Aktuell
Home | Lokales | Die blauen Blitzer bringen nichts
Die blauen Reflektoren an den Leitpfosten vieler Straßen bringen laut einer Studie nichts im Kampf gegen Wldunfälle. Foto: phs

Die blauen Blitzer bringen nichts

Lüneburg. Sie sollen wirken wie die Augen von Raubtieren und damit das Wild aus den Wäldern abschrecken, auf die Straße zu laufen: blaue Reflektoren an den Leitpfosten. Viele Hundert von ihnen hängen im gesamten Landkreis Lüneburg, sie galten als große Hoffnung für die Reduzierung von Wildunfällen. Eine Studie der Universität Göttingen kommt jetzt aber zu dem Schluss: Die blauen Reflektoren sind wirkungslos.

Drei verschiedene Typen getestet

Das Ergebnis ist nicht für jeden in der Region überraschend. Vor allem nicht für Andreas Dobslaw. „Die Ergebnisse haben mein Bauchgefühl bestätigt, ich habe den Reflektoren schon immer kritisch gegenübergestanden. In gutem Glauben wurde da viel Arbeit investiert. Ich bin froh, dass die Studie jetzt veröffentlicht ist“, betont der Verkehrssicherheitsberater bei der Polizeiinspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg

Exakt 151 Straßenabschnitte mit je zwei Kilometern Länge in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen haben die Wissenschaftler für ihre Studie „Wirksamkeit blauer Wildwarnreflektoren“ untersucht, die niedersächsischen Kilometer lagen im Landkreis Göttingen. Vor Beginn der Studie waren die Abschnitte noch nicht mit Reflektoren bestückt, insgesamt haben die Forscher drei verschiedene Reflektortypen über jeweils zwei Jahre getestet. Außerdem brachten sie Wärmebildkameras an ausgewählten Teststrecken an, um das Querungsverhalten von Wildtieren an Straßen mit und ohne Warnreflektoren zu beobachten.

Zahl der Unfälle hängt von anderen Faktoren ab

Das Ergebnis: Die Reflektoren hatten keinen Einfluss auf das Verhalten der Tiere, sei es auf Flucht und Fluchtdistanz, Verharren oder Querung der Straße. Die Annahme, die Farbe Blau würde die Wildtiere abschrecken und vom Überqueren der Straße trotz nahender Fahrzeuge abhalten: Die Göttinger Wissenschaftler haben diese ins Reich der Wünsche geschickt.

Auf den 151 Teststrecken sind im Untersuchungszeitraum insgesamt 1974 Wildunfälle polizeilich registriert worden – und das sind laut Studie sogar „deutlich mehr“ als in den drei Jahren vor der Untersuchung.

Das Fazit der Forscher lässt sich leicht herleiten. „Die Anzahl der Wildunfälle, welche sich innerhalb eines Jahres in einem bestimmten Streckenabschnitt ereignen, wird durch das Anbringen der Reflektoren nicht reduziert.“ Und: „Eine Reduzierung der Wildunfälle (…) war weder erkennbar noch statistisch nachweisbar. (…) Eine Veränderung des Verhaltens der Wildtiere lässt sich nicht erkennen.“

Vielmehr sei die Anzahl der Wildunfälle von äußeren und biologischen Einflussfaktoren abhängig: So sei die Anzahl vor allem während der Dunkelheit und in der Paarungszeit besonders hoch. Die meisten Kollisionen passierten zwischen 18 Uhr und 7 Uhr, und zwar von Oktober bis März.

Das Wild handelt instinkitiv

Verkehrsaufkommen, Straßenbreite, Baumabstände, Kurven, Tempolimits, Verkehrszeichen „Wildwechsel“, jagdliche Aktivitäten und Gebäude in Straßennähe: All das, so die Forscher weiter, könne Einfluss haben auf die Anzahl der Wildunfälle. Doch die große Frage können auch sie nicht beantworten: Welche Variable in der komplexen Berechnung aller Faktoren kann Wildunfälle reduzieren, und das mit einem vertretbaren Aufwand?

Auf diese Frage hat auch im Kreis Lüneburg niemand eine Antwort. Der Verkehrsexperte Andreas Dobslaw hat aber zumindest eine Idee dazu. Er verfolgt eine Philosophie, die genau anders herum funktioniert: „Wir müssen an die Kraftfahrer heran, nicht an das Wild. Das Wild handelt instinktiv, Rehe zum Beispiel neigen dazu, in die Schreck-Quelle hineinzulaufen anstatt weg.“ Bewährt haben sich laut Dobslaw zwar Duftzäune, die aber sehr pflegeintensiv sind, und auch die scharfe Bejagung der Straßenseitenränder, die jedoch umstritten sei.

Nur eine Frage der Gewöhnung?

Das Einzige, was laut Dobslaw wirklich hilft gegen Wildunfälle, ist eine Entscheidung, die im Auto getroffen wird: möglichst langsam und aufmerksam zu fahren. „Viele entwickeln dieses Bewusstsein jedoch nicht“, sagt Dobslaw. „Unter anderem deswegen, weil Wildunfälle häufig als Bagatellunfälle abgetan werden.“

Auch die Jägerschaft im Landkreis Lüneburg hält sich derzeit mit der Vergabe der blauen Reflektoren an Revierpächter zurück, sagt der Vorsitzende Christian Voigt. So seien die Wildunfälle an der wildunfallträchtigsten Strecke des Kreises, zwischen Melbeck und Grünhagen, nach Anbringung der blauen Reflektoren im vergangenen Jahr zwar um 80 Prozent zurückgegangen – was die Jäger als großen Erfolg werten.

Warten auf die Tests bei Oldendorf

Doch zurzeit wolle man lieber die Ergebnisse einer Teststrecke nahe Oldendorf abwarten, bis weitere Reflektoren im Kreisgebiet installiert würden. Denn: „Wir wissen nicht, ob sich das Wild daran gewöhnt und die blauen Reflexe nach einer Weile kennt“, sagt Voigt. „Die Wirkung scheint im Laufe der Jahre schwächer zu werden, das habe ich aus Gesprächen mit Pächtern herausgehört.“ Die Auswertung laufe derzeit.

Für das Frühjahr hat die Jägerschaft andere Pläne in Sachen Wildunfall-Vermeidung. So sollen die großen Schilder „Lieber langsam als Wild“ nach einer Generalüberholung erneut aufgestellt werden. Auch weitere der auffälligen orangefarbenen Dreibeine möchten die Jäger an die Schwerpunktstellen für Wildunfälle stellen – all das appelliert an den Verstand des Menschen, anstatt den Instinkt des Tieres beeinflussen zu wollen.

Von Carolin George

Zur Sache

Weitere Belege für die Unwirksamkeit

Die Studie der Georg-August-Universität Göttingen in Kooperation mit der Uni Zürich fasst auch bisherige Untersuchungen zusammen. Demnach ist bereits die Bundesanstalt für Straßenwesen in Versuchen an der TU Dresden zu dem Schluss gekommen, dass verschiedene optische Wildwarnreflektoren nicht in der Lage seien, überhaupt ausreichend wahrnehmbare optische Reize für Wildtiere zu generieren. Es müsse daher von ihrer Nichtwirksamkeit ausgegangen werden. Verhaltensstudien durch die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg deuteten darauf hin, dass blaues Licht nicht zu einer anderen Reaktion der Wildtiere führt als weißes Licht.

Insgesamt werteten die Göttinger Forscher 76 Studien und Berichte aus nationaler und internationaler Fachliteratur aus. Ihr Fazit: „Zusammengenommen sprechen die vorliegenden Befunde daher dafür, dass Wildwarnreflektoren kein geeignetes Mittel darstellen, um Wildunfälle wirksam zu reduzieren.“

Die beste Wirksamkeit, schätzen die Autoren, würden physische Trennungen wie etwa Wildschutzzäune in Verbindung mit Grünbrücken bieten oder auch Wildwarnsysteme an Fahrzeugen.
Rund 275.000 Pkw-Wildunfälle verzeichnet der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft für 2017, die ausgezahlten Leistungen betrugen 744 Millionen Euro. 2008 waren es noch 498 Millionen bei 241.000 Unfällen.

Der Anteil der Unfälle mit Personenschaden ist vergleichsweise gering: Er lag 2017 bei 2,5 Prozent, das sind 2334 Unfälle in ganz Deutschland. Da viele Wildunfälle nicht polizeilich aufgenommen werden und auch nicht den Jägerschaften gemeldet werden, ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.