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Fahrradreise
Von Neritz aus startete Thomas Albrecht seine Touren. Die führten ihn auf insgesamt 1002 Kilometern durch jedes einzelne Dorf und jede einzelne Stadt in Lüchow-Dannenberg. (Foto: Lieske)

Die 311-Orte-Tour

Neritz. Neun Tage, 97,25 Stunden, 311 Orte, 1002 Kilometer – und alles mit einem Fahrrad ohne Gangschaltung. Thomas Albrecht aus Neritz ist selbst erstaunt, was er da geschafft hat. 311 Orte, damit meint Albrecht tatsächlich alle Orte in Lüchow-Dannenberg. Diese mit dem Fahrrad zu bereisen war nämlich genau sein Ziel. Ja, ein bisschen verrückt müsse man dafür schon sein, gibt Albrecht zu. „Aber es hat sich gelohnt. Und ich würde es gern wiederholen.“

Alles fing an mit dem Kauf einer Radfahrkarte. „Damals fragte ich meinen Vater, ob ich ihm eine mitbringen sollte. Aber er sagte, dass er schon alle Orte kennt. Da war ich baff, das wollte ich auch.“ Die Idee war geboren, die Umsetzung folgte aber erst Jahre später, nämlich in diesem Sommer. Thomas Albrecht, der oft mit dem Rad von Neritz nach Dannenberg zur Arbeit fährt, nahm sich die Radfahrkarte und markierte mit Signalfarbe alle Ortschaften. „Dann musste ich schauen, dass ich meine Tagestouren so plane, dass ich möglichst wenig Leerkilometer fahre. Das war schon eine echte Herausforderung.“

„Dort fühlte ich mich, als sei ich in einem Land vor unserer Zeit.“ – Thomas Albrecht

Ein gutes Stichwort. Schon in den ersten Tagen zeigte sich, welche Herausforderung der 49-Jährige sich da selbst aufgebürdet hat. Bei Temperaturen über 34 Grad ging irgendwann nichts mehr. Und mit dem Fahrrad ohne Gangschaltung „bin ich an meine körperlichen Grenzen gekommen“, erzählt Albrecht, der für ein Geldinstitut arbeitet – ohne Schmerzen ging das nicht, inklusive Babycreme für den Hintern, erzählt Albrecht lachend.

Die Anstrengung habe sich aber gelohnt. „Ich habe wirklich jeden einzelnen Ort gesehen, Fotos gemacht, Tagebuch geschrieben und viele tolle Gespräche geführt“, freut sich der 49-Jährige noch heute über das Erlebnis. Am meisten ist ihm der Wegabschnitt zwischen Wedderien und Schmardau im Gedächtnis geblieben: „Man fährt durch eine wunderschöne Allee über eine Anhöhe und kommt dann in ein Tal, das scheinbar fernab der Zivilisation liegt“, schwärmt Albrecht. „Dort fühlte ich mich, als sei ich in einem Land vor unserer Zeit.“ Auch die Holzbrücke über die Seege zwischen Restorf und Laasche hat ihn begeistert. Ebenso die vielen hergerichteten Dorftreffpunkte – „vor allem in den kleinen Orten“. Gut zwei Dutzend Forsthäuser sind ihm ebenso aufgefallen wie die vielen Kriegsdenkmäler und Kriegsgräberstätten.

Die Entdeckung der Entschleunigung

„Und dann gibt es Momente, die erlebst du nur, wenn du auf dem Fahrrad entschleunigt durch die Landschaft fährst“, wird Albrecht plötzlich nachdenklich. „Hinter Meudelfitz kam ich an ein großes Kreuz aus Holz am Straßenrand, darauf war ein großes Foto einer jungen Frau zu sehen, die dort bei einem Unfall umkam.“ Albrecht hält an und spricht ein kurzes Gebet. An einem anderen Straßenkreuz hält er auch an, stellt die umgekippte Blumenvase wieder auf. „Das sind die kurzen Momente, die man im normalen Alltag nicht erlebt“, sagt der Bankangestellte.

Den Tagesrekord mit den meisten Orten schaffte Thomas Albrecht an Tag zwei: 52 Ortschaften im Drawehn und der Swinmark an einem heißen, windigen Sommertag. Die meisten Kilometer hat er auf seiner letzten Tour abgerissen: 149 Kilometer durch den Osten des Kreisgebiets. Nur an Tag eins hatte er gleich einen Rückschlag: platter Reifen nach nur 30 Kilometern. Dieser Tag war dann nach zweieinhalb Stunden beendet.

Über die Dömitzer Brücke

Außerdem ist Thomas Albrecht an allen Kreisgrenzen, die er berührt hat, auch einmal in die Nachbarkreise gefahren: „Über die Dömitzer Brücke mit dem Rad, das war echt cool.“ Den Kniepenberg auf der Elbuferstraße – die vermutlich steilste Anhöhe in Lüchow-Dannenberg – hat er nicht bezwungen. „Ich traf zufällig eine Frau, die mir einen wunderschönen Ausweichweg um den Kniepenberg herum direkt an der Elbe beschrieb. Das war ein richtiger Glückstreffer.“

Am liebsten würde er die Tour schon 2019 wiederholen, „dann noch besser getaktet.“ Und er könnte sich vorstellen, den einen oder anderen Mitstreiter mitzunehmen. Denn dieses Jahr fuhr er fast ausschließlich allein. Diese „wunderschönen Eindrücke“ möchte er am liebsten teilen – die 311 Orte auf einer Route von 1002 Kilometern, vielleicht auch etwas weniger.

Von Thomas Lieske