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Die Polizei passt vor dem Landgericht auf. Die Sorge: Zwei gegnerische Familien könnten aufeinander losgehen. (Foto: ca)

Schüsse in Kaltenmoor: Überraschende Wende im Prozess

Lüneburg. Mohamed E. kam am Morgen in Handschellen aus dem Untersuchungsgefängnis in Saal 21 des Landgerichts, am Nachmittag verließ er seine Zelle als freier Mann: Die 4. Strafkammer hat den Haftbefehl gegen den 22-Jährigen aufgehoben, es bestehe kein dringender Tatverdacht mehr gegen ihn. E. soll gemeinsam mit seinem Cousin Farrid M. in der Nacht zum 4. April in Kaltenmoor mehrmals auf eine Gruppe von sieben Männern geschossen haben, ein 20-Jähriger wurde lebensgefährlich verletzt. Doch ob sich alles so abgespielt hat, wie es in der Anklage steht, daran hat die Kammer um den Vorsitzenden Franz Kompisch große Zweifel.

Am Mittag gab es ein Dejà vu: Wie beim Prozess um die Schießerei am Klinikum vor vier Jahren standen Polizisten am Landgericht, mindestens einer trug eine Maschinenpistole. Der Grund für die Entscheidung war ein ähnlicher wie damals: Die Polizeiführung schloss nicht aus, dass die Kontrahenten aus zwei Großfamilien aufeinander losgehen könnten. Zuvor hatte im Saal schon die Mutter des angeschossenen Opfers für Aufruhr gesorgt, danach kamen mehrere Streifenwagen.

Bis zum Abend blieb es ruhig. Aber unter der Hand sagten Beamte, dass sie Auseinandersetzungen nicht ausschlössen und die Gruppen im Blick behielten.

In anderer Hinsicht war der Tag gestern ein Fiasko für Staatsanwaltschaft und Polizei. Die mussten sich vorhalten lassen, nicht ausreichend ermittelt zu haben. Denn es könnte ein ganz anderer geschossen haben als die Angeklagten. Die Ermittler hatten auch Hinweise auf Aslan H. erhalten, doch denen sind sie aus Sicht der Richter nicht ausreichend nachgegangen.

Richter schauen den Kommissar ungläubig an

Der Hauptkommissar, der zu seinen Ermittlungsergebnissen befragt wurde, blickte mehrmals in die Gesichter ungläubiger Richter. Vor allem als er sagte, dass ihm ein Zeuge eine Tonaufnahme auf einem Handy vorgespielt habe, die auf einen anderen Schützen hindeute. „Warum haben Sie das nicht beschlagnahmt“, fragte ein Richter. Antwort: Der Mann sei nicht offiziell vernommen worden und habe das Telefon nicht rausrücken wollen.

Verteidiger Peter Wulf hielt dem Staatsanwalt vor: „Sie haben Ihre Aufgabe als Kontrollbehörde nicht erfüllt.“ Der Ankläger wehrte sich gegen den „Eindruck, Ermittlungen seien in eine Richtung gedrängt worden. Es gibt klare Aussagen, dass Mohamed E. den Tatwagen gefahren hat“.

Mordvorwurf steht infrage

Aslan H. tauchte wie Kai aus der Kiste immer wieder in der Verhandlung um die Schießerei in Kaltenmoor auf. Gestern wurde klar, welche Rolle der tatsächlich 19 Jahre alte Mann spielen könnte: Es gab Hinweise, dass er in der Nacht zum 4. A­pril im schwarzen Audi A 5 saß, aus dem auf eine Gruppe von sieben Männern geschossen wurde. Die Polizei ging Aussagen zwar nach, doch verwarf sie als nicht stichhaltig. Aslan hatte als Alibi präsentiert, dass er bei seiner Freundin in Scharnebeck gewesen sei. Später tauchte Aslans Mutter bei der Polizei auf und sagte aus, ihr Sohn sei bei ihr gewesen. Offensichtlich wurde gelogen. Auch Handy-Verbindungen zu einem der Beteiligten hatte Aslan bestritten: Er besitze kein Mobiltelefon. Später stellte sich heraus: Das war gelogen.

Das Gericht und Verteidiger Dirk Meinicke befragten einen Hauptkommissar, warum die Ermittler diese Informationen nicht ausreichend überprüft hätten. Ob es daran liege, dass die Polizei sich auf zwei Verdächtige festgelegt habe. Der 56-Jährige: „Die Ansage meiner Vorgesetzten war, es ist abgeschlossen. Jetzt ist Schluss.“

Schluss war auch in anderer Hinsicht. Das Gericht gab einem Antrag Meinickes statt, Mohamed E. aus der Haft zu entlassen. Es bestehe kein hinreichender Tatverdacht mehr. Zwar dürfte er das Auto gefahren haben, aus dem die Schüsse fielen. Doch ein Gutachter hatte ausgesagt, dass man auf der Fahrerseite des Wagens keine Schmauchspuren fand. Ein Indiz. Von dort wurde eben nicht gefeuert.

Nach den Aussagen deutet vieles auf Drogengeschäfte als Motiv hin. In Kurzform: Die Familien O. und M. kontrollieren den Handel zumindest in Kaltenmoor. Mohamed E. drängte ins Geschäft. Es kam zum Konflikt, einer seiner Mitstreiter wurde in der Tatnacht zusammengeschlagen – E. und noch jemand fuhren zum St.-Stephanus-Platz.

Der Mordvorwurf dürfte auch vom Tisch sein. Der Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, Klaus Püschel, geht eher von zwei Querschlägern aus, die ein Opfer lebensgefährlich verletzten. Indiz dafür, dass aus 50 Meter Entfernung eher auf den Boden geschossen wurde, die Projektile abprallten. Der Prozess wird am 1. November fortgesetzt.

Von Carlo Eggeling

One comment

  1. Norbert Kasteinecke

    Herrgott lass Hirn vom Himmel regnen.