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Integration
Am 8. November liest Dr. Aladin El-Mafaalani in der Universität aus seinem neuen Buch vor. (Foto: Lutz Jäkel/laif)

„Der Streit hält uns alle zusammen“

Lüneburg. Wer mit Dr. Aladin El-Mafaalani (40) ins Gespräch kommt, lernt einen gnadenlosen Optimisten kennen. Jemanden, der seine Meinung laut äußert und auch mal aneckt. Die gegenwärtige Situation bewertet der Soziologe anders als andere: Er ist überzeugt davon, dass Deutschland nie eine bessere Zeit als heute erlebt hat. Die vielen Konflikte sieht er keinesfalls als Problem, für ihn sind sie der Beweis dafür, dass die Integration von Migranten und Minderheiten funktioniert.

Mit dem Thema beschäftigt sich El-Mafaalani in seinem neuen Buch „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Das präsentiert er in einer Veranstaltungsreihe, die sich mit den Themen Flucht und Migration auseinandersetzt und auf dem Campus der Universität gestartet ist (siehe Programm unten).

Wie ist der Untertitel Ihres neuen Buchs zu verstehen?

Dr. Aladin El-Mafaalani: Was passiert, wenn mehr Menschen teilhaben? Integration ist in dem Zusammenhang nicht nur auf Migranten und deren Nachkommen bezogen, sondern auf alle Gruppen, die nicht die gleichen Teilhabechancen hatten. Also Frauen, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle. Mehr Teilhabe bedeutet auch, dass mehr geteilt werden muss. Dabei geht es nicht nur um ökonomische Dinge, sondern zum Beispiel auch darum, wer alles mitreden darf, worauf Rücksicht genommen werden muss. Das führt also zwangsläufig zu mehr Kontroversen und zu einem insgesamt erhöhten Konfliktpotenzial. Wenn es mehr Teilhabe gibt, dann kann es auch mehr Streit geben, weil immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen mitdiskutieren.

Sie schreiben auch, dass Deutschland in Sachen Einwanderung auf einem guten Weg ist. Wie passt das mit den jüngsten Ereignissen in Chemnitz zusammen?

Man muss sich klar machen, dass Chemnitz einerseits keine Einwanderungsgesellschaft ist, andererseits aber zu Deutschland gehört. Wir führen einen bundesweiten Diskurs, gleichzeitig liegen in den einzelnen Regionen aber unterschiedliche Voraussetzungen vor. Ich möchte betonen, dass es in Chemnitz, in Sachsen und in vielen Teilen Ostdeutschlands keineswegs schlechter geworden ist. Viele Menschen idealisieren die Vergangenheit oder erinnern sich nicht mehr richtig. Ich habe in den 90er-Jahren einige Monate im Osten gelebt und bin auch heute noch regelmäßig vor Ort. Menschen, die nicht-deutscher Herkunft sind, ging es damals wesentlich schlechter als heute. Es gab viel schlimmere rassistische Ausbrüche, ich erinnere an die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Man könnte meinen, die Konflikte seien wegen der Migranten entstanden. Aber man kann die Parallele ziehen, dass Ostdeutsche heute besser integriert sind und sich zu Wort melden. Das haben sie in den vergangenen 20 Jahren nicht in dieser Form getan.

Was glauben Sie, was braucht es in den nächsten Jahren? Vielleicht auch an Veränderungen?

Es müsste sich eigentlich gar nicht so viel verändern. Entscheidend ist, dass wir eine einigermaßen gute Stimmung haben. Strukturell, von den Erfahrungen und Kompetenzen, ist Deutschland insgesamt so gut gerüstet wie noch nie. Aber das hilft nichts, wenn die Stimmung immer schlechter wird. Man kann als Gesellschaft so viel draufhaben wie man will, wenn die Bereitschaft fehlt, helfen auch die besten Kompetenzen nicht. Das ist in meinen Augen die Herausforderung. Wir müssen weiter daran festhalten, die Gesellschaft als offene Gesellschaft zu etablieren und die Teilhabechancen von den Gruppen, die nach wie vor benachteiligt sind, verbessern.

Macht Sie das wütend, wenn aus den Reihen der Politik zu hören ist, dass die Migrationsfrage die „Mutter aller politischer Probleme“ ist? In dem Fall stammt die Äußerung von CSU-Chef Horst Seehofer.

Das macht mich nicht wütend, aber das ist ein seltsamer Satz. Ich habe mich gefragt: Will er sich anhören wie Saddam Hussein, der mal von der „Mutter aller Schlachten“ gesprochen hat (Anm. der Red.: So hat der einstige irakische Präsident den damals unmittelbar bevorstehenden Zweiten Golfkrieg bezeichnet)? Ich find‘s schade, die CSU rutscht damit nur noch weiter ab. Man sieht es ja.

Ist es die Art und Weise, wie mit dem Thema Integration umgegangen wird? Es wird ja vielfach eher als Problem bezeichnet.

Wir haben als Gesellschaft gar nicht verstanden, was das Problem eigentlich ist. Genau das ist das Problem. Wir reden an allem vorbei, versuchen mit der falschen Medizin irgendeinen Schmerz zu betäuben. Viele halten die Tatsache, dass wir uns streiten, für das Problem. Sie wollen den Streit harmonisieren. Das ist völlig an den eigentlichen Problemen vorbei gedacht. Meine These ist: Wir streiten uns, weil wir das geschafft haben, was der Plan war. Wir haben schon mehr Teilhabechancen. Deshalb ist der Streit notwendig, er hält uns alle zusammen. Aber das, was fast alle nicht-populistischen Parteien als Lösung haben, ist die Lösung der Populisten. Nämlich zu harmonisieren. Und das ist ein Schritt zurück in die Vergangenheit. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir eine offene Gesellschaft sein und bleiben möchten. Dann müssen wir uns nämlich damit abfinden, dass es nie ruhig und harmonisch sein kann.

Zur Person

Aladin El-Mafaalani

Nach seinem Studium in Wirtschafts-, Politik-, Erziehungs- und Arbeitswissenschaften promovierte El-Mafaalani in seinem Hauptfach Soziologie. Von 2007 bis 2013 war er als Lehrer und Dozent tätig, inzwischen lehrt er an der Fachhochschule Münster. Der Wissenschaftler arbeitet im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Inte­gration in Düsseldorf und koordiniert die Integrationspolitik Nordrhein-Westfalens. Er ist Mitglied im Rat für Migration, im Netzwerk Flüchtlingsforschung und anderen Gremien. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien.

Das Programm der Veranstaltungsreihe

Perspektiven auf Flucht und Migration

Flucht und Migration sind globale Phänomene, werden von den Menschen aber meist nur im lokalen Rahmen wahrgenommen – unter dieser Prämisse haben sich das Projekt „Pluralität als Lernchance“ und das Zentrum für Demokratieforschung der Leuphana aufgemacht und eine öffentliche Veranstaltungsreihe geplant. Der Titel: „Angekommen? – Lokale und globale Perspektiven auf Flucht, Migration und Zusammenleben 2015 bis 2018“. Hier ein Auszug aus dem Programm:

  • Montag, 29. Oktober, 16 Uhr, Hörsaal 4: Vortrag von Helen Breit, Pädagogische Hochschule Freiburg, zu Diskriminierungserfahrungen und Auswirkungen auf schulische und berufliche Bildungsprozesse.
  • Donnerstag, 1. November, 19.30 Uhr, Buchhandlung am Lambertiplatz: Lesung „Diktatoren als Türsteher Europas“ mit Christian Jakob.
  • Donnerstag, 8. November, 18 Uhr, Hörsaal 4: Lesung mit Dr. Aladin El-Mafaalani.
  • Montag, 26. November, 16 Uhr, Zentralgebäude (Raum 704): Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter von der Leuphana referiert über die Bedeutung digitaler Medien für junge Geflüchtete.
  • Donnerstag, 6. Dezember, 16.30 Uhr: Das Scala-Kino zeigt den Film „Aus dem Nichts“.

Mehr Informationen zum Programm: www.leuphana.de/pluralitaet-als-lernchance

Von Anna Paarmann