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Heide-Tourismus
Die Chemie stimmt, doch näher mochten sich Geschäftsführer Ulrich von dem Bruch (l.) und Minister Bernd Althusmann an der Kusshaltestelle in der Alten Reithalle in Soltau doch nicht kommen. (Foto: dth)

Wechselhafte Feier für Heide-Gesellschaft

Soltau. Trotz der Feierstimmung hätte Ulrich von dem Bruch auch zum Heulen zumute sein können. Der Dürresommer hat nicht nur die Heideblüte, sondern auch die Tourismussaison in der Region darben lassen. „Die ersten Prognosen sprechen von einem Rückgang von bis zu 30 Prozent“, sagte der Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH bei einer Feierstunde in Soltau. Anlass war der 10. Geburtstag der regionalen Tourismusagentur, bei der von dem Bruch sein Grinsen wieder fand.

Vor rund zehn Jahren hatte die Lüneburger Heide GmbH ihre Arbeit als neue Dachmarke und Tourismusagentur in der Lüneburger Heide aufgenommen. Aus der Taufe gehoben hatten sie die Kreise Lüneburg, Uelzen, Soltau-Fallingbostel (heute Heidekreis) und Harburg, die Städte Lüneburg und Celle und der Wirtschaftsverein „HeideWorld“.

Ein Gutachten hatte der Tourismusregion bescheinigt, sollte sie so weitermachen wie bisher, würde sie über das Jahr 2015 hinaus nicht mehr existieren, blickte von dem Bruch zurück – um fortzufahren: „Wir sind noch da.“ Und das sei eben der Gesellschaft zu verdanken. Im Vergleich zu anderen Urlaubsdestinationen weise die Heide „die höchste Wachstumsdynamik“ auf, hob später auch Wirtschaftsminister Bernd Althusmann in seiner Festrede hervor.

Magische Grenze längst geknackt

Althusmann gratulierte zu einer „zehnjährigen Erfolgsstory“, in der die Übernachtungszahlen in der Region insgesamt um 9,4 Prozent gesteigert wurden und damit über die magische Marke von jährlich fünf Millionen Übernachtungen. Der Tourismus als Wachstumsbranche in Niedersachsen, mit rund 293 000 Beschäftigten, sei auch ein entscheidender Faktor bei der weiteren strategischen Entwicklung der Wirtschaft insgesamt, auch mit Blick auf die Digitalisierung.

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung beklagte sich von dem Bruch, dass die Datenschutzgrundverordnung Online-Marketing massiv erschwere, ebenso das Erfragen der Kundenmeinung. Althusmann räumte ein: „Unzweifelhaft schießen wir beim Datenschutz über das Ziel hinaus, weil wir uns von einem alten Bild des Datenschutzes lenken lassen.“ An das Publikum gerichtet fuhr er fort: „All Ihre Daten haben Amazon oder Google längst. Die wissen, wie Sie heißen, die wissen in aller Regel auch, wo Sie wohnen und wo Sie, durch einen Algorithmus hochgerechnet, als nächstes Urlaub machen werden. Hoffentlich kommt dabei Niedersachsen und die Lüneburger Heide raus.“ dth

6 Kommentare

  1. Die ersten Prognosen sprechen von einem Rückgang von bis zu 30 Prozent“,
    das liegt bestimmt an der politik und an den wölfen. man ist ja vor beidem nicht mehr sicher. schmunzeln.

  2. Gefährliche Verharmlosung des Datenmissbrauchs durch Amazon und Co von Herrn Althusmann. Ein stellvertretender Ministerprsident, der als Minister u.a. für den Bereich Digitalisierung zuständig ist, sollte spätestens seit den Veröffentlichungen von Edwards Snowden besser informiert sein. Digitalisierung ist ein wichtiges Thema, aber gerade deshalb gilt es, auch die Schattenseiten zu benennen. Das hat nichts mit „deutscher Angst“ zu tun. Der Blick nach China, wo Google bereits zensierte Suchergebnisse auswirft und die Bevölkerung mittels Gesichtserkennung permanent überwacht und ggf. sanktioniert wird, zeigt, dass die Bedenken berechtigt sind.

  3. Richtig!

    Doch die geistigen Kapazitäten von Bernd Alhusmann gelten ja nicht erst seit gestern als limitiert. Schon in der Herderschule hat man ihn „über manchen Zaun heben müssen“. Und auch später tat er sich mit Gedanken oft schwer und hat, aber das auch nur wenn die Prüfer beide Augen fest zugedrückt hielten, ein „rite“ bekommen. Prozessorganisation und Prozesskooperation in der öffentlichen Verwaltung ist mehr so sein Ding – und Gummitwesten!

    Anders hätte der Minister sich wohl kaum darauf eingelassen, Herrn Ulrich von Bruch zu einer „zehnjährigen Erfolgsstory zu gratulieren. Denn der Nachweis dafür, dass der „grinsende“ LHG-Geschäftsführer IRGENDETWAS mit dem Anwachsen „der Übernachtungszahlen in der Region insgesamt um 9,4 Prozent“ zu tun haben könnte, ist bisher NICHT erbracht worden.

    Und die Ahnungslosen, die sich „von einem alten Bild des Datenschutzes lenken lassen“, sind eben Unsinn brabbelnde Typen wie Bernd Althusmann.

    Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon haben persönliche Daten natürlich längst kommerzialisiert und zur Handelsware erklärt. Aber sie wollen mehr. Und dazu brauchen sie Erfüllungsgehilfen wie Bernd Alhusmann und Ulrich von dem Bruch. Private menschliche Erlebnisse, Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, Schächen und Bedürfnisse, werden bei JEDEM „Klick“ ausgelesen, als „Muster“ erfasst und gespeichert und dienen als freies Rohmaterial, das in den Markt übernommen und in „Vorhersageprodukte“ umgewandelt werden kann, die auf neuen Märkten gekauft und verkauft und zu beliebigen manipulativen Zwecken eingesetzt werden können.

    Wenn man den ökonomischen Imperativ einmal verstanden hat, der diese wirtschaftliche Logik antreibt, dann wird klar, dass diese sich zum Ganzen, zum Gesamten hin orientiert, zur Totalität. Das einzige, was Vorhersagen dazu antreibt, noch „besser“ zu werden, ist der Wille zu immer mehr und zu immer exakter vorhersagenden Informationen. Es gibt für den digitalökonomischen Ehrgeiz tatsächlich keine Grenzen – er will die Versorgungsketten kontrollieren, neue und immer mehr Quellen von Verhaltensdaten erschließen.

    Der digitale Überwachungskapitalismus hat sich bereits auf so gut wie alle Wirtschaftsbereiche ausgeweitet. Immer wenn man zum Beispiel das Wort ‚smart‘ auf einem Produkt oder einem Service-Angebot sieht (Smartphone, Smart Home, Smart Office, etc.), sollten sofort alle Alarmglocken schrillen. Denn hierbei geht es nicht nur um enorme kommerzielle Gewinnmöglichkeiten, sondern letztlich etwa um die Kontrolle und Steuerung des Verhaltens ganzer Stadtbevölkerungen – Stichwort: „smart city“.

    Eine Smart City ist eine Stadt, die für privaten Profit funktioniert. Was wir vermeiden sollten, ist, dass der Überwachungskapitalismus Zugang zu diesen Kanälen erhält – zu diesen Versorgungskanälen, die ihm die Kontrolle zu immer größeren Teilen der Gesellschaft geben. Denn das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Dabei ist der Anreiz, den das hätte, offensichtlich, wenn man z.B. öffentliches Verhalten so lenken könnte, dass es keine Staus mehr gibt, oder so, dass der Energiekonsum sinkt. Auf der Oberfläche gibt es also eine Menge Argumente, die ganz attraktiv erscheinen, aber dahinter verbirgt sich ein zutiefst anti-demokratischer Impetus. Denn es nimmt alle Informationen und Entscheidungsgewalt weg vom demokratischen Prozess, entmündigt das Individuum, liefert es dem Quantifizierungterror aus („Wenn soviele das liken, musst du das auch mögen!“) und übergibt sie einem rücksichtlos „optimierenden“ Markt-Prozess. Und das ist für unsere Gesellschaften sehr gefährlich.

  4. Liebe Leser, lieber Herr Bruns, wer seine Satire ausschließlich gratis und digital auf dem Wischbildschirm konsumiert, muß seinen Mitmenschen vorkommen wie ein unkultivierter Esel. Wer hingegen mit einer wertigen Print LZ mit unverfänglichem „LHG-Geschäftsführer Ulrich von dem Bruch und WAVD-Minister Bernd Althusmann an der Kusshaltestelle“-Titelbild im Bus durch unsere vorweihnachtlich glänzende Hansestadt fährt, der erntet anerkennende Blicke, ängstlich leuchtende Kinderaugen und von Kopfschuppenschnee (fachsprachlich Pityriasis simplex capillitii) befreiende Schulterklopfer. Außerdem raschelt es fein beim Umblättern.

    Einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkon zufolge können sich 41 Prozent der Deutschen vorstellen, im Fall einer Pflegebedürftigkeit zumindest zeitweise von einem datensammelnden Roboter versorgt zu werden. Während Experten wie Eugen Brysch (Pflegegrad: Deutsche Stiftung Patientenschutz) appellieren, Automaten dürften die Pflege und das Ausspionieren von Mensch zu Mensch nicht ersetzen, steht das Personal in Krankenhäusern und Altenheimen für eine ausführliche Stellungnahme nicht zur Verfügung: „Tut mir leid, muss Patienten waschen… … muss Patienten waschen… muss Patienten waschen… muss… Patienten waschen… muss… krrr… Patienten… fzzz… waschen… muss… Patienten krrrfzzzzzz.“*

    __________________

    *aus dem Polnischen übersetzt

  5. Tja, all unsere „Daten haben Amazon oder Google längst“. Also kann auf „unser altes Bild vom Datenschutz“ auch gleich ganz gesch…en werden. Dem Turbo-Abi-Papi, Bernd Althusmann (mit dem Doktortitel) ist das totalitäre Potential des digitalen Überwachungskapitalismus schnuppe. Hatte er als Kultusminister brav wirtschaftliche Interessen durchgepeitscht, peitscht er als Wirtschaftsminister genauso brav deren kulturelles Desinteresse durch: die „Digitalisierung [vulgo: Beerdigung] der Bildung“ von der Wiege bis zur Bahre. Langweilige Nachricht: Der sog. Schulerfolg hängt in Deutschland lt. Pisa-Forschung immer noch stärker vom Elternhaus ab als sonst in Europa. Nicht so langweilige Nachricht: Die Schule für alle, die gibt es schon, wenn etwa im bürgerlichen Tübingen der Anteil der Gymnasiasten und Gymnasiastinnen bereits bei 70 Prozent liegt. „Es ist die womöglich größte Ironie der jüngeren Bildungsgeschichte: Das Ideal der Gesamtschulverfechter, die Oberschule für (fast) alle, existiert. Es heißt Gymnasium“ (SZ, „Schule und Hochschule“, 22.10.). Für Ironie sind wir natürlich immer, und vergessen wir also alles, was hier und andernorts über Staat, Welt und Gesellschaft gesagt worden ist. Es ist nämlich sowieso alles prima, oder immerhin fast, und wenn zwei Drittel mit allen auf die richtige Schule gehen und ein Drittel auf die geht, die es auch noch gibt, dann ist eben (fast) alles in Ordnung und hat sich die Zweidrittelgesellschaft, von der zu sprechen einst als Vorwurf gemeint war, als Ziel und Zweck, ja geradezu als Erfüllung menschlicher Assoziation etabliert. (Nebenbei: Je mehr auf die richtige Schule gehen, desto stigmatisierender die falsche. Deshalb lag im örtlichen Buchhandel zum Schulbeginn auch das exemplarische Buch für beginnende Viertkläßler: „Sicher aufs Gymnasium“. Statt nämlich auf die Resterampe.) Auf FAZ.net neulich immerhin ein Bericht aus Estland, wo die sog. digitale Schule vorbildliche Fortschritte macht, und auf dem Foto sahen wir sehr sinnreich eine Digitaltafel, über eine klassische aus Schiefer gehängt, und die digitale hat halt viele Vorteile: Sie ist ein Bildschirm/ein Suchtmittel, geht irgendwann kaputt und ist gottlob auch nicht nachhaltig. (Wie von Leuten, die damit Umgang haben, zu hören ist, ist bereits das sog. Whiteboard der letzte Quatsch: Die Stifte stinken, landen irgendwann auf dem Müll, und um es richtig sauberzukriegen, braucht es Chemie. Statt einfach Wasser.) Aber so geht nun mal der Fortschritt, und den Fortschritt brauchen wir, damit niemand merkt, dass keiner ist; – was solange gutgehen mag, wie das Drittel, das bereits offiziell nicht mehr vorkommt, mit Teilen des nächsten Drittels, das Angst hat, nicht mehr vorzukommen, und einer Oberschicht, der nichts passieren kann und die will, dass das so bleibt, plötzlich Leute wählt, die „mit dem Faschismus liebäugeln“ (Quelle vergessen, irgendein liberales Spitzenblatt), also (fast) Faschisten sind: die die Folter wieder einführen wollen, Schießbefehle wider alles Linke ausstellen, die Justiz entmachten und das Land gegen jüdische Milliardäre aufhetzen und außerdem natürlich lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Die Zweidrittelgesellschaft, finden unsere Demokraten, ist da noch die beste unter den schlechten Möglichkeiten, und solange sich beim Ausräubern der Welt noch soviel Profit machen lässt, dass in den Metropolen (fast) alle was davon haben, kann (fast) alles so weitergehen. Sinken die Profite, muss man sich was einfallen lassen, und das sieht dann so aus, dass man den Massen zu ihrem Ausdruck statt zu ihrem Recht verhilft. Es ist (fast) langweilig.