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Regionalvermarktung
Sie hoffen auf eine neue Form der regionalen Vermarktung (v.l.): Horst Jäger, Malte Luhmann, Sigrid Block und Vanessa Zeyn. (Foto: t&w)

Regionalvermarktung auf französisch

Lüneburg/Handorf. Immer mittwochs packt Malte Luhmann Kisten für seine Vision einer besseren Landwirtschaft. Noch ist es nicht viel, was der 29-Jährige an diesem Tag zusammensucht: ein paar Gläser Fleischwurst seiner Freilandschweine, ein Dutzend Currywürste, mal Filet, mal Kräuterbratwurst, hin und wieder Mettwurst im Glas. Am nächsten Abend fährt er seine Kisten dann nach Lüneburg – und übergibt sie dort den Menschen, die sie bestellt haben. Das gleiche tun zur selben Zeit elf andere Bauern in der Region. Alle für eine Vision: Aus der Region für die Region.

Angebot soll Ergänzung, nicht Konkurrenz sein

Gemeinsam hoffen sie auf eine neue Form der regionalen Vermarktung: die Marktschwärmer. Idee und Konzept für das Projekt stammen aus Frankreich, dort ist es unter dem Namen „La Ruche qui dit Oui“ („Der Bienenkorb, der Ja sagt“) 2011 gestartet. Das Geschäftsmodell verbindet Onlineshop und Bauernmarkt, will Erzeuger und Verbraucher wieder näher zusammenbringen. Das Prinzip: Bauern aus einer Region bieten in einem Onlineportal ihre Produkte an, Kunden können diese dort bestellen – und einmal in der Woche an einem zentralen Ort abholen.

In Lüneburg haben Horst Jäger und seine Tochter Annika Mock im Februar auf www.marktschwaermer.de eine eigene Gruppe mit zunächst zwölf Erzeugern gegründet, Titel: die Lüneburger Marktschwärmer. „Ich bin im Internet auf die Marktschwärmer gestoßen und war sofort infiziert“, sagt Jäger. Mit seiner Tochter suchte er nach geeigneten Bauern, sprach sie an und startete die Aktion. „Als Ergänzung“, wie er betont, „nicht als Konkurrenz zu anderen regionalen Angeboten wie solidarischer Landwirtschaft, Wir-Garten oder Hofläden.“

Expertin glaubt nicht an den großen Erfolg

Entspannt blickt auch der Vorsitzende der Lüneburger Marktbeschicker, Cord Wöhnicke, auf das neue Angebot. „Ich sehe da nicht unbedingt eine Konkurrenz.“ Hauptgrund: „Die Kunden der Marktschwärmer sind nicht unbedingt unsere Kunden, sondern eher die Verbraucher, die lange arbeiten müssen und keine Zeit haben, auf den Wochenmarkt zu gehen.“ Ähnlich bewertet das Sabine Hoppe, Fachreferentin Direktvermarktung bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Angebote wie das der Marktschwärmer sprechen grundsätzlich ganz andere Kunden an, als zum Beispiel Hofläden oder Wochenmärkte.“

Wer im Hofladen oder auf dem Markt einkauft, tut dies laut Hoppe meistens regelmäßig. „Weil es ein Ritual ist, weil ich da jeden Tag vorbeifahre oder meine festen Lieferanten habe.“ Deutsche Verbraucher seien besonders treu, „die wechseln ihre Einkaufsstätten nur ungern“. Auch deshalb glaubt Hoppe nicht wirklich an den Erfolg der Marktschwärmer in Deutschland. „Auch wenn ich persönlich das Konzept toll finde.“ Doch Angebote an regionalen Lebensmitteln gebe es vielerorts bereits sehr zahlreich. „Außerdem muss ich bei diesem Konzept schon Tage im Voraus wissen, was ich einkaufen will“, sagt sie, „auch das spricht nur einen ganz bestimmte Verbrauchertyp an.“

Noch ist es tatsächlich nicht viel, was Bauern wie Luhmann über diesen Weg vermarkten. 620 Mitglieder haben sich in der „Lüneburger Schwärmerei“ bisher angemeldet, davon bestellen allerdings gerade mal rund 20 pro Woche – für die Erzeuger nur ein Bruchteil dessen, was sie verkaufen könnten. „Trotzdem bin ich von dem Konzept überzeugt“, sagt Luhmann, „selbst dann, wenn es nur ein Standbein von vielen bleibt.“ Ähnlich denkt Kollegin Sigrid Block. Sie baut in Winsen Gemüse und Blumen an, vermarktet ihre Produkte bisher vor allem über den eigenen Hofladen. Der Vorteil der Marktschwärmer für sie: „Ich weiß genau, was ich liefern muss und kann ganz frisch ernten, ohne am Ende etwas übrig zu haben.“

Ziel sind 70 Kunden pro Woche

Einen weiteren Vorteil nennt Obstbäuerin Vanessa Zeyn aus Laßrönne: „Wir unterstützen uns als Netzwerk.“ Zum Beispiel, indem die einen die Produkte des anderen mit verkaufen.“ Hinzu kommt der Kontakt mit dem Kunden. „Man begegnet sich bei der Abholung, lernt sich kennen, kann Fragen beantworten und Sachverhalte erklären.“ Eine tolle Chance und eine gute Ergänzung zum Online-Portal.

Was daraus wird, weiß momentan noch nieman. Doch die Ziele der Lüneburger Marktschwärmer sind klar gesteckt: „1000 Mitglieder und 70 Kunden pro Woche“, sagt Jäger, „das würden wir bis Ende des Jahres gern erreichen.“ Klappt es nicht, wollen sie trotzdem weitermachen. Für ihre Vision einer regionalen und besseren Landwirtschaft.

So funktioniert‘s

Vom Acker zum Kunden

Die Organisation des Angebotes übernehmen Horst Jäger und seine Tochter. Sie nennen sich in dem Team die „Gastgeber“, kümmern sich um Werbung, Flyer, Bauern- und Kundenaquise, Vermittlung der eingegangenen Bestellungen an die Erzeuger. „Bis Dienstagnacht können Kunden online bestellen und bezahlen, dann geben wir die Bestellungen an die Erzeuger weiter“, erklärt Jäger. Am Mittwoch wird auf den Höfen zielgenau geerntet, zusammengesucht und gepackt. Am Donnerstagabend folgt die Übergabe. Aktuell von 19 bis 20.30 Uhr im Gasthaus Nolte in Lüneburg sowie von 19.30 bis 20 Uhr im Bonhoeffer-Haus in Rettmer.

Von Anna Sprockhoff