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Die unbebaute Lücke zwischen Reppenstedt (am linken unteren Bildrand) und Lüneburg (oben) soll kleiner werden. Das stößt bei vielen auf Kritik. Auch der BUND ist dagegen. (Foto: be)

Die Gürtel-Frage

Lüneburg. Die Grenzen sind für den BUND erreicht. Immer mehr Bebauung ziehe auch mehr Menschen in die Stadt. Diese Position machte Karl Wurm bei einer Podiumsdiskussion des Regionalverbands Elbe-Heide im Glockenhaus deutlich, bei der es um den Grüngürtel West ging. Für dessen Erhalt und Sicherung kämpft der Umweltverband. Aufs Podium geladen waren die Stadtratspolitiker Hiltrud Lotze (SPD), Birte Schellmann (FDP), Rainer Mencke (CDU), Ulrich Blanck (Grüne) und Michèl Pauly (Linke). Dabei wurden kontroverse Standpunkte deutlich, die bei den rund 150 Besuchern der Veranstaltung mal für mehr, mal für weniger Beifall sorgten.

Es war bereits die zweite Veranstaltung des BUND unter dem Tenor „Hände weg vom Grüngürtel West“, nachdem Oberbürgermeister Ulrich Mädge im Frühjahr Pläne für Wohnen und Gewerbe im Westen der Stadt im Zusammenhang mit dem 3D-Campus in Volgershall auf den Tisch gelegt hatte. Die Pläne sorgen für heftige Kritik, da sie im Widerspruch zum Ratsbeschluss von 2014 stehen, den Westen der Stadt von Bebauung freizuhalten und die Flächen des Grüngürtels unter Landschaftsschutz zu stellen. Das machten Karl Wurm und Bernhard Stilke vom BUND erneut deutlich, sie moderierten die Veranstaltung.

Zustrom an kalter Luft nicht verbauen

Vor dem Hintergrund der vergangenen Hitzemonate sollten die Politiker Maßnahmen zur Verbesserung der Klimasituation in der aufgeheizten Innenstadt erläutern. Fassaden- und Dachbegrünungen, Entsiegelungen von Parkplätzen, Begrünung von Hinterhöfen, Wasserspiele und mehr sprudelten als Ideen. Ein wichtiger Punkt sei, Kaltluftentstehungsgebiete nicht abzuschotten und den Zustrom an kalter Luft in die Stadt nicht zu verbauen, waren sich die Politiker einig. Das sei unter anderem ein Grund dafür, warum der Grüngürtel West von jeglicher Bebauung frei zu halten sei, machten Blanck und Pauly deutlich. Der Beschluss von 2014 müsse gelten.

Der habe auch für die SPD Gültigkeit, sagte Hiltrud Lotze. Gleichwohl müsse es erlaubt sein, zu diskutieren, was an Bebauung möglich sei, ohne dass der Zufluss von Kaltstrom gestört werde. Eine Meinung, die Rainer Mencke teilt. Die CDU stehe dafür, dass Bebauung möglich sein müsse. Wenn dort kein 3D-Campus und keine Wohnbebauung entstehen solle, sei die Frage, wo sonst in Lüneburg gebaut werden solle. Er vermisse konkrete Alternativen. „Viele Leute wollen hier leben, die können Sie doch nicht an der Stadtgrenze abweisen.“ Zumal es einen erheblichen Bedarf an sozialem Wohnungsbau gebe.

Wohnraum schaffen – dafür ist auch Blanck. So könnten zum Beispiel Wohnungen auf Discountern entstehen wie in anderen Städten. Ein Vorschlag, den Pauly teilt. Der kritisierte Lotzes Ansinnen, dass Bebauung im Grüngürtel zumindest diskutiert werden müsse. „Damit sind Ratsbeschlüsse nichts wert.“ Blanck wiederholte die Forderung: Keine Bebauung des Grüngürtels und umgehend den Antrag stellen zur Unterstellung in den Landschaftsschutz. Kräftiger Applaus aus dem Publikum.

150 neue Jobs oder doch nur 15 Arbeitsplätze?

Auf die Frage von Stilke, wie wichtig der 3D-Campus sei, verwies Birte Schellmann darauf, dass der bestehende Bebauungsplan eine Entwicklung ermögliche. Aus ihrer Sicht ein zukunftsträchtiges Projekt. Spekulation sei aber, ob dort tatsächlich 150 Arbeitsplätze entstehen werden. Raum für neue Techniken zu schaffen, sei für die CDU wichtig, da sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren radikal ändere, erklärte Mencke. Eine Einschätzung, die Hiltrud Lotze teilt. Das Werben für die Ansiedlung von „innovativem Gewerbe“ würde als schmackhafter Köder genutzt, kritisierte Blanck. „Wir haben nicht angebissen. Hier soll wertvoller Naturraum für 15 Arbeitsplätze fallen.“

Nachfragen aus dem Publikum gab es an die Vertreter von CDU und SPD. Antworten wie, es liege nur ein Entwurf für Planungen vor, traf bei vielen nicht die Forderung „Hände weg vom Grüngürtel West“. Der BUND will am Thema bei weiteren Veranstaltungen dran bleiben.

Von Antje Schäfer

3 Kommentare

  1. Zwei Anmerkungen: 1) Miit ihrer beruflichen Situation unzufriedene Lüneburger sind schief gewickelt, wenn sie glauben, im 3D-Campus einen guten Job finden zu können. Hier geht es um einige Arbeitsplätze für Spezialisten, die von außerhalb her angeworben werden müssen. 2) Das Interesse von Teilen des Rates an Bauvorhaben jeder Art hat auch mit ganz persönlichen Interessen zu tun. Betongold stinkt nicht, oder doch?

    • Wahr ist, dass der Veranstalter (BUND Regionalverband Elbe-Heide) am Montagabend weit mehr von den befürchteten negativen Konsequenzen der möglichen Baumaßnahme betroffene Bürger ins Glockenhaus gelockt hatte als an den erwünschten positiven Folgen interessierte Beteiligte aus der Wirtschaft und von der Leuphana.

      Dennoch wird niemand diese Tatsache dafür verantwortlich machen können, dass die Fürsprecher des „Projekts“, die Ratsmitglieder Hiltrud Lotze (SPD), Birte Schellmann (FDP) und Rainer Mencke (CDU), eine deutlich schlechtere Figur abgaben als die „Campus“-Skeptiker, die Ratsmitglieder Ulrich Blanck (Grüne) und Michèl Pauly (Linke) sowie die Moderatoren Karl Wurm und Bernhard Stilke vom BUND. Lotze, Schellmann und Mencke hatten kaum mehr als verfahrenstechnische Annahmen, vages visionär waberndes Wunschdenken (15 oder 150 Arbeitsplätze (!)), wolkige Beschwörungsfloskeln und leere Klanghülsen („Zukunftsträchtigkeit“, „Innovationen“, „Änderungen“, etc.) zu bieten, während Blanck, Pauly, Wurm und Stilke konkrete Einwände im Blick auf sich konkret anbahnende Umweltprobleme vortrugen und konkrete Vorschläge bezüglich bestehender konkreter sozialer Probleme (Wohnungsbau) skizzieren konnten.

      Warum unsere „Experten“ so weit in ihren „Expertisen“ auseinander liegen, hat sicher auch mit Konstellationen zu tun, die hier diskutiert werden: https://blog-jj.com/2018/10/12/ein-ratskeller-hat-bei-vergifteter-stimmung-das-zeug-zum-therapiezentrum/#more-779

    • Hans
      das totschlagargument arbeitsplätze funktioniert in beiden richtungen.