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Jeremy Hommer bereitet sich auf einen Höhepunkt seiner noch jungen Laufbahn vor. Foto: phs

Der Jakobsweg auf 64 Feldern

Lüneburg. In Santiago de Compostela endet der berühmte Jakobsweg. Mit der Ankunft am Zielort in Spanien erfüllen sich alljährlich Tausende Pilger einen großen Traum. Das gilt auch für Jeremy Hommer. Der 12-Jährige ist aber nicht auf Wanderschaft, sondern tritt in Galicien im Nordwesten der iberischen Halbinsel vom 3. bis 16. November bei der Jugend-Einzel-Weltmeisterschaft (U 12) an.

Jeremy Hommer vom Schachclub Turm Lüneburg ist eines der größten Talente in seiner Altersklasse in Deutschland. Er hat außergewöhnliche Fähigkeiten am Brett. Da bringt es den aufgeweckte Jungen auch nicht aus dem Konzept, dass das rund zweistündige Gespräch über Ziele bei der WM, Kämpfe mit den Ikonen der Szene und seine besonderen Eigenschaften bei einer Partie Schach gegen den LZ-Mitarbeiter stattfindet. Seine Klasse muss der WM-Teilnehmer allenfalls andeuten (Sieg durch Matt in 26 Zügen).

„Mein Opa Eduard hat es mir beigebracht“

Jeremy Hommer lernt schon im Alter von fünf Jahren Schachspielen. „Mein Opa Eduard hat es mir beigebracht“, sagt er. Das Brett und die Figuren üben einen besonderen Reiz auf ihn aus. Seine Eltern Swetlana und Dimitri schicken ihn in den Schachclub Turm Lüneburg, wo seine Begabung schnell entdeckt und gefördert wird.

„Er ist ein außergewöhnliches Talent“, sagt sein Trainer Gert Rabeler. Der weiß, wovon er spricht. Er selbst hat in der Schach-Bundesliga für Hamburg gespielt. Der Pensionär trägt den Titel eines FIDE-Meisters mit einer ELO-Wertungszahl von noch gut 2200. Sein Schützling liegt jetzt schon bei 1983. Nur noch etwa zehn Prozent der organisierten Spielern in Deutschland haben damit eine höhere Wertungszahl als Jeremy Hommer.

Er spielte schon simultan gegen Kasparov und Carlsen

Schon als Fünfjähriger holt er 2012 beim Grundschulschachturnier in Egestorf mit sieben Siegen aus sieben Partien Platz eins. Im gleichen Jahr darf der „Knirps“ in Hamburg sogar gegen Schach-Ikone Garri Kasparow antreten. „Das war schon aufregend. Noch besser war das Duell gegen Magnus Carlsen.“

Das Schach-Genie aus Norwegen spielt 2016 in der Hansestadt simultan an 70 Brettern. Jeremy fordert als Neunjähriger den Weltmeister und sein großes Vorbild heraus. Und wie: Er hat sogar die Möglichkeit, mit einem vorübergehenden Damen-Opfer Carlsen in die Knie zu zwingen, übersieht aber diese Chance und muss nach vier Stunden aufgeben. Stolz ist er trotzdem.

Aufgeben oder verlieren mag er überhaupt nicht

Das ist selten bei Niederlagen. Jeremy Hommer mag es nicht, zu verlieren oder aufzugeben. Widerstandskraft und Zähigkeit zeichnen den Jungen aus. „Ich versuche immer zu gewinnen, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen.“ So manche Partie hat er mit diesem Willen noch gedreht. Selbst erfahrene ältere Akteure spielt Jeremy mittlerweile an die Wand. In der Landesliga-Herrenmannschaft des SC siegt er in der Saison 2016/17 in sieben von neun Begegnungen. Unterschätzt aufgrund seines Alters wird er längst nicht mehr. Und wenn doch? „Spätestens, wenn ich gewonnen habe, werde ich ernst genommen.“

Gibt es am Brett aber doch mal Niederlagen, fließen auch mal Tränen. Tröstende Worte kommen dann vor allem von seiner Mutter Swetlana. Sie ist neben Gert Rabeler häufig als Begleitung bei den Turnieren dabei. Die gesamte Familie investiert viel Zeit, Herzblut und auch Geld, damit ihr Sprössling seinen Sport betreiben kann. Die finanzielle Belastung ist hoch durch die vielen Reisen. 2018 war Jeremy Hommer schon mehr als 70 Tage unterwegs. Die Teilnahme an der WM kostet mehr als 3000 Euro. Der Verein unterstützt die Familie, wo er kann, ist zudem auf der Suche nach Sponsoren. „Jede Spende hilft“, sagt SC-Vorsitzender Stefan Becker.

Er spielt in seiner Bläserklasse Tuba

Jeremy Hommer wirkt ausgeglichen und bescheiden. Er lebt das Leben eines normalen Zwölfjährigen, hat Freunde, trifft sich mit ihnen. Das ist seiner Mutter Swetlana sehr wichtig. „Geburtstagsfeiern bei Freunden gehen vor Turnierstarts“, sagt sie. Trotz vieler Fehltage in der Schule ist Jeremy, der die 7. Klasse an der Wilhelm-Raabe-Schule besucht, ein guter Schüler. Sein Lieblingsfach: Mathe – kein Wunder. Außerdem spielt er in seiner Bläserklasse Tuba und kickt beim MTV Treubund.

Für die WM in Spanien hat ihn der Bundesnachwuchstrainer nach seinem erfolgreichen Abschneiden 2018 bei der deutschen Meisterschaft (4.) und bei der Mannschafts-EM (6.) nominiert. Dort hat er zum ersten Mal das Nationaltrikot getragen. Im November darf er es wieder überstreifen. Seine Zielsetzung: „Ein Platz unter den Top 25.“

Von Marcel Baukloh

10 Züge – 10 Fragen

„Gegen Computer spiele ich nicht“

Während der Schachpartie warf unser Autor Marcel Baukloh seinem Gegenüber Jeremy Hommer pro Zug eine Frage zu. Hier die Antworten.

Schwarz oder Weiß?
Egal, ich mag beide Farben.

Lieblingsfigur?
Springer. Alle anderen Figuren sind ersetzbar, der Springer ist durch seine Zugmöglichkeit einzigartig.

Lieblingseröffnung?
Oft Französisch, hängt aber auch immer von den ersten Zügen des Gegners ab.

Ritual vor dem Spiel?
Ich richte die Figuren auf ihren Feldern genau aus.

Pokerface oder Emotionen?
Im Spiel eher Pokerface, nach Niederlagen können aber auch Tränen rollen.

Taktik oder Bauchgefühl?
Früher mehr Bauchgefühl, aktuell mehr Taktik.

Remis halten oder auf Sieg spielen?
Immer auf Sieg spielen.

Längste Partie?
160 Züge.

Mensch oder Computer als Gegner?
Mensch, gegen Computer spiele ich gar nicht.

Größter Wunsch?
Dass meine Mutter das Schachspielen lernt und ich dann gegen sie spielen kann.