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1968 ist Albert Homann in den Rat der Gemeinde Undeloh und auch gleich zum Bürgermeister gewählt worden. (Foto: geo)

Ein Kümmerer aus der Heide

Undeloh. Das Dorfdiplomat trägt ein rot kariertes Hemd über dem Bauch und eine wollene Weste. „Den Pferdedreck haben wir jetzt auch im Griff“ , sagt Albert Ho-mann und nickt bedächtig. Die Äppel hatten für Ärger im Dorf gesorgt, und endlich kann er lächeln, wenn es um das leidige Thema geht: Die Kutscher fegen die Haufen jetzt jeden Tag im Wechsel weg. Der 81-Jährige hatte wieder einmal getan, was er immer tut: sich kümmern, um die kleinen und großen Probleme im Dorf.

„Ehrenamtliche Bürgermeister wie ein Albert Homann werden aussterben. Aufwand und Verantwortung sind zu hoch für ein Ehrenamt.“
Ulrich Mädge, Städtetagspräsident

Kanalisation, Friedhof, Feuerwehrhaus, Straßenausbau und Laternen: Um all das hat sich Albert Homann schon gekümmert. Stets in seiner Freizeit, neben Beruf und Familie. Denn er ist Bürgermeister von Undeloh, seit unglaublichen 50 Jahren. Doch Albert Homann gehört zu einer aussterbenden Spezies.

Homann und seine Frau hatten 1968 gerade ihre Pension in der zart wachsenden Tourismusregion Lüneburger Heide als zweites Standbein zur Landwirtschaft eröffnet, er war Ortsbrandmeister. Da überredete ein Verwandter den damals 31-Jährigen: Er solle doch seinen Namen hergeben für die nächste Kommunalwahl. Bitte, bitte, wir brauchen dich. Homann wollte eigentlich nicht. Hof, Pension, Familie: Noch ein Ehrenamt schien ihm zu viel zu sein.

Das Gefühl, etwas tun zu müssen für das eigene Dorf

Nun gut, sich aufzustellen für die Liste, das konnte er ja mal machen, dachte er, als der Verwandte nicht nachließ. Doch auf einmal war er gewählt. Er zog sich für die erste Ratssitzung Hemd und Jackett an und sagte zu seiner Frau: „Heute Abend sage ich ihnen, dass ich das Mandat nicht annehme. Ich kann das doch gar nicht.“ Doch die antwortete: „Doch, das kannst du. Wir schaffen das schon.“

Dass man etwas tun müsse für das eigene Dorf, dieses Gefühl kennt er aus seiner Familie seit seiner Kindheit: Die Ho-manns sind seit Jahrhunderten hier ansässig, da versteht es sich von selbst, Verpflichtungen zu übernehmen. Also tat er es.

Und merkte im Laufe der Jahre, dass ihm das Amt des Bürgermeisters durchaus gefällt, auch wenn es ihn zwei Stunden Zeit am Tag kostet. Denn er kann viele Dinge des Dorfes in eine Richtung lenken, die er für richtig hält.

Zum Beispiel damals, als der alteingesessene Oberkreisdirektor dem jungen Bürgermeister vorschreiben wollte, lieber ein Schwimmbad für Touristen als eine Kanalisation für die Einwohner zu bauen. Da gab der Frischling dem alten Hasen so lange Widerrede, bis der ihn anblaffte, für eine eigene Meinung noch zu jung zu sein. Aber Albert Homann bekam, was er wollte: eine Kanalisation.

Stolz auf die dorfeigene Pumpanlage

Bereits in den 1980er-Jahren setzte Homann die Hebesätze für die Gewerbe- und die Grundsteuer so hoch, dass das Dorf heute keine Schulden hat, sondern Rücklagen. Und die Straßendecken nicht aus schnödem Asphalt bestehen, sondern edlen Pflastersteinen.

Stolz ist der Christdemokrat auch heute noch auf seine Idee, die dorfeigene Pumpanlage zu erhalten, als der Wasserbeschaffungsverband die Versorgung der Gemeinde übernahm. Die pumpt jetzt jede Nacht frisches Wasser in den Dorfteich. Für die Feuerwehr setzte er ein neues Gerätehaus durch, und als die Kirche auf ihrem Friedhof keinen Platz mehr hatte, kam er auf die Idee, wo ein neuer entstehen könnte.

Doch Menschen wie ihn wird es in Zukunft immer weniger geben. Das prophezeit Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Präsident des Niedersächsischen Städtetages. „Ehrenamtliche Bürgermeister wie ein Albert Homann werden aussterben“, sagt Mädge, Präsident des Niedersächsischen Städtetags. „Der Aufwand und die Verantwortung sind zu hoch für ein Ehrenamt. Es kann auf Dauer nur um repräsentative Aufgaben gehen, und selbst das ist für Berufstätige mitunter schwierig zu leisten.“

Die steigende Mobilität, die stärkere Verdichtung der Arbeit sowie verändertes Freizeit- und Familienverhalten machen es Berufstätigen heute schwerer als zu Homanns Zeiten, ein Ehrenamt in der Kommunalpolitik anzunehmen, sagt Mädge. Nach einer Arbeitswoche mit Abendterminen fern von zu Hause und ewiger Erreichbarkeit ist es am Wochenende eben eher angesagt, mit den Kindern einen Ausflug zu machen als Haushaltspläne durchzuackern.

Mädge sieht die Bürgermeister von heute zudem stärkeren Belastungen ausgesetzt als früher, menschlich und fachlich. Dass sie Kummerkasten und Notfallhelfer sind, das war zwar schon immer so. Den Druck durch die permanente öffentliche Bewertung des eigenen Verhaltens habe es vor Digitalisierung und Internet aber so nicht gegeben. Vor allem seien die Inhalte der politischen Arbeit komplexer geworden: vom Haushaltsrecht bis zu den Förderanträgen auf europäischer Ebene.

Repräsentation bleibt Ehrenamt vorbehalten

In Niedersachsen, so sieht es zumindest Ulrich Mädge, ist eine Funktional- und Gebietsreform daher dringend notwendig. „Die Verwaltung muss durch Hauptamtlichkeit ersetzt werden, das Ehrenamt der Repräsentation vorbehalten bleiben.“ Kleine Gemeinden sollten mehr Aufgaben als bislang an die Samtgemeinden übertragen, mehr Einheitsgemeinden entstehen.

Einige sehen das selbst schon so: zum Beispiel die 770-Einwohner-Gemeinde Luckau im Wendland, die sich selbst in Frage stellt und Fusionsgespräche mit Nachbargemeinden anstrebt.
Ob Albert Homann sich nach Ende der Wahlperiode 2021 wieder zur Wahl stellt, hat er noch nicht entschieden. Eigentlich wollte er nicht mehr. „Aber wenn sich niemand anbietet? Dann muss ich ja weitermachen.“

Ehrenamt in Zahlen

Parteien verlieren

Laut der vom Bundesbildungsministerium geförderten Studie „Ziviz-Survey 2017“ von Stifterverband, Bertelsmann- und Fritz Thyssen Stiftung gibt es heute mehr gemeinnützige Organisationen als noch vor fünf Jahren. Aber Form und Inhalte des Engagements ändern sich. Mit mehr als 600 000 gibt es so viele Vereine wie noch nie, aber die politischen Parteien verzeichnen rückläufige Mitgliederzahlen; wöchentliche Treffen, hierarchische oder auch ältere Mitgliederstrukturen könnten die Jungen abschrecken, so die Autoren der Studie. Ehrenamtsdekaden wie die von Albert Homann würden durch Umzüge in den Lebensläufen seltener.

Von Carolin George