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Das Haus Am Schifferwall 4 prägt die Ecke. Das Gebäude hat Risse und Senkungen. (Foto: ca)

Ein einsamer Kampf

Lüneburg. Sieghard Borrmann liebt sein Haus am Schifferwall. Stolz steht es mit seinem Turm wie ein Wächter an der Ecke. Grünglasierte Bänder laufen elegant durch die Mauern, drinnen schmücken Stuckornamente hohe Decken, Holzböden wirken gediegen. Ein Haus der Neogotik, in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut. Doch dann zeigt Borrmann die Wunden seines Elternhauses. Risse und Nässe ziehen sich durch die Wände, im Keller wölben sich die Böden. Für Borrmann ist klar, wer da­ran Schuld hat. Mehr Verkehr, Brücken, Abrissarbeiten und damit letztlich: „Die Stadt.“ Von der fühlt er sich allein gelassen. Borrmann kämpft.

Schon 2006 zeigte Sieghard Borrmann Risse im Treppenhaus seines Hauses. (Foto: A/t&w)

Der 76-Jährige kämpft schon lange. Er hat lauter Niederlagen vor Gericht hinnehmen müssen. Doch er sagt: „Ich kann diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen, ich lasse keine Ruhe.“ Im Rathaus bleibt man gelassen, Pressesprecherin Ann-Cathrin Behnck sagt: „Wir prüfen es und schauen uns vor Ort um.“ Auch ein Gespräch mit Herrn Borrmann soll es geben.

Der Lüneburger sieht sich als Opfer einer ständigen Veränderung. Er müsse die Kosten tragen für einen Wandel, den die Allgemeinheit verursache. Das könne nicht sein: „Ich werde als Bürger allein gelassen.“

Als Schießgrabenstraße und Schifferwall in den 1880er- und 1890er-Jahren bebaut wurden, war es eine noble Adresse. Zwischen Lösegraben und Häusern lagen Gärten. Eine schmale Straße zog sich entlang. Lüneburg flanierte hier zum Sonntagsspaziergang. Eine Fähre setzte bis in die 1950er-Jahre Soldaten über zur Lüner Kaserne. Das Land wandelte sich, der Verkehr auch. Die Bundesstraße 4, die Bäckerstraße war ein Teil davon, lief nun auch am Schifferwall entlang. Arbeiter schlugen die Brücke über den Lösegraben. Sie wurde gerade erst saniert. Schon 2007 hatten Fachleute die benachbarte Reichenbachbrücke abgerissen und einen breiteren Neubau hochgezogen.

Ständig Bauarbeiten, dazu der gewachsene Verkehr

All das sind aus Borrmanns Sicht Ursachen für Schäden an seinem Haus. Und noch mehr: Für das Kino im Lünepark habe es Ramm­arbeiten gegeben, um sichere Fundamente zu schaffen. In den 1930er-Jahren, also während des Nationalsozialismus, musste die Synagoge abgebrochen werden. „Jedes Mal gab es Erschütterungen.“ Dazu dieser dauernde Verkehr. Schon 2006 rauschten Tag für Tag 32 000 Fahrzeuge an dem Haus vorbei. Dass dies nicht spurlos an einem auf mutmaßlich weichem Untergrund gebauten, gut 120 Jahre alten Haus vorbeigeht, kann man sich vorstellen.

Doch gegen Veränderungen gibt es keinen Schutz. Der damalige Präsident des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg und des Staatsgerichtshofs in Bückeburg, Manfred Schinkel, hatte schon 2006 im Zusammenhang mit dieser Thematik zur LZ gesagt: Wer an einer Straße lebe, müsse hinnehmen, dass der Verkehr zunehme: „Straßen sind im Allgemeingebrauch, jeder darf sie nutzen.“ Erst wenn konkrete Neuerungen anstehen, könnten eben die Auswirkungen dieser Veränderungen dazu führen, dass – je nach Fall – die öffentliche Hand oder ein Bauherr dafür in die Verantwortung genommen werde.

Borrmann kennt solche Sätze. Als die Reichenbachbrücke 2007 nach elf Monaten Bauzeit freigegeben wurde, war der Hausbesitzer vors Landgericht gezogen – und gescheitert. Das Oberlandesgericht, das zunächst auf einen Vergleich gesetzt hatte, nach dem Borrmann 30 000 Euro erhalten hätte, ließ ihn schließlich ebenfalls abblitzen. Denn ein Beweissicherungsverfahren, das die Risse am Gebäude vor und nach den Bauarbeiten bewertet hatte, hatte keine Veränderungen ergeben.

Schon 70 000 Euro für Rechtsstreit ausgegeben

Der ehemalige Sparkassen-Angestellte sitzt in seiner Küche mit edel aufgearbeiteten Holztüren, hinterm Haus liegt ein akkurater kleiner Garten, alles hier ist liebevoll gepflegt. Man sieht, dass er viel getan hat, um das Erbe seiner Väter zu erhalten. Auch deshalb schmerzen die Risse nicht nur das Mauerwerk, sondern bildlich gesprochen auch ihn. Wer ihn erlebt, merkt, es geht ihn körperlich und seelisch an. 70 000 Euro habe er für Anwälte, Gerichte und Gutachter gezahlt, Tausende in Sanierungen gesteckt. „Man stellt das Haus unter Denkmalschutz“, sagt der Senior bitter. „Aber uns schützt keiner. Uns hilft keiner.“ Um bis zu 19 Zentimeter habe sich das Haus in Richtung Straße gesenkt. Das habe ein Sachverständiger gemessen.

Borrmann hofft, dass man im Rathaus ein Einsehen hat. Das scheint fraglich. Die Rechtslage gibt das vermutlich nicht her, und dann müsste an einigen Häusern oder mit der gesamten Straße etwas geschehen. Wenn man in Richtung Lünertorstraße geht, fallen einem auch an anderen Gebäuden gesprungene Wände auf. So allein ist Borrmann nicht.

Von Carlo Eggeling