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Die Konfirmanden (v.l.) Lea Smeikal, Leonie Neugebauer und Jannik Widdra bestatten die Mönchsgebeine in Scharnebeck. Foto: t&w

„Wir geben den Toten eine Identität“

Scharnebeck. Die Gebeine aus dem Mittelalter, die Archäologen bei Grabungen im Boden der einstigen Baustelle für die Erweiterung der Grundschule Scharnebeck im vergangenen Jahr gefunden hatten, haben jetzt eine letzte Ruhestätte gefunden. Feierlich wurden die Knochen in einem Beet vor der Kirche beigesetzt, als Erinnerung an die vor Jahrhunderten verstorbenen Menschen. „Das ist keine Beerdigungszeremonie. Die fand schon vor 500 bis 600 Jahren statt“, sagte Pastor Johannes Link bei der Veranstaltung vor dem Kirchenportal.

Wissenschaftler ordnen damaligen Mönchen des Zisterzienserordens die Skelettteile zu. Denn sie wurden im Erdreich in Höhe der Grundmauern des ehemaligen Scharnebecker Klosters gefunden. „Ein Spezial-Labor ist zurzeit dabei, das exakte Alter der Knochen herauszufinden. Anfang kommenden Jahres rechnen wir mit dem Ergebnis“, erklärte Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow. „Dann sind wir einen Schritt weiter und ein bisschen klüger, was die Geschichte des Scharnebecker Klosters betrifft“, sagte er. Pahlow hatte der Kirchengemeinde den Grabungsfund übergeben.

„Was hast du gegessen?“

Die Beisetzung der Mönchsgebeine hatten die Scharnebecker Konfirmanden gestaltet. Leonie Neugebauer legte die in ein weißes Tuch gehüllten sterblichen Überreste in die Grabstelle, die Jannik Widdra zuvor mit einer Schaufel ausgehoben hatte und danach wieder mit sandigem Erdboden auffüllte. Anschließend setzte Lea Smeikal ein Kreuz aus Holzästen mit der Inschrift „Dem unbekannten Mönch“ aufs Grab. An das Kreuz hatten die Konfirmanden Fragen gehängt, die sie den verstorbenen Mönchen gerne stellen würden: „Wer bist du?“, „Hast du ein Tagebuch geschrieben?“, „Bist du gern ins Kloster gegangen?“, „Was hast du gegessen?“ und „Wie sah dein Zimmer aus?“, lauten einige der Fragen.

Gemeindemitglied Dr. Hans-Henning Rausch, dem Anlass entsprechend mit einem historischen Zisterzienser-Gewand bekleidet, lobte die Fragen der Jugendlichen. „Sie sagen das Entscheidende aus, nämlich dass wir den Toten eine Identität geben.“ Der einstige Lehrer und ehrenamtliche Experte für das Scharnebecker Kloster bezeichnete die Mönche als „vier arme Sünder ohne Namen und Titel“. „Das ist ihre Identität. Mehr wissen wir nicht von ihnen“, sagte Rausch.

Für die Inschrift ist der Verein für Heimatkunde zuständig.

Rausch kündigte an, dass die Grabstelle vor der Kirche noch einen Gedenkstein erhalten werde: „Für die Inschrift ist der Verein für Heimatkunde im Raum Scharnebeck zuständig.“

Der Verein stimmt sich dann darüber mit der Kirchengemeinde ab und übernimmt zudem die Kosten für die Gravur des Findlings, der ebenfalls bei der archäologischen Grabung im Erdboden der Schulbaustelle gefunden wurde.

Von Stefan Bohlmann