeiter zu entlasten, haben der Verein und die Stadt die Abmachung getroffen, dass die Belegungszahlen die vereinbarten 35 bis 40 Plätze möglichst nicht mehr überschreiten sollen“, sagt die Sprecherin. Die Stadtverwaltung schaffe zusätzlich 15 Plätze für Wohnungslose, vor allem in Gemeinschaftsunterkünften. Derzeit werden bereits dort, wo es verträglich ist, Wohnungslose auf Gemeinschaftsunterkünfte verteilt, am Bilmer Berg zum Beispiel. Dabei hatte die Stadt selbst kürzlich noch gesagt, in die Container am Bilmer Berg dürften aus rechtlichen Gründen Flüchtlinge, aber keine Obdachlose ziehen.

Darüber hinaus ist die Verwaltung in Verhandlungen mit einem gemeinnützigen Verein, der bei der Suche nach weiteren geeigneten Unterkünften helfe. Jenckel: „Parallel arbeiten wir weiter am neuen Konzept zur Unterbringung von Wohnungslosen in Stadt und Landkreis. Zu der Frage, ob und wo im Kreisgebiet geeignete Unterkünfte für Wohnungslose geschaffen werden könnten, wird es nach den Herbstferien ein Gespräch mit der Verwaltung des Landkreises geben.“

Von Carlo Eggeling