Donnerstag , 15. November 2018
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Glatt, kalt, aber pflegeleicht: Gräber wie dieses können künftig auch auf dem Waldfriedhof angelegt werden. Diese Regelung gilt zunächst von Januar an für zunächst 18 Monate. Foto: us

Bald ein „Friedhof des Grauens“?

Lüneburg. „Diese Entscheidung hat Konsequenzen, der Friedhof wird ein anderer werden.“ Es war Stadtbaurätin Heike Gundermann, die deutlich machte, dass eine Außerkraftsetzung der Gestaltungsrichtlinien für den Waldfriedhof nicht folgenlos bleiben werde – überraschend, schließlich kam der Vorschlag aus der Verwaltung. Doch ihre leise vorgetragenen Zweifel an der Sinnhaftkeit des Vorhabens trugen nicht, am Ende stimmte der Umweltausschuss des Rates dem Vorschlag mehrheitlich zu. Und überraschte damit erneut.

„Ich tue mich schwer damit, der Gesamtcharakter des Friedhofs würde leiden“, sagte Stefan Minks (SPD) zu den Plänen. Ausnahmen sollten, wenn überhaupt, auf wenige Teilbereiche reduziert werden, „schließlich bleiben die dann neu angelegten Gräber für 25 bis 30 Jahre bestehen“.

Lücken zu schließen, ist das Ziel der Verwaltung

Man werde „sehr sensibel“ damit umgehen und darauf achten, dass nicht drei „problematische Gräber“ nebeneinander liegen, versicherte Lüneburgs Grünplanerin Uta Hesebeck. Ziel sei es, Lücken auf dem Friedhof zu schließen.

Wie berichtet, stammt die Idee zur Aussetzung der Grabfeldrichtlinie aus einer Arbeitsgruppe, die sich aus Steinmetzen, Bestattern und anderen am Friedhofswesen Beteiligten zusammensetzt. Von ihrer Idee versprechen sie sich eine Attraktivitätssteigerung für den Waldfriedhof dergestalt, dass künftig auch Gräber angelegt werden können, die nicht mehr dem besonderen Charakter des Waldfriedhofs entsprechen müssen. Die Verwaltung griff die Anregung auf.

Minks war nicht der einzige, der den Plänen kritisch gegenüberstand. Auch die Ausschussvorsitzende Hiltrud Lotze (SPD) zeigte sich von dem Vorhaben wenig angetan: „Ich sehe hier Zustimmung und Unbehagen. Letzteres teile ich.“ Der Waldfriedhof spreche Menschen an, die sich genau diese Art der Gestaltung wünschten. Wer anderes wolle, habe dazu auf den anderen sechs städtischen Friedhöfen Gelegenheit. Ihr Vorschlag: den Beschluss vertagen und zunächst einen Ortstermin einplanen.

„Ich finde die Überlegung nicht unsympathisch“

Damit drang sie nicht durch, denn der Vorschlag kam bei den Grünen durchweg positiv an: „Ich finde die Überlegung nicht unsympathisch“, sagte Ralf Gros.„Es kann nicht schlimmer kommen, als es auf anderen Friedhöfen schon ist.“ Auch Dr. Monika von Haaren (Grüne) sprach sich dafür aus, die Gestaltungsrichtlinie für vorerst 18 Monate auszusetzen: „Ich finde es gut, neue Bedarfe zu ermitteln.“ Der Waldfriedhof entspreche nicht mehr der „heutigen Trauerkultur“. Die Verwaltung verdiene hier auch mal einen „Vertrauensvorschuss“.

Auch Lisa Apking (Linke) begrüßte den Vorschlag, man solle das „mal ausprobieren“ und Daten sammeln.

Auf die Tube drückte Frank Soldan (FDP). Mit den Worten „Entweder ganz oder gar nicht“ lehnte er die Vorschläge aus der SPD-Ecke ab. Ihn störte auch nicht der Hinweis von Minks, dass nach Außerkraftsetzung auch bestehende Gräber umgestaltet werden können.

Lieber die Beratung vor Ort verstärken

Als „Friedhof des Grauens“ bezeichnete Nabu-Vertreter Thomas Mitschke die Pläne der Verwaltung. Statt Gräber mit großformatigen Grabplatten oder weißen Kieselsteinen zuzudecken, sollten „die Menschen vor Ort besser beraten werden“. Er lehnte das Vorhaben ab.

„Trauerbewältigung kann nicht mit Verboten funktionieren“, entfuhr es einem von der Diskussion sichtlich genervten Rainer Mencke (CDU). Er warnte: „Wenn nur noch Baumgräber angelegt werden, kippt uns der Friedhofsetat um.“ Außerdem solle man die Bewertung „den Gewerken überlassen, die Ahnung davon haben“.

Heike Gundermann erinnerte daran, „dass unsere Friedhöfe auch internationaler werden“. Sie wolle die Umsetzung dem neuen Friedhofsmanager überlassen, der zu Jahresbeginn antreten werde. Am Ende wurde der Vorschlag gegen zwei Nein-Stimmen der SPD und eine Enthaltung der SPD angenommen.

Von Ulf Stüwe

Waldfriedhof soll bunter werden

3 Kommentare

  1. Seit Anfang des Jahres stempelt die Stadt Bremen gegen Vorlage einer schriftlichen Verfügung des Verstorbenen und weiterer Papiere den „Antrag auf Aushändigung“ ab. Damit dürfen die Angehörigen die Urne mit der Asche ihres Verstorbenen vom Krematorium abholen, um sie selbst zu verstreuen.
    Bedenken der Bestatter-Lobby widerlegt
    Wie die Zeremonie aussieht und wer sie durchführt, das dürfen sie selbst entscheiden. Es muss nur ein Verantwortlicher bestimmt werden, und der Grundstückseigentümer muss natürlich auch einverstanden sein. „Wir haben ungefähr einen Fall pro Woche. Es läuft“, sagt Jens Tittmann von der Bremer Umweltbehörde und klingt dabei sehr zufrieden.
    Kirchen, Bestatter, Steinmetze, Floristen, Gewerkschaftsfunktionäre und die CDU – sie alle waren Sturm gelaufen gegen die Abschaffung des Friedhofszwangs. Er habe, so erzählt Sprecher Tittmann, einige Bestattungsunternehmen der Stadt aufgesucht, um die Wogen zu glätten. „Keine Sorge. Es geht euch kein Geschäft verloren“, habe er gesagt. Nun sieht er sich bestätigt. Nur ein bis zwei Prozent von Bremens Toten werden seither privat beigesetzt.

    In allen Fällen würden trotzdem die Dienste eines örtlichen Bestatters in Anspruch genommen. Kein Ende der Friedhofskultur, kein Verlust von Arbeitsplätzen. Keine Entsorgungsmentalität.

    Die Bedenken gegen eine Liberalisierung des Bestattungswesens scheinen sich nicht zu bestätigen. Zugleich entlarven sie ihre eigentliche Motivation. Es geht um Besitzstandwahrung. Über 5000 Bestattungsfirmen sind in Deutschland registriert. Zusammen setzen sie über 15 Milliarden Euro um. Ein lukrativer Markt, dessen Eintrittsschwelle niedrig ist. Bestatter ist in Deutschland kein geschützter Beruf und rechtlich kaum geregelt. Eine strenge Regulierung fordert die Branche dagegen für die Toten. Vielleicht auch, weil der Friedhofszwang in der Praxis zugleich einen Bestatterzwang bedeutet? Ouelle die Welt

  2. Eine legale Form der Friedhofsvermeidung hat hingegen ein Unternehmen aus Sachsen-Anhalt erdacht. „Tree of Life“ nennt sich die als Markenzeichen eingetragene Erfindung des gelernten Garten- und Landschaftsarchitekten Marcel Hohmeyer. Er betreibt im benachbarten Ausland Baumschulen, in denen die Asche von Verstorbenen mit Erde vermengt und dann mit einem kleinen Baum eingetopft wird.

    Der Baum durchwurzelt das Gemisch und absorbiert nach und nach die Nährstoffe aus der Asche, erklärt Hohmeyer. Je nach Baumart und Menge der Asche könne dieser Prozess zwischen sieben und neun Monaten und bis zu zwei Jahren dauern. Dann, so muss man es sich vorstellen, sind aus den Kohlenstoffatomen, die einmal einen menschlichen Körper bildeten, neue Äste, Blätter und Blüten erwachsen.

    Am beliebtesten, sagt Hohmeyer, sei die japanische Blütenkirsche. 1700 Euro brutto nimmt er für seine Dienstleistung, nach deren Abschluss die Angehörigen das Bäumchen ausgehändigt bekommen und in ihrem Garten pflanzen können. Auch in Friedhofszwanggebieten vollkommen legal, sagt Hohmeyer: „Sie führen ja keine Bestattung durch, sondern pflanzen einen Baum.“

    Gegen Re-Importe von Asche in Form von Bäumen oder – auch das ist im Angebot – zu Diamanten gepresst, haben die Bestatter keine Einwände. Im Gegenteil. Sie verdienen als Vertriebspartner daran mit. Fiele der Friedhofszwang, könnten mehr Hinterbliebene als bisher auf die Idee kommen, die Asche ihrer Verstorbenen ohne teure Umwege direkt zu sich nach Hause zu holen.

    Nur noch 38 Prozent der Toten werden im Sarg beerdigt
    Der Opa für immer als Bäumchen im Garten, die Oma nur mehr Asche in einem Bremer Blumenbeet: Wenn solche Bestattungsformen Schule machen, wird sich nicht nur die Wahrnehmung von Gartengewächsen verändern. Ein echtes Problem könnten dann die Betreiber von Friedhöfen bekommen, die Kommunen und die Kirchen also.

    Schon jetzt haben viele Friedhöfe mit Unterbelegung zu kämpfen. Grund ist nicht so sehr, dass nicht mehr gestorben wird. Es ist die deutsche Bestattungskultur, die sich geändert hat, trotz Friedhofszwang. Im Jahr 1960 wurden in Deutschland noch 90 Prozent der Toten im Sarg begraben. Im vergangenen Jahr, so die Zahlen der Verbraucherorganisation Aeternitas, lag der Anteil der Erdbestattungen noch bei 38 Prozent.

    Fast zwei Drittel der Toten werden hierzulande im Krematorium verbrannt. Und die Asche wird immer seltener in einem Urnengrab beigesetzt. Stattdessen boomen alternative Bestattungsformen wie Ruhewälder, Seebestattungen, umgewidmete innerstädtische Kirchen. Alles, bloß kein Friedhof.

  3. Die Bestattungsindustrie ist eine staatliche geschütze Abzocke. Heute kostet eine Bererdigung mal schnell 4000-6000 tausend Euro. Halt Ihr braucht aber keine Teuren Versicherungen abschließen, denn eingekuhlt werdet ihr auch wenn ihr kein Geld habt, wetten. Die älteren Menschen werden bei Gesprächen mit Bestattern dahin gedrängt immer mehr auszugeben, denn was sollen die Hinterbliebenen denken. Ich will in einem Stofftuch beerdigt werden. Trauerfeier brauche ich nicht einen Pastor oder einen anderen Vorturner auch nicht. Nachdem einkuhlen einen hübschen nicht zu großen Baum pflanzen und das war es. Auf dem Rest der Grabstelle darf gern alles so wachsen wie die Natur es will. Das keine weiteren kosten entstehen. Das die Urne mit der Asche der Verstorbenen nicht auf Wunsch den Angehörigen übergeben wird halte ich für rechtklich bedenklich. Langsam sollte sich wirklich mal jemand darüber nachdenken ob man den Rohfstoff „Leiche “ nicht irgendwie verwerten kann, natürlich nur auf Wunsch.