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Das lange Warten auf die Ärzte

Lüneburg. Lange Wartezeiten, genervte Patienten, gestresste Mitarbeiter – Alltag in den Notaufnahmen deutscher Kliniken. Kritik wird von LZ-Lesern auch immer wieder am Lüneburger Klinikum laut. Die LZ sprach darüber mit dem Ärztlichen Direktor Dr. Jörg Cramer und Klinikum-Chef Dr. Michael Moormann.

Wie viele Patienten steuern pro Jahr die Notaufnahme an?
Dr. Jörg Cramer: Die Notaufnahme gliedert sich in die beiden Bereiche Chirurgie sowie Innere Medizin und Neurologie. Rund 45 000 Patienten pro Jahr steuern diese an, vor zehn Jahren waren es rund 30.000.

Gibt es Auswertungen, wie lange Patienten in der Notaufnahme durchschnittlich warten müssen?
Cramer: Seit fünf Jahren erfassen wir den gesamten Prozess vom Erstkontakt mit der Arzthelferin über das erste Arztgespräch, Untersuchungen bis zu der Entscheidung, ob ein Patient stationär aufgenommen wird oder ob die weitere Behandlung ambulant erfolgt. In der chirurgischen Notaufnahme mit rund 26 000 Patienten pro Jahr verlassen etwa Dreiviertel das Klinikum nach ambulanter Behandlung. Bei der internistischen und neurologischen Notaufnahme verhält es sich umgekehrt. In den ersten neun Monaten 2018 wurden hier 7300 Patienten stationär aufgenommen, 5600 wurden ambulant behandelt. Die Auswertung unserer Datenbank ergibt durchschnittlich zweieinhalb Stunden vom Erstkontakt bis zur stationären Aufnahme.

Manche Patienten berichten aber, dass sie viel länger warten mussten.

Dr. Michael Moormann ist der Geschäftsführer des Klinikums. Foto: A/t&w

Dr. Michael Moormann: Das Ergebnis der Erfassung sind Durchschnittswerte. Danach vergehen vom Erstkontakt mit der Arzthelferin bis zum ärztlichen Kontakt 5 bis 55 Minuten. Das kann erheblich länger dauern, wenn viele Patienten zur gleichen Zeit in der Notaufnahme sind.

Cramer: Dann wird nach Dringlichkeit entschieden. Lebensbedrohlich Erkrankte, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt, Unfallopfer oder Patienten, die dringend für eine Operation vorbereitet werden müssen, haben Vorrang. Die Folge kann sein, dass leichtere Fälle warten müssen. Wir kontrollieren aber regelmäßig, ob sich der Gesundheitszustand von Patienten während der Wartezeit verschlechtert. Falls ja, wird deren Behandlung vorgezogen.

Können Sie Patienten verstehen, wenn sie wegen Wartezeiten sauer sind?
Moormann: Natürlich kann ich das. Wenn ich mit meinem Sohn in eine Notaufnahme muss, möchte ich auch, dass er umgehend behandelt wird. Aber man muss sich bewusst sein, dass es hier in aller Regel um Notfälle geht. Nicht ganz nachvollziehbar ist für mich, wenn Menschen diese aufsuchen, weil sie in Sorge sind, etwas Ernstes zu haben, dann aber wieder gehen, weil es ihnen zu lange dauert. Das sieht dann nicht nach einem Notfall aus. Für unsere Mitarbeiter, die manchmal sehr anstrengende Schichten haben, ist es dann schwer verständlich, wenn Patienten sich beschweren, dass alles zu langsam geht.

Cramer: Wir versuchen Patienten in der Situation zu erklären, warum es länger dauert. Viele zeigen Verständnis. Aber manche wenden sich auch an unser Beschwerdemanagement. Wir klären das dann im persönlichen Kontakt.

Könnte die Wartezeit nicht verkürzt werden, wenn das Personal in der Notaufnahme aufgestockt würde?
Cramer: Im vergangenen Jahrzehnt wurde das Personal kontinuierlich aufgestockt, weil wir auch immer mehr Fälle verzeichnen. Im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten in der chirurgischen Notfallambulanz jeweils drei Assistenzärzte und eine Oberärztin, in der internistischen Notaufnahme drei Ärzte. Trotzdem kommen wir zu bestimmten Zeiten in Bedrängnis, weil Patienten sozusagen in Wellen kommen und die Untersuchungen in manchen Fällen lange dauern können.

Moormann: Außerdem ist mehr Personal eine Frage der Finanzierung. Laut einer Untersuchung der Deutschen Krankenhausgesellschaft kostet ein ambulanter Fall zirka 130 Euro, Kliniken bekommen aber nur zirka 30 Euro erstattet. Das bedeutet: Wenn ich das Personal für nicht planbare Spitzenzeiten vorhalte, ungeachtet dessen, dass die Besetzung in der Regel ausreichend ist, führt das zu einer Erhöhung des Defizits. Gemeinnützige Unternehmen wie unser Klinikum müssen aber auch wirtschaftlich handeln. Denn Überschüsse sind notwendig, um beispielsweise moderne Medizin-Technik oder Bauvorhaben zu refinanzieren. Die Fördermittel der Länder reichen dafür einfach nicht aus.

Studien sowie die Kassenärztliche Bundesvereinigung verweisen darauf, dass zu viele Patienten die Notaufnahmen aufsuchen, obwohl außerhalb der Praxiszeiten der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst für sie zuständig wäre. Teilen Sie diese Einschätzung?

Dr. Jörg Cramer ist Ärztlicher Direktor des Lüneburger Klinikums. Foto: Privat

Cramer: Für viele Patienten ist nicht einschätzbar, ob sie in die Notaufnahme müssen oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst nutzen könnten. Wir stellen fest, dass viele ein behandlungspflichtiges Problem haben. Ob das akut behandelt werden muss oder ob es auch Zeit hätte, kann nur im Rahmen der Aufnahme und Untersuchung entschieden werden. Zum Beispiel können starke Schmerzen im Rücken von einem Wirbelbruch, von einer Infektion im Bauchbereich oder von einem Hexenschuss herrühren. Letzterer könnte auch vom Hausarzt diagnostiziert und behandelt werden.

Moormann: Patienten steuern aber auch die Notaufnahme an, weil sie wissen, dass die Klinik über alle Diagnosemöglichkeiten wie Computertomographie und Magnetresonanztomographie verfügt. Im niedergelassenen Bereich sind diese Untersuchungen mit Überweisungen zum Facharzt und Wartezeiten verbunden. Und es gibt Patienten, die in der Ferienzeit, wenn Hausarztpraxen nicht besetzt sind, ins Klinikum gehen und nicht die Hausarzt-Vertretung aufsuchen. In der Ferienzeit ist aber auch die Personaldecke des Klinikums ausgedünnt.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann will überfüllte Notaufnahmen entlasten. Dazu sollen zentrale Anlaufstellen, sogenannte Portalpraxen an den Kliniken, echte Notfälle von denen trennen, die vom ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden können.
Cramer: Das wäre ein guter Weg der Vorsortierung. Es könnte zu einer Entlastung führen. Die Besetzung der Portalpraxen würde aber in der Hand der Kassenärztlichen Vereinigung liegen. Personal dafür zu gewinnen, scheint schwierig zu sein.

Im neuen Erweiterungsbau des Klinikums soll es eine „interdisziplinäre Notaufnahme“ geben. Bedeutet das womöglich das Ende langer Wartezeiten?
Cramer: Die verschiedenen Notaufnahmen werden an einem Ort im Neubau zentralisiert. Fachübergreifende Probleme sind durch Zusammenarbeit und Austausch von Medizinern unterschiedlicher Disziplinen schneller und besser in den Griff zu bekommen. Die internistische Notaufnahme wird zudem vergrößert. Im Schockraum wurde bereits in diesem Jahr ein Computertomograph installiert, der vierte im gesamten Klinikum. Damit konnten wir die Behandlungsgeschwindigkeit und -qualität bei Schwerstverletzten und -kranken nochmals verbessern. Wenn man besser wird, zieht das laut Untersuchungen aber auch mehr Patienten an. Insofern lässt sich nicht sagen, ob es nicht auch weiterhin in manchen Situationen zu längeren Wartezeiten kommen kann.

Von Antje Schäfer

2 Kommentare

  1. kleines beispiel: habe meine mutter gerade (90Jahre alt) ins Krankenhaus gebracht. sie hatte eine einweisung von ihrer hausärztin. sie saß fünfeinhalb stunden bei der annahme, bevor sie auf station kam. ein mitpatient hatte ihr zwischendurch etwas zu trinken gegeben, weil meine mutter sich von einem ohnmachtsanfall zum nächsten durchkämpfen musste. in keinem gesundheitswesen der welt ,wird soviel geld verbraten ,trotz solch geringer effektivität, wie bei uns.

  2. Ein weiteres Problem, welches ich vor einigen Tagen selbst erleben durft ist der Fachärztemangel. Hausarzt trägt mir auf zügig zum Augenarzt zu gehen, Praxis Am Kurpark nimmt keine Neupatienten auf und verweist auf Winsen oder Bad Bevensen, Moldenweg hat keine Termine frei, anderer Augenarzt hat geschlossen, weil die Praxisräume umgebaut werden, ein weiterer hat sein Praxisschild noch an der Hauswand, ist dort leider nicht mehr zu finden.
    Und Lüneburg wird durch die städtische Politik zum Wachstum verdonnert, ein Neubaugebiet nach dem anderen wird aus den Boden gestampft. Nur die Infrastruktur auf allen Ebenen wird nicht angepasst, bleibt auf der Strecke.
    Ich könnte mir schon vorstellen, dass diese Situation in unserer schönen Stadt mit dazu beiträgt, dass das Krankenhaus überlaufen wird, weil es nicht genügend Fachärzte gibt und Termine 3 bis 4 Monate in der Zukunft liegen.