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Prof. Dr. Hennig Henningsen mit Regina Bach, die als Kind an Kinderlähmung erkrankte. Foto: t&w

Kinder durften nicht mit ihr spielen

Lüneburg. Es war ein Tag im Herbst 1960, der das Leben von Regina Bach lebenslang verändern sollte. „Ich hatte sehr starke Schmerzen, musste ständig auf Toilette“, erzählt die heute 63-Jährige. Schemenhaft kann sie sich noch erinnern, dass sie im Krankenwagen lag, mit dem es ins Lüneburger Krankenhaus ging. Sieben Wochen lag sie dort auf der Isolationsstation. Eine schlimme Zeit. Die damals Fünfjährige ist komplett gelähmt, kann nur noch den Kopf bewegen. Die Ursache wird erst Wochen später diagnostiziert: Regina Bach hatte sich mit dem Polio-Virus infiziert. Sie war eine von mehr als 9000 registrierten Kindern und Erwachsenen, die von der letzten großen Kinderlähmungs-Erkrankungswelle 1960/61 in der Bundesrepublik Deutschland betroffen waren.

Anlässlich des Welt-Polio-Tages, der von der Weltgesundheitsorganisation 1988 ins Leben gerufen wurde und jedes Jahr am 28. Oktober begangen wird, hat sich die Lüneburgerin bereiterklärt, über ihre Erkrankung zu berichten. Ihr Anliegen: „Da Polio weltweit nicht ausgerottet ist und eine Ansteckung in einer globalisierten Welt möglich ist, sollte sich auch in Deutschland jeder impfen lassen. Denn Kinderlähmung ist grausam.“ Ein Appell, den Prof. Dr. Henning Henningsen teilt. Der Chefarzt der Neurologie des Lüneburger Klinikums ist Polio-Beauftragter der Serviceorganisation Rotary, die sich seit Jahren eine weltweite Impfkampagne zur Aufgabe gemacht hat, um das Polio-Virus auszurotten.

Wochenlang musste sie im Gipsbett liegen

Von den Wochen im Krankenhaus ist Regina Bach in Erinnerung geblieben, dass Schwestern an ihrem Bett standen und sie einen Ball fangen sollte, um Reaktionen zu provozieren. Gemein sei das gewesen, weil sie doch gelähmt war, sagt sie. Nur eine von vielen Situationen, die das Kind schwer trafen. Von Lüneburg sei sie ins Anna-Stift nach Hannover verlegt worden, in die fachorthopädische Abteilung, die auf Polio-Fälle spezialisiert war. Die Akut-Phase der Lähmung war inzwischen zwar leicht zurückgegangen, aber um Gelenkfehlstellungen vorzubeugen, wurde das Kind bäuchlings in ein Gipsbett gelegt, nur das Gesicht blieb frei. Das Gipsbett stand in einem großen Saal, in dem viele Erkrankte untergebracht waren. Wochenlanges Liegen, die Schwestern seien lieblos gewesen. Damals gehörte es noch nicht zum Klinikalltag, dass Eltern an der Seite ihrer Kinder Tage und Nächte bleiben konnten. „Für meine Eltern war es nicht einfach, von Dahlenburg nach Hannover zu kommen. Wenn dann aber ein von mir sehnlich erwarteter Besuch anstand, hatte ich vor Aufregung Fieber.“ Ängste entstanden in jener Zeit, manches wirkt lebenslang nach. „Ich lasse heute möglichst Türen in meiner Wohnung offen. Denn damals wurde eine regelmäßige Untersuchung, bei der mit kleinen Nadeln in die Muskeln gestochen wurde, um den Zustand zu überprüfen, immer in einem dunklen Raum mit geschlossenen Türen vorgenommen.“

Zur Stabilisierung muss sie eine Eisenschiene tragen

Nach neun Monaten nehmen die Eltern das Kind auf eigene Gefahr mit nach Hause nach Dahlenburg. Die Lähmungen sind inzwischen weitgehend zurückgegangen, bis auf das rechte Bein. Zur Stabilisierung muss sie eine Eisenschiene tragen. Was dann kommt, trifft die zarte Kinderseele hart. „Ich durfte nicht in bestimmte Geschäfte, weil die Leute Angst vor Ansteckung hatten. Kindern wurde verboten, mit mir zu spielen.“ Denn viele wussten nicht, dass das Virus nur in der Akutphase von vier bis acht Wochen übertragen werden kann.

Dass sie nicht komplett isoliert war, lag an den Jungs aus der Nachbarschaft. „Die haben mich zum Spielen mitgenommen. Ich bin zwar auf Grund meines rechten Beines immer ein bisschen hinterher gedackelt, aber ich war dabei“, erzählt sie mit einem Lächeln, das auch dafür steht: Regina Bach hat sich trotz all dem, was sie in den Kindheitstagen erlebt hat, nie unterkriegen lassen und es hat sie nicht verbittert gemacht. „Ich bin ein Stehaufmännchen.“ Und da war eine Freundin, die ebenfalls an Polio erkrankt war und deren Mutter daran gestorben war, mit der sie schwimmen ging und das Leben leichter sein ließ.

Stigmatisierung hat sie später nie mehr erfahren

Was sie aus jener Zeit aber auch mitgenommen hat: Zu Hause drehte sich alles um sie. „Darunter leidet eine Familie. Die Geschwister haben in dieser Zeit zurückstecken müssen.“ Mit 16 Jahren nahm ihr Leben dann eine Wendung. Sie ging nach Hamburg, machte eine Ausbildung bei der Post, lebte dort in deren Wohnheim. „Damals bin ich erwachsen und selbstständig geworden. Es war eine schöne Zeit. Ich habe dort und ebenso später bei meiner Arbeit in Lüneburg nie wieder eine Stigmatisierung erfahren.“

Was bleibt, sind manchmal die Erinnerungen an damals. Was bleibt, ist, dass sich die Muskulatur am rechten Oberschenkel so weit zurückgebildet hat, dass dieser nicht mehr richtig bewegt werden kann. Beim Gehen zieht sie das rechte Bein nach. Inzwischen geht das Laufen nur noch, indem sie sich auf ihren Rollator stützt. „Vielleicht müsste ich das noch nicht, wenn ich mich nicht ständig überfordert hätte. Aber das ist typisch für uns Polio-Menschen, weil wir uns nicht gehandicapt fühlen.“ Von einer Sache habe sie als Kind und Jugendliche aber immer wieder geträumt: „Einfach mal so loslaufen.“

Von Antje Schäfer

Hintergrund

Deckel helfen bei Ausrottung

Kinderlähmung ist eine von Viren ausgelöste ansteckende Infektionskrankheit der Nervenzellen des Rückenmarks, die zur Lähmung von Muskeln und ganzer Muskelgruppen führen kann. Das Virus wird durch Schmierinfektionen übertragen. In Deutschland leiden geschätzt heute 50.000 bis 60.000 Menschen an den Spätfolgen einer Polio-Infektion.

Eine Impfung ist auch in Deutschland weiterhin erforderlich, sagen Prof. Dr. Henning Henningsen und Dr. Thomas Buller, niedergelassener Internist und Präsident des Rotary Clubs Lüneburg-Hanse. Denn bei Reisen in Regionen, in denen es noch Polio gibt, besteht Ansteckungsgefahr. Auch kann das Virus in einer globalisierten Welt wieder eingeschleppt werden.

Rotary International hat 1988 mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Kinderhilfswerk Unicef, der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC und der Bill-Gates-Stiftung das Projekt PolioPlus gestartet. Ziel ist es, durch Impfkampagnen das Virus weltweit auszurotten. Bisher konnten 2,5 Milliarden Kinder immunisiert werden, die Zahl der Fälle um 99,9 Prozent reduziert werden. „Aktuell sind aber wieder Fälle aufgetreten in Afghanistan, Pakistan, Nigeria, Somalia, Syrien und im Kongo. Deshalb bedarf es weiterer Aktionen, um Gelder für Impfungen zusammenzubekommen“, sagt Henningsen.

Aufmerksam machen Mitglieder der beiden Lüneburger Rotary Clubs (RC) auch auf das Projekt „Deckel gegen Polio“, das der RC Lüneburg und der RC Lüneburg-Hanse unterstützen. Dabei werden Kunststoffdeckel von Getränkeflaschen in Supermärkten und anderen Sammelstellen zur Recycling-Verwertung gesammelt. Der Erlös fließt in Polio-Impfungen.