Aktuell
Home | Lokales | „Jetzt müssen wir gehört werden“
Elisabeth Gleiß vertritt in der neuen Pflegekammer die Stimmen von Pflegekräften aus der Region. Foto: us

„Jetzt müssen wir gehört werden“

Lüneburg. Fast wäre sie selbst zum Pflegefall geworden, so heftig fiel die Kritik gegen die vor einem dreiviertel Jahr beschlossene Pflegekammer für Niedersachsen aus. Besonders die Pflichtmitgliedschaft stieß vielen Pflegekräften sauer auf. Die neue Kammer wurde dennoch auf den Weg gebracht, im August kam sie zu ihrer konstituierenden Sitzung in Hannover zusammen. In der Kammerversammlung, dem höchsten Gremium der neuen Interessenvertretung, hat auch Elisabeth Gleiß aus Lüneburg Sitz und Stimme – und eine klare Haltung zu ihrer neuen Aufgabe.

„Jeder glaubt zu wissen, wie Pflege geht. Sie sollen es uns überlassen, wir wissen es schließlich am besten“, sagt Elisabeth Gleiß. Die Oberin der DRK Augusta-Schwesternschaft Lüneburg ist eine Frau klarer Worte – eine Eigenschaft, die sie auch in ihrer neuen Funktion gut gebrauchen kann. Denn die kürzlich geschaffene Pflegekammer muss sich erst noch die Anerkennung erarbeiten, für die sie ins Leben gerufen wurde – in der Politik, in der Gesellschaft, vor allem aber auch bei den Pflegekräften selbst. Doch nicht nur für die will die Lüneburgerin sich einsetzen.

Nur jede zweite Pflegekraft gab ihre Stimme ab

„Es geht um den Berufsstand Pflege, damit aber immer auch um die zu Pflegenden“, weiß die 57-Jährige, deren Schwesternschaft seit 1945 ambulante und stationäre Pflege in Lüneburg anbietet und Fachkräfte in der Gesundheits-, Kranken- und Altenhilfe ausbildet.

Deshalb begrüßt Elisabeth Gleiß die neue Pflegekammer nicht nur, sie hat sich auch selbst zur Wahl in die Kammerversammlung aufstellen lassen und für eine möglichst breite Unterstützung ihrer Liste „Aktion: Stark in der Pflege“ bei den Pflegekräften im Raum Lüneburg geworben. Mit Erfolg: Im Juni wurde sie als eine von insgesamt 31 Mitgliedern in dieses Gremium gewählt, das sich als Vertretung der in den drei Bereichen Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege beschäftigten Pflegekräfte versteht. Einziger Wermutstropfen: Von den rund 70.000 Pflegekräften in Niedersachsen hat sich lediglich die Hälfte an der Wahl beteiligt, davon wiederum nur knapp 7000 aus dem Bereich Altenpflege – „zu wenig“, wie die engagierte Oberin findet.

Zu viele Stimmen aus den Berufsverbänden

Für Elisabeth Gleiß ist dies aber eher Ansporn als Grund zur Resignation, schließlich gelte es, „der Pflege eine Stimme zu geben“. Dass der Pflegebereich auch bislang schon in Berufsverbänden organisiert ist – neben dem Deutschen Berufsverband für Pflegekräfte (DBfK) gibt es auch den Niedersächsischen Pflegerat, den Deutschen Pflegerat, den Verband der Schwesternschaften und viele mehr –, ist für die Lüneburgerin wegen der damit verbundenen Vielstimmigkeit aber eher hinderlich. „Es nützt uns wenig, wenn wir uns mal so oder so sehen und es der Politik überlassen ist, ob sie davon Notiz nimmt.“ Das sei jetzt anders, „jetzt müssen wir gehört werden“.

Was aber genau an die Politik herangetragen werden soll, müsse erst noch in den kürzlich erst geschaffenen Kammer-Ausschüssen erarbeitet werden. So steht etwa im Ausschuss für Pflege und gesundheitspolitische Aufgaben, in dem Elisabeth Gleiß den Vorsitz übernommen hat, das Thema Qualitätssicherung auf der Agenda, außerdem soll an einer „für alle verbindlichen Berufsordnung“ gearbeitet werden. Eines sei aber schon jetzt klar: „Es kann nicht sein, dass jeder, der irgendwo Arbeit sucht, in die Pflege kommen kann.“

Und der Pflichtbeitrag? Elisabeth Gleiß zeigt Verständnis für die Kritik, zumal in den Pflegeberufen mit einem durchschnittlichen Brutto-Monatseinkommen zwischen 2600 und 2800 Euro nicht gerade Spitzengehälter geboten werden. „Da wären vielleicht auch mal die Träger gefordert“, gibt Gleiß zu verstehen. Die Beitragsbescheide – „ich gehe davon aus, dass im Durchschnitt 130 Euro pro Jahr entrichtet werden müssen, maximal aber 280 Euro“ – sollen bis Ende des Jahres herausgehen. Fragen, Kritik und Anregungen nimmt sie gern unter elisabeth.gleiss@pflegekammer-nds.de entgegen.

Von Ulf Stüwe

Diskussionsabend im Glockenhaus

Zwangsmitgliedschaft Pflegekammer

Die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD lädt ein zu einer Diskussion am Dienstag, 16. Oktober, ab 19 Uhr im Glockenhaus. Dr. Thela Wernstedt (Sozialausschuss Landtag) und Frauke Ruff (Pflegedienstleiterin) sprechen dort über die Verpflichtung der Pflegekräfte zur Beitragszahlung in die Pflegekammer in Niedersachsen. Während eine einerseits am Arbeitsmarkt sehr nachgefragte Berufsgruppe mit vielen Überstunden zu kämpfen hat, soll sie nun auch noch rund 60 Mitarbeitern in der zukünftigen Pflegekammer in Hannover deren Job sichern? Da stellt sich die Frage: Warum müssen die Arbeitnehmer selbst die Pflegekammerbeiträge zahlen und nicht deren Arbeitgeber wie das bei anderen Kammern (IHK,HWK) auch der Fall ist? Der Eintritt frei!