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Führerschein, zwei Waffen und Munition, die wahrscheinlich aus dem Besitz des mutmaßlichen Serienmörders Kurt-Werner Wichmann stammen, sind jetzt aufgetaucht. Michael Volkert hat den Koffer auf dessen Dachboden wiederentdeckt. (Foto: ca)

Der Nachlass des mutmaßlichen Serienmörders

Lüneburg. Ein LZ-Artikel vom Wochenende könnte der Polizei helfen, neue Spuren im Fall des mutmaßlichen Serienmörders Kurt-Werner Wichmann zu verfolgen: Aus dessen Besitz sollen zwei Schusswaffen, Hände voller Munition und ein Führerschein, den Wichmann 1976 in Karlsruhe erhalten hat, stammen. Jahrelang schlummerte alles in einem blaugrauen Plastikkoffer auf einem Dachboden im Industriegebiet Hafen. „Ich habe den Artikel gelesen und mich an den Koffer erinnert“, sagt Michael Volkert. Er rief die Redaktion an und präsentierte seinen Fund. Der hat es in sich, ist inzwischen bei der Polizei.

Volkert handelt mit Gebrauchtwagen und betreibt an der Zeppelinstraße eine Werkstatt. Er war gut mit einem Mann befreundet, der nach Wichmanns Tod mit der Frau des mutmaßlichen Täters zusammen war und auch in ihrem Haus wohnte. Volkert machte Geschäfte mit ihm. „Vor fünf Jahren stand er bei mir“, erinnert sich Volkert. Der habe Autoteile und den Koffer mitgebracht: „Er hat mich gebeten, die Sachen einzulagern. In den Koffer sollte ich nicht reinsehen. Als ich gefragt habe, warum, hat er gesagt: ‚Mach‘s einfach.‘“ Daran hielt sich Volkert. Bis zum Sonntag.

Dieser Führerschein ist ausgestellt auf den mutmaßlichen Serienmörder, das Datum könnte eine wichtige Rolle spielen. (Foto: ca)

Im Sommer 1989 verschwand Birgit Meier aus Brietlingen, ihre sterblichen Überreste wurden vor gut einem Jahr unter der Garage von Wichmanns altem Grundstück gefunden. Wolfgang Sielaff, der Bruder der Toten, hat den Fall aufgerollt und es auch geschafft, dass die Polizei ihre Ermittlungen wieder aufgenommen hat. Der ehemalige Chef des Hamburger Landeskriminalamtes fand das Skelett Birgit Meiers gemeinsam mit hochkarätigen Experten, darunter Anthropologen und Gerichtsmediziner.

Warum wollte er die Sachen loswerden?

Sielaff hatte das Schicksal seiner Schwester nicht ruhen lassen. Er hatte selber recherchiert. Und er war auch bei dem Vorbesitzer, um sich in dem Haus am Stadtrand umzusehen. Das soll Anfang 2013 gewesen sein, also vor fünf Jahren, und das würde mit dem Auftauchen des Mannes bei seinem Freund Volkert zusammenpassen. Doch warum er die Sachen loswerden wollte, darüber kann man im Moment nur spekulieren. Denn andererseits überließ er Sielaff beispielsweise einen ganzen Schwung Videokassetten, die auch XY-ungelöst-Sendungen zu den Göhrde-Morden und Birgit Meier aufgezeichnet hatten.

Landeskriminalamt untersucht den Koffer

Die Polizei hat den Koffer samt Inhalt ins Landeskriminalamt gebracht. Auch das Bundeskriminalamt dürfte eingeschaltet werden. Anhand von dessen Datenbank können Fachleute abgleichen, ob die Waffen bei Verbrechen eine Rolle spielten.

Darüber hinaus könnten die Patronen Spuren tragen: Wenn sie schon einmal in einer Waffe steckten, hinterlassen diese Abdrücke. Gestern – nach drei Tagen Zeit für Untersuchungen – konnte die Polizei erstaunlicherweise nicht sagen, ob es sich um scharfe Waffen handelt – Schreckschussvarianten könnten entsprechend umgebaut worden sein.

Dann könnten sie beim Tod Birgit Meiers eine Rolle spielen. Die wurde nicht nur mit einem Strick um den Hals gefunden. In ihrem Kopf steckte noch ein Projektil. Vielleicht aus einer der Waffen abgeschossen?

Der Führerschein hat ebenfalls eine Bedeutung. Wichmann vergewaltigt 1970 eine 17-Jährige und würgt sie fast zu Tode. Die Anhalterin, die er mitnahm und zu einer Baustelle am Elbe-Seitenkanal fuhr, kann ihn überreden, sie laufen zu lassen. Sie geht zur Polizei, das Landgericht Lüneburg verurteilt den Friedhofsgärtner 1971 zu fünfeinhalb Jahren Haft. Die Richter ziehen seinen Führerschein ein: Die Juristen würdigen das Auto als Tatmittel. Wichmann kommt allerdings schon 1974 wieder frei. Es ist zu vermuten, dass er wieder einen „Lappen“ haben wollte. Die Fahrerlaubnis ist auf den 3. Februar 1976 datiert.

Weitere Fälle, die ins Raster passen

Ebenfalls spannend: in Karlsruhe. Dort lebte Wichmann zeitweilig. Die Vermutung: Er könnte auch dort getötet haben. Denn dort hat die Polizei Tötungsdelikte nicht klären können, die ins Raster Wichmanns fallen könnten.

Noch etwas dürfte die Ermittlungsgruppe Göhrde bei der Polizeidirektion und die beiden weiteren bei der Polizeiinspektion zu den Morden an Ilse Gerkens, die am 11. April 1968 im Tiergarten mit vier Schüssen aus einem Kleinkalibergewehr getötet wurde, und Ulrike Burmester interessieren. Die Schülerin aus Adendorf ist am 14. Mai 1969 verschwunden. Zwei Wochen später wurde ihre Leiche an der Elbe bei Drage gefunden. Missbraucht und mit einem festgebundenen Betonbrocken an den Beinen.

Wie berichtet, hat die Polizei im April diesen Jahres das Grundstück und das Haus Wichmanns auf links gedreht. Die Beamten haben gut 400 Asservate gesichert, mehr als die Hälfte prüfen Wissenschaftler im Landeskriminalamt auf Spuren. Die Ermittlungsgruppe Göhrde, sie rollte den Tod zweier Paare 1989 am Forsthaus Röthen auf, hat auch verbuddelte Autoteile mitgenommen. Eine These: Wichmann könnte Opfer in Autos transportiert und anschließend die Wagen entsorgt haben.

Dafür spricht, dass er einen Ford Probe in seinem Garten vergraben hatte. Angeblich wegen eines Versicherungsbetruges. Der hätte aber keinen Sinn gemacht, da es ein Leasingfahrzeug war, gab es kein Geld für ihn. Die Polizei hatte den Wagen schon vor Jahrzehnten freigelegt, man fand Anhaftungen, wahrscheinlich Blut, konnte diese aber nicht zuordnen. Auch ein Leichenhund schlug an.

Neue Hinweise auf Helfer Wichmanns?

Nun also gibt es neue Spuren. Vielleicht passen die Teilchen in das große Puzzle des wahrscheinlichen Serienmörders Kurt-Werner Wichmann. Und vielleicht beunruhigen sie auch seinen mutmaßlichen Komplizen, denn Wichmann könnte einen Helfer gehabt haben. Der wäre juristisch auch heute noch zu belangen.

Von Carlo Eggeling