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Eine Spezialfirma teilt die Tankstelle in drei Teile und verlädt sie auf Tieflader, die ihre Fracht ins Freilichtmuseum bringen. (Foto: geo)

Eine Tankstelle zieht um

Stade. Was Klaus Mehrtens an diesem dunklen Morgen beobachtet, hätte er sich vorher nie vorstellen können. „Das kann ja keiner ahnen, dass so etwas möglich ist“ , sagt der Mann und zückt seine Kamera. Er will festhalten, was geschieht: Die Tankstelle seines Vaters zieht um. Oder wie es in der Fachsprache heißt: Das Gebäude, Baujahr 1954, wird transloziert. Von der Harburger Straße in Stade in die Königsberger Straße in Ehestorf. Dort wird sie zum Ausstellungsstück des Freilichtmuseums am Kiekeberg.

Eine Stützsäule, ein Dach und ein Kassenhäuschen. Um diese Dinge die 45 Kilometer von der Elbe in die Gemeinde Rosengarten im Kreis Harburg zu transportieren, sind drei Tieflader gemietet, ein Dutzend Handwerker beschäftigt, etliche Straßen gesperrt und 143 000 Euro ausgegeben worden.

Tankstelle als Symbol einer fortschrittsbegeisterten Zeit

Die kleine Tankstelle ist mehr als eine Konstruktion aus Stahl, Beton, Holz und ein bisschen Bitumen. Sie ist ein Symbol. Symbol für eine fortschrittsbegeisterte Zeit, eine mobiler werdende Gesellschaft, weiter entfernt liegende Arbeitsorte und ein verändertes Freizeitverhalten – beinahe alle gesellschaftlichen Umbrüche in der Nachkriegszeit lassen sich an ihr ablesen.

Das Freilichtmuseum am Kiekeberg erforscht seit Jahren die Zeit von 1949 bis 1970 in Deutschland, am Ende soll auf dem Kiekeberg ein gesamter Straßenabschnitt stehen. Nach der Tankstelle für die „Königsberger Straße“ haben die Wissenschaftler bis nach Bremerhaven und Celle gesucht, erzählt Alexander Eggert, Abteilungsleiter Volkskunde im Museum, als am Mittwoch alle Beteiligten den großen Moment beobachten: die Verladung der Tankstelle auf Tieflader. „Wir waren penibel und pedantisch bei der Auswahl. Es gibt nicht mehr viele Tankstellen aus dieser Zeit, vor allem nicht in einem so vorzeigbaren Zustand.“ Eine Rekonstruktion von Gebäuden kommt für das Freilichtmuseum bei dem Projekt „Königsberger Straße“ nur im Notfall in Frage, betont Museumsdirektor Stefan Zimmermann.

Terrazzo-Boden und Heizkörper

So hat eine Spezialfirma aus Baden-Württemberg den Umzug der Tankstelle seit zehn Tagen vor Ort vorbereitet. Unter das Kassenhäuschen wurde per Kernbohrung ein Stahlträger geschoben, um das Gebäude im Ganzen transportieren zu können, inklusive Terrazzo-Boden und Heizkörper. Unter das 7,40 Meter breite und 10,50 Meter lange Dach hat Chef-Translozierer Phillip Schäle mit seinem Team eine Diagonalschalung aus Holz gesetzt, um der einfachen Konstruktion aus Stahl und Holzbohlen die nötige Stabilität für den Transport zu geben. „Die Fläche des Daches ist unsere größte Herausforderung“, erklärt der gelernte Zimmerer. „Wir wollen möglichst wenig zerschneiden.“

Das Museum lässt zudem eines der ersten Fertighäuser überhaupt translozieren und ein typisches Siedlungshaus. „Wir tun das, weil man sich der Aura einer Originalbausubstanz nicht entziehen kann“, sagt Historiker Zimmermann. „Ein Gebäude atmet Geschichte und strahlt sie aus. Das merken wir, das werden auch die Besucher merken.“

Tankstelle mit Wohlfühlcharakter

Die Geschichte, die die Tankstelle ab Frühjahr 2019 im Freilichtmuseum am Kiekeberg erzählen wird, ist diese: Karl Mehrtens, Vater von Klaus und Horst Mehrtens, baute sie 1954 gemeinsam mit der Gasolin AG. In den Farben Rot und Weiß des Konzerns lackiert. Betreiber Karl Mehrtens sorgte für Wohlfühlcharakter auf seiner Tankstelle: Er legte ein Beet zur Straße hin an – „damit es schön ansprechend ist“, berichtet Sohn Klaus.

„Ein Gebäude atmet Geschichte und strahlt sie aus. Das merken wir, und das werden auch die Besucher merken.“ – Stefan Zimmermann , Museumsdirektor

Als Mehrtens 1984 den Betrieb beendete, war die damalige „Aral“ die letzte Bedientankstelle Stades. Karl Mehrtens war 60 Jahre alt und verpachtete die Fläche die folgenden Jahrzehnte an diverse Autoschrauber. Den Bau abzureißen, wurde daher nie nötig. „Heute können wir uns darüber freuen“, sagt Horst Mehrtens. „Für uns erfüllt sich ein Traum: Ein Gebäude aus Familienbesitz kommt in ein Museum.“

Verrostetes Flugdach

Dort wird die alte Dame anders aussehen als zuletzt in Stade, wo die Säule für „Aral“ blau angestrichen und das umlaufende Metall am sogenannten Flugdach verrostet war. Das Museum wird Säule, Dach und Kassenhäuschen liebevoll restaurieren und dem Ensemble seinen Anblick aus der Bauzeit von 1954 wiedergeben: rot-weiß lackiert.

Was noch fehlt, ist eine Zapfsäule, die hatte der Mineralölkonzern nach Schließung des Betriebs abgebaut. Doch auch danach werden Eggert und seine Kollegen penibel und pedantisch suchen. Und vielleicht liegt an der Königsberger Straße ja auch ein kleines Blumenbeet vor der Tankstelle – wie damals, 1954.

Hintergrund

Einmalig in Deutschland

Mit seinem Projekt „Königsberger Straße“ will das Freilichtmuseum am Kiekeberg die deutsche Nachkriegsgeschichte zeigen, konkret die Zeit zwischen 1949 und 1970. Dafür baut das Museum sechs Häuser auf, einschließlich Gärten, Ladenzeile, Straßenlaternen, Litfaßsäule und Telefonzelle. Die Bauarbeiten begannen im September, die Fertigstellung ist in sechs Jahren geplant. Die Tankstelle wird bereits im Frühjahr 2019 aufgebaut werden.

Mehr als zwölf Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte, dazu rund zehn Millionen ehemalige Zwangsarbeiter gab es in Westdeutschland nach 1945. Der Kreis Harburg nahm überproportional viele Menschen auf: Wohnten dort 1939 noch 62 602 Menschen, waren es zehn Jahre später 124 397. Insofern sieht sich das Freilichtmuseum als richtiger Ort, um die Integration der Neubürger in der Nachkriegszeit zu zeigen, die Entwicklungen der Zeit nachzuzeichnen.

Die „Königsberger Straße“ ist nicht nur wissenschaftlich einzigartig, sondern auch finanziell: So fördert der Bund das auf 6,14 Millionen Euro veranschlagte Projekt mit 3,84 Millionen Euro.

Von Caroline George