Aktuell
Home | Lokales | Ilmenau | „Jetzt ist ’ne gute Zeit“
Christa und Walter Schlüter leben noch gemeinsam in ihren eigenen vier Wänden. „Ein großes Glück“, finden sie. (Foto: phs)

„Jetzt ist ’ne gute Zeit“

Deutsch Evern. Wie sie sich kennengelernt haben? Christa Schlüter zwinkert mit den Augen und lächelt, dreht versonnen das Goldarmband an ihrem rechten Armgelenk hin und her. „In Hamburg“, sagt sie. Daran erinnere sie sich. „Im Krankenhaus.“ Doch wie genau das damals war? „Mmmh.“ Sie schaut ihren Mann an, der neben ihr auf dem Sofa sitzt. Er legt ihr die Hand auf den Rücken, grinst und sagt: „Ich hab gehorcht und dann hat‘s gefunkt.“ Die Details? Egal. Mit 91 und 93 Jahren sind ihnen andere Dinge wichtig. Zum Beispiel, dass sie noch da sind. Zusammen da sind.

Seit 70 Jahren gehen Christa und Walter Schlüter als Ehepaar durchs Leben. „Gnadenhochzeit“, nennt dies der Volksmund. Und tatsächlich ist das, was die beiden heute erleben dürfen, wohl ohne die Gnade des Lebens nicht zu schaffen. In Deutsch Evern wohnen sie im Haus ihrer Tochter noch in einer eigenen Wohnung, essen morgens, mittags und abends zusammen, schlafen gerne viel, und das nach wie vor in ihrem Ehebett. „Jetzt ist ’ne gute Zeit“, sagt Walter Schlüter, „keine Sorgen, kein Geldmangel.“ Dafür endlich Muße – und die Hoffnung, „dass wir gemeinsam auf die 100 zusteuern“.

Erinnerungen an längst vergangene Reisen

100. 70 Jahre Ehe. Zwei Töchter, sechs Enkel und sieben Urenkel. Walter Schlüter schüttelt den Kopf, legt die Hände in den Schoß. „Da fragt man sich manchmal, wo ist die Zeit geblieben?“ Ihm komme es vor, als wäre er gerade erst als Bezirksschornsteinfeger in Hamburg in Rente gegangen, als wären sie erst vor wenigen Monaten von ihrer letzten Reise aus Norwegen zurückgekehrt. Tatsächlich sind sie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr verreist, fahren seit dem Umzug vor fünf Jahren aus Hamburg nach Deutsch Evern nicht weiter als zum Edeka. Dafür reisen sie nun in Gedanken, wenn Walter Schlüter abends die alten Fotos auf ihrem Fernseher abspielt.

Christa Schlüter ist vor ein paar Jahren an Demenz erkrankt und erinnert sich immer bruchstückhafter an ihr Leben. Trotzdem erzählt sie vieles an diesem Morgen, lacht oft, sagt eben das, was ihr in den Sinn kommt. Zum Beispiel, dass sie großes Glück mit ihrem Mann habe, dass er sie 1948 geheiratet habe, obwohl sie ein Kind aus einer anderen Beziehung mit in die Ehe brachte. Überhaupt habe er ihr immer viel geboten. Schöne Reisen. Schöne Kleider. Den wöchentlichen Frisörbesuch. Noch heute fährt er sie jeden Freitag zum Salon in den Ort. „Einmal waschen und legen, manchmal Dauerwelle“, sagt sie und strahlt.

Angelika Schlüter beschreibt die Ehe ihrer Eltern als glücklich, ungewöhnlich gleichberechtigt für die damalige Zeit. „Während mein Vater als Bezirksschornsteinfegermeister bei den Kunden war, kümmerte sich meine Mutter um das Büro und den Telefondienst.“ Auch die Hausarbeit hätten sich ihre Eltern geteilt, er habe gesaugt, jeden Morgen Frühstück gemacht. „Heute macht er fast alles im Haushalt, hilft Mutti, wo er kann“.

„Ein guter Mann“, so beschreibt Christa Schlüter ihren Mann und erklärt: „Sternzeichen Fisch, das passt einfach gut zu mir als Skorpion.“ Er hält nur wenig von den Sternzeichen-Theorien seiner Frau. Was sein Rezept für eine glückliche Ehe ist? Schlüter grinst und scherzt: „Eine Woche hab ich gemacht, was sie wollte. Und eine Woche hat sie gemacht, was sie wollte.“ 70 Jahre habe das gut geklappt. Und heute? Da wünscht sich Walter Schlüter eigentlich nur noch eins zur Gnadenhochzeit: „Schreiben Sie am Ende Ihres Artikels: Fortsetzung folgt.“

Von Anna Sprockhoff