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Die Suche nach Gewissheit

Lüneburg.  „Achtet darauf, dass Ihr den richtigen Abstand einhaltet..!“ Markus Behn, Zugführer bei der Bereitschaftspolizei, gibt letzte Anweisungen an die Kollegen. Gleich werden die 20 Beamten das Dickicht bei Neu Sülbeck durchkämmen. Für Behn ein Déjà-vu: Denn vor fast 20 Jahren hat er schon einmal den Wald durchsucht. Aus dem gleichen Grund wie heute – nämlich die Suche nach der Leiche von Monika Crantz. Es gibt Kriminalfälle, die lassen auch einen Polizeibeamten nicht los.
Unterstützt werden die Bereitschaftpolizisten von zwei vierbeinigen „Kollegen“ – belgische Schäferhunde, speziell zu Leichenspürhunden ausgebildet. Der Grund für den Polizeieinsatz bei Neu Sülbeck ist der Fund eines menschlichen Schädels. Den hatte der Barendorfer Förster Oliver Christmann vor wenigen Tagen beim Auszeichnen von Bäumen auf dem Waldboden entdeckt.

Die Beamten erinnern sich dann schnell an einen Mordfall vor 20 Jahren. Die damals 49-jährige Geschäftsfrau Monika Crantz aus Ratzeburg, Besitzerin mehrerer Fitness-Studios in Hamburg und Lübeck, wurde nach Überzeugung des Lübecker Landgerichtes von ihrem Ehemann ermordet. Aus Habgier. Im Zuge der Ermittlungen nach der Leiche konzentrierten sich die Fahnder damals auch auf das Waldstück bei Lüneburg. Denn der verdächtige Hartmut Crantz war zur Bundeswehrzeit in Lüneburg stationiert, hatte hier seinen Panzerführerschein gemacht und kannte daher das ehemalige Bundeswehrareal zwischen dem Fernsehturm und dem Elbe-Seitenkanal.
Der Fall Crantz ist juristisch lange abgeschlossen. Das Urteil für den Ehemann lautete lebenslänglich und wurde in einem Revisionsprozess bestätigt. Crantz erhängte sich daraufhin in seiner Zelle.

Das Ehepaar Crantz hatte zwei Kinder

Und doch haben Kripo-Chef Steffen Grimme und sein Kollege Roland Brauer großes Interesse daran, dem Schädelknochen wieder eine Identität zu geben: Schließlich hatte das Ehepaar Crantz auch zwei Kinder. Und die werden wissen wollen, ob die sterblichen Überreste ihrer Mutter endlich gefunden wurden, damit sie sie würdig bestatten können.

Doch ob es sich bei den sterblichen Überresten tätsächlich um Monika Crantz handelt, können die Beamten zwar nicht ausschließen, aber auch noch nicht bestätigen. „Wir werden den Schädel jetzt anthropologisch untersuchen lassen, um das Alter eingrenzen zu können“, erklärt Polizeisprecher Kai Richter. Auch er erinnert sich gut an den Fall Crantz, war damals als junger Bereitschaftspolizist ebenfalls an der Suchaktion beteiligt. Stammt der Schädel tatsächlich aus der Zeit des Verschwindens von Monika Crantz, sollen die Knochenreste auch genetisch untersucht werden.

Dieses Mal haben die Polizisten bei der Suche mehr Erfolg: Ganz in der Nähe des Ortes, wo der Förster Christmann den Schädel entdeckt hatte, finden die Beamten am Mittwoch auch Teile eines Beckens sowie zwei weitere Knochen. Auch ein verrostetes Schaufelblatt stellen die Beamten sicher. Ob damit Hartmut Crantz tatsächlich seine Frau im Wald verbuddelt hat? Kripobeamter Viktor Trautmann zuckt skeptisch mit der Schulter, sagt aber: „Das werden wir gemeinsam mit den anderen Fundstücken im Landeskriminalamt untersuchen lassen.“

Mit den „anderen Fundstücken“ meint der Fahnder einen Damen-Wollpullover und einen Büstenhalter. Beide Kleidungsstücke wurde ebenfalls in der Nähe der Knochenfunde entdeckt. Einen Zusammenhang zwischen dem Mordfall Crantz und den Kleidungsstücken sieht die Polizei zurzeit allerdings nicht: „Die haben höchsten zwei, drei Jahre im Wald gelegen“, vermutet ein Fahnder gegenüber der LZ.

Von Klaus Reschke