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Jens Alpers blickt konzentriert auf die Linie am Strafraum, der Halbkreis davor, in dem niemand außer dem Schützen bei einem Elfmeter stehen darf, ist schon fertig. (Foto: Hans-Jürgen Wege)

Platzwart Jens Alpers: „Rund ist schwieriger“

Deutsch Evern. „Schschsch.“ Nur ein Säuseln ist zu hören. „Schschsch“ zischelt die Sprühdose in der Markiermaschine. Jens Alpers schiebt sein Gerät, das eher aussieht wie ein Rollator, gerade die Seitenlinie hoch und hinterlässt im geschorenen Rasen eine schneeweiße, schnurgerade Spur, 10 Zentimeter breit. Alpers hat einen zackigen Schritt. Abrupt bremst er an der Eckfahne, fährt den kleinen Viertelkreis ab. “Alles, was rund ist, ist schwierig.” Es ist Sonntag, kurz nach zwölf, in Deutsch Evern am Moorfeld. Und der Platzwart hat noch einige Hundert Meter Linien vor sich.

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Boxenstopp an der Torlinie. Alpers, verblichenes graues Käppi, Jeans und Sicherheitsschuhe, entfernt die leere Farbspray-Dose, greift zum Nachschub: „Klong klong“. Wie ein Barkeeper schüttelt er die Dose. „Gekalkt wird schon lange nicht mehr, da hat man sich ja immer mitgekalkt.“ Heute kommt Farbe aufs Spielfeld, Marke “Athletic Spray”. Werbespruch: wetterfest, klumpt nicht, umweltfreundlich. „Der Einzige, der mir diese Linien kaputt macht, ist der Rasenmäher.“

Nur die Krähen leisten dem 55-Jährigen Gesellschaft und krächzen über dem Fußballplatz des SV Ilmenau, als würden sie ihn anfeuern. In der Luft liegt der herbe Duft der Porree-Plantagen ringsum. Knapp zweieinhalb Stunden noch, dann ist Anpfiff für die Partie der 2. Kreisklasse SV Ilmenau II  : VfL Bleckede.

Allein unter krächzenden Krähen

Alpers ist der Mann für alles im Verein. Der Platzwart kann noch Trainer, Obmann und Schiri. Auch dieses Wochenende ist er als Feuerwehr im Einsatz. Freitag hat die „Millionen-Truppe“, wie die Ü50 um Ex-Bundesligaprofi Ralf Sievers im Verein heißt, gegen Neetze gespielt, „ein echtes Spitzenspiel”. Nach einem Zusammenstoß muss Alpers als Torwart aushelfen. „Wir lagen da 1:0 zurück und haben letztlich 3:1 gewonnen.“ Das ist schon ein Ding. Denn Alpers ist 1,66 Meter groß und hat O-Beine wie Pierre Littbarski. Auch Sonnabend ist Alpers auf dem Platz. Spiele der Jugend und der Frauenmannschaft. Und heute die Zweite.

Traumwandlerisch zieht Alpers über das 110 x 58 Meter große Spielfeld. Würde ihn nicht ständig der Fotograf stören, er wäre in 15 bis 20 Minuten fertig. „Nur nach der Sommer- und Winterpause dauert das länger. Dann heißt es: Alles ausmessen mit Schnüren: Strafraum, Strafraum-Halbkreis, Elfmeterpunkt, Anstoßkreis, Seitenlinie, Torlinie. Anschließend alles doppelt abfahren.“ Sechs bis acht Stunden ist er dann auf seinen Linien unterwegs. Aber in der Saison hat „Alpi“, wie ihn alle rufen, nach zwölf Jahren und dreihundert Linienkilometern längst eine Schrittfolge einstudiert. „Das ist bei mir wie beim Haus vom Nikolaus.“

Der sattgrüne Rasen ist der ganze Stolz

Drei Dosen sind leer, der Markierungswagen kommt zurück in den Geräteschuppen, ein ausgemusterter Seecontainer. Noch die Tornetze zurechtgezupft, ein prüfender Blick über den Rasen. 2,5 Zentimeter kurz im satten Grün. Darum beneiden den Garten- und Landschaftsgärtner andere Platzwarte. „Die Gemeinde hat geholfen, im trockenen Sommer haben wir meistens zweimal am Tag bewässert.” Alpi zeigt auf eine der vielen Düsen tief im Rasen, durch die Wasser mit zwei bar hochgedrückt werden.

Anschließend: Kabinen-Kontrolle, WC-Inspektion – Ausfegen und Wischen.

Gegen 13.30 Uhr rollen die ersten Wagen der Bleckeder auf den Parkplatz. In der Gast-Kabine brüllt ein Ghettoblaster zum Aufwärmen los, Satzfetzen übers Nachtleben und für manchen noch eine letzte Zigarette.

Ein paar Meter weiter fachsimpelt Alpers auf der Terrasse des Vereinsheims mit seinem Kollegen Volker Morgenstern und dem Betreuer Joachim Soetebeer aus Bleckede. „Wenn Du früher gefragt hast, ob einer auf dem Platz hilft, waren sofort zehn Mann da. Heute musst Du betteln“, gibt Alpi den Steilpass. Soetebeer nickt. Morgenstern setzt nach: „Du hast fünf und Arbeit für 20.“ – „Und immer die gleichen”, grätscht Soetebeer rein, „die machen sich keinen Kopf.” Und Alpi weiß auch, warum: „Wir mussten früher alles selber machen. Heute sind die Eltern Chauffeure und der Terminkalender für die ganz Kleinen. Die kennen das nicht anders.“

Freiwilligkeit ist ein Grundproblem geworden

Jürgen Stebani vom SVI-Vorstand und Präsidium des Niedersächsischen Fußballverbandes kennt das Leid. „Im Verein helfen, ohne was zu kriegen, das war früher eine Grundeinstellung.“ Heute sei die Freiwilligkeit ein gesellschaftliches Problem. „Man findet, im besten Sinne, kaum noch die richtig Bekloppten, die das machen.” Christian Röhling, Vorsitzender des Fußball-Kreises Heide-Wendland und des Kreissportbunds Lüneburg: „Die Zeiten haben sich geändert, das ganze Drumherum, die laufen einem nicht mehr in Scharen nach, man muss auf die Jungen zugehen.”

Für Alpi ist der Verein ein Stück Heimat. Er ist Junggeselle, findet starken Rückhalt in der weitläufigen Familie. Seine Mutter Ilse hilft auf dem Platz. Und Frauen? Ja, wenn die Richtige käme, Alpers stellte sicher seinen engen Zeitplan zwischen Platz, Familie und Beruf um.

Rallyefahrten auf dem Sportplatz

Was ihn ärgert, ist Vandalismus. Einbrüche, zerbrochene Scheiben, rausgerissene Kübelpflanzen, zerstörte Stühle. Gab es alles schon am Moorfeld. Schlimm. Denn der Platz ist lauschig, am Sommerabend geradezu eine Einladung. Heute ist zumindest der Parkplatz abgesperrt. Andere haben Ärger mit Wildschweinen. „Bei uns sind Jugendliche auf dem Platz Rallye gefahren.” Wer anschließend aufräumt? Alpi. Natürlich auch nach dem Spiel heute und an all den anderen Tagen. „Ich setz’ mir immer als Ziel, spätestens zum Tatort zu Hause zu sein.”

Schiedsrichter Hans-Jörg Kässler ist da, auch so eine bedrohte Art. Händeschütteln. Kässler ist 52 Jahre alt, 35 Jahren dabei, rund 5000 Spiele hat er gepfiffen. Der Schiri inspiziert den Platz. Alpis Platz. Er steuert zurück aufs Vereinsheim zu. Er nickt, seine Mundwinkel umspielt von Wertschätzung: „1A, ist ja wie Teppich.”

Von Hans-Herbert Jenckel

One comment

  1. Ein toller Typ, der richtig zupacken kann und uns Sportlern eine Heimat bietet.

    Versteht sein Handwerk, ist immer da, zuverlässig und macht alles möglich, dass sich „seine Jungs und Mädels“ wohl bei ihm fühlen können.

    Selbst in der kurzen Zeit, die wir bislang bei ihm verbracht haben, fühlt man sich schon wie zu Hause.

    Danke dir Alpi und dem SVI für deine/eure Gastfreundschaft

    Gruß
    B-Mädchen JSG TSV Adendorf / SV Ilmenau

  2. Schöne Würdigung eines wichtigen Mannes. Jens Alpers steht für sich und zugleich stellvertretend für alle, die sich ähnlich wie er meist ehrenamtlich oder für ganz kleines Geld zum Wohle ihres Vereins reinhängen und ohne die landauf, landab im Breitensport gar nichts ginge. Schon vor über vierzig Jahren, als „Alpi“, immer der Kleinste, im Schlepptau von Gerhard „Gerda“ Schulz und Dieter „Rotzer“ Rotermund im Waldschwimmbad Bienenbüttel über mehrere glückliche Sommer am eineinhalbfachen Vorwärtssalto vom Dreimeterbrett scheiterte, war klar, mindestens zwei der drei Melbecker würden beim SV Ilmenau Karriere machen. So ist es gekommen. Und Rotzer, der dafür den Salto schon mit vierzehn Jahren perfekt beherrschte (und die knappste Badehose vor der Erfindung von String und Tanga trug) dient seinen Leuten heute bei der Freiwilligen Feuerwehr. Hut ab vor den Dreien!