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Kerstin Gerber und Akiko Shindou. Foto: privat

Der lange Anlauf

Lüneburg. Als die Fahrstuhltür aufgeht und sie Akiko Shindou sieht, eilt Kerstin Gerber schnurstracks auf sie zu. Die beiden Frauen fallen sich in die Arme, erst freudestrahlend, dann fließen Tränen der Rührung. Es ist für beide ein bewegender Moment. Die Lüneburgerin und die Japanerin stehen sich zum ersten Mal gegenüber und können es kaum fassen, dass dies so lange gedauert hat. Denn sie kennen sich gut, wissen eine Menge von einander, haben am Leben der anderen teilgenommen und sie am eigenen Leben teilhaben lassen. Sie haben mitverfolgt, wie die jeweils andere einst die Schule meisterte, wie sie einen Job fand, wie sie ihren späteren Ehemann kennenlernte, wie die Familie Feste feierte. Zum Geburtstag gab es persönliche Glückwünsche und kleine Geschenke, auch zu Weihnachten – immer. Bis zum ersten persönlichen Treffen aber haben sie sich Zeit gelassen. Mehr als drei Jahrzehnte.

Es war im Mai 1988, als Kerstin Gerber, die damals noch Kerstin Lemke hieß, zarte 14 Jahre jung war und mit ihrer Familie in Geringswalde in der damaligen DDR lebte, Post aus Japan bekam. Ein Brief auf hauchdünnem Papier, geschrieben in Englisch von einem 15 Jahre alten Mädchen: Akiko Izumi – wie sie damals noch hieß. Es sollte der Beginn einer Brieffreundschaft werden, die bis heute, gute 30 Jahre später, Bestand hat.

Briefwechsel, um das eigene Englisch zu verbessern

Sie können es kaum fassen: Nach 30 Jahren Briefwechsel treffen sich Kerstin Gerber und Akiko Shindou zum ersten Mal. Foto: privat

Kerstin Gerber erinnert sich: „Die Tochter einer Arbeitskollegin meiner Mutter hatte eine Brieffreundin in Japan. Ich war damals gerade in der 8. Klasse, wir hatten im zweiten Jahr Englisch in der Schule.“ Eine Brieffreundschaft wäre doch eine tolle Möglichkeit, das Gelernte in der Praxis anzuwenden und zu verbessern, habe sie sich gedacht – und das der Tochter der Arbeitskollegin ihrer Mutter ausrichten lassen. Deren Brieffreundin stellte einen Kontakt her – so flatterte die erste Postsendung aus Japan ins Haus der Lemkes. „Meine Eltern mussten damals noch im Betrieb nachfragen, ob das in Ordnung geht“, erinnert sich die Lüneburgerin, die damals bereits Brieffreundinnen in Polen und der Sowjetunion hatte. Aber das nicht-sozialistische Ausland war eben doch etwas anderes.

Am Ende aber gab es die Erlaubnis, Kontakt aufzunehmen. „Das war total aufregend, irgendwie jenseits jeglicher Vorstellung“, erinnert sie sich. Die Briefe aus Fernost, die sie noch zur DDR-Zeit erreichten, seien auch nicht geöffnet worden. „Wahrscheinlich haben die gedacht, Japan ist so weit weg, das geht schon in Ordnung“, vermutet Kerstin Gerber und lächelt. Sie zückt einen der ersten Briefe hervor und zeigt einen Ausschnitt aus einer japanischen Zeitung, den Akiko damals mit in den Umschlag gesteckt hatte: Katharina Witt, der Weltstar aus der DDR, beim Eiskunstlauf.

Alles aus der Ferne über fast 9000 Kilometer

Akiko Izumi erlebte schließlich aus der Ferne mit, wie die Mauer fiel und wie sich dadurch das Leben ihrer deutschen Brieffreundin drastisch veränderte. Wie sie später nach Lüneburg zog, wie sie heiratete, dass sie ihren Lebensunterhalt bei der Stadt Lüneburg verdient. Kerstin Gerber verfolgte Akikos Werdegang, beruflich wie privat, erfuhr von den musikalischen und sportlichen Aktivitäten ihrer Kinder – alles aus der Ferne über fast 9000 Kilometer.

Den Wunsch, ihre japanische Brieffreundin, mit der sie so viel geteilt hat, auch mal persönlich kennenzulernen, hatte die Lüneburgerin schon länger. Vor 15 Jahren hatte sie sich ein Buch gekauft: „Kulturschock Japan“. Die 44-Jährige blickt zurück: „Das hat mich aber wohl ein bisschen abgeschreckt.“

Naruto-Reise der Stadt war die ideale Gelegenheit

Doch als sie in diesem Jahr in der LZ von der geplanten Reise einer Lüneburger Delegation in die japanische Partnerstadt Naruto las, dachte sie: „Das ist die Chance.“ Als sie dann noch bei einem Familiengeburtstag eine gute Freundin ihrer Schwiegermutter erzählen hörte, die so gern ihre gute Freundin in Frankreich nochmal sehen würde, dass dies aus Altersgründen aber wohl nichts mehr werde, habe sie gewusst: Jetzt oder nie! Gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter aus Hamburg und weiteren Lüneburgern flog sie für 13 Tage nach Japan. Mit ihrer Brieffreundin, mit der sie seit wenigen Monaten auch per iMessage übers Handy Kontakt hält, stimmte sie Ort und Termin eines Treffens ab – an einem Wochenende sollte es klappen, in einem Hotel ganz in der Nähe der Heimatstadt Akikos. „Alles hat gepasst wie die Faust aufs Auge“, sagt Kerstin Gerber.

Der erste Brief: Der Poststempel zeigt das Jahr 1988, die heutige Lüneburgerin wohnte damals mit ihren Eltern in der DDR. Foto: privat

Und dann standen sie voreinander an einem frühen Oktoberabend in Nagoya: Akiko, 46 Jahre, aus Japan und Kerstin, 44 Jahre, aus Deutschland – die sich drei Jahrzehnte lang so oft geschrieben hatten. Briefe, auch in Zeiten der E-Mail. „Ich war total aufgeregt und einfach nur gespannt“, gesteht die Lüneburgerin. Wenn sie Tage später das Video dieses besonderen Moments zeigt, das ein Begleiter aufgenommen hat, bekomme sie noch immer Gänsehaut.

„Man ist jetzt irgendwie noch näher dran“

Es sei ein schöner Abend gewesen, sie haben viel geredet beim gemeinsamen Essen. Und als sie ihrer Freundin deren ersten Briefe von damals zeigte, die sie extra mitgenommen hatte, war die ganz gerührt. „Wir haben uns gut verstanden“, sagt Gerber. „Man ist jetzt irgendwie noch näher dran.“

Die anderen Brieffreundschaften von damals – sie seien alle irgendwann eingeschlafen. Nicht die mit ihrer Freundin Akiko. Und deshalb hofft die Lüneburgerin, dass sie ihr auch mal ihre Heimat Lüneburg zeigen kann. Doch ob es zum Gegenbesuch kommt, steht noch in den Sternen. „Vielleicht in vier Jahren“, habe sie gesagt. Kerstin Gerber hofft ganz fest darauf. Sicher aber ist: Bis dahin werden noch einige Briefe zwischen Japan und Deutschland hin- und hergeschickt.

Von Alexander Hempelmann