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Graffiti Embsen
Aya (13) aus Syrien war zunächst sehr zurückhaltend, hatte dann aber großen Spaß bei der Spray-Aktion. (Foto: t&w)

Die Farbe der Freundschaft

Embsen. Die Jungs, die in Hamburg die S-Bahnen anmalen, nehmen „High-Pressure-Cans“. Es darf ja nicht zu lange dauern. Björn Holzweg hat Spraydosen mit niedrigerem Druck in seinem Karton. „Damit kann man feine Striche machen und richtig malen“, sagt der Hamburger Graffiti-Künstler. Anders als den Farb-Guerillas sitzt ihm weder die Zeit noch die Polizei im Nacken. Holzweg besprüht mit amtlicher Erlaubnis einen Container auf dem Hof der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Embsen und unterstützt damit den Patenschaft-Club der Schule.

Ausländische Schüler bleiben in den Pausen unter sich

Der Container ist der Raum der Sprachlernklasse. Hier lernen Flüchtlingskinder aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Afghanistan, der Türkei und aus Thailand. Ihr Fach heißt DAZ – Deutsch als Zweitsprache. Die Sprache ist wichtig und schwer zu lernen. Noch schwieriger ist es, kulturelle Grenzen zu überwinden. „Wir beobachten jeden Tag, wie sehr es an der Integration an den Schulen hapert“, sagt DAZ-Lehrerin Fanny Pigliapoco. „Unsere Schüler bleiben in den Pausen unter sich, haben kaum deutsche Freunde und fühlen sich nicht wohl in ihren regulären Klassen.“

Deshalb hat sie den Club ins Leben gerufen, mit Hilfe von Kerstin Sternitzke vom Fachbereich Ganztag. Er ist Teil der Nachmittagsbetreuung und soll als Rahmen dienen für Patenschaften zwischen Schülern mit und ohne Fluchterfahrung. Immer dienstagnachmittags treffen sich die Teilnehmer zum Spielen, zum Kochen, zu Ausflügen oder zum Sport, „Man staunt, welche Integrationskraft ein Basketball hat“, sagt Fanny Pigliapoco. Und diesmal treffen sie sich zum kreativen Einsatz der Spraydosen.

30 bis 40 Büchsen hat der 1979 in Leipzig geborene Björn Holzweg mitgebracht. Und eine Ideen-Skizze für die schmutzig-weiße Fassade des Klassenraums aus Blech. Weil man Graffiti im Stil des britischen Streetart-Künstlers Banksy nicht beim ersten Versuch an die Wand bringt, sprühen Holzweg und die Schüler große bunte Flächen: „Dabei einwickelt man ein gutes Gefühl für die Wirkung von Farben und Formen – und natürlich für die Dose.“

Einen halben Tag lang arbeiten die Jungen und Mädchen mit Farbe, Atemschutzmasken und Leitern auf dem Schulgelände. Immer mittendrin ist Björn Holzweg, der bei Feinheiten hilft, die Schüler aber auch machen lässt. Ganz zum Schluss zeichnet Anné (16), eine Austauschschülerin aus Brasilien, zwei sich entgegenstreckende Hände. Die Geste der Annäherung und Freundschaft war eine Idee der Club-Mitglieder. Als Vorlage dient ein Foto auf einem Smartphone.

„Man staunt, welche Integrationskraft ein Basketball hat.“ – Fanny Pigliapoco , Lehrerin an der IGS Embsen

„Das Club-Team ist mit viel Herzblut und Wärme dabei“, sagt Schulleiterin Eva-Maria Peetz, „denn alle drei wissen, wie es sich anfühlt, in ein fremdes Land zu kommen und alles erst lernen zu müssen – die kulturelle Umgebung, die neue Sprache“. Fanny Pigliapoco stammt aus Italien, Zainab Airout aus Syien und Tino Collins Mutter wurde in Paraguay geboren. Inzwischen sind 24 Schüler im Club angemeldet, also zwölf Tandem-Paare. Sie sollen Partner beim Lernen und im Alltag sein – und im Idealfall Freunde werden.

„Wir konnten für das Projekt die ,Stiftung Bildung‘ für uns gewinnen und werden nun finanziell unterstützt“, sagt Fanny Pigliapoco. Auf die Idee gebracht hat sie die Kindernachrichten-Sendung „logo!“. Als sie mit ihrer Tochter auf KiKa einen Beitrag über ein ähnliches Projekt an einer Bremer Schule sah, sei sie „beeindruckt vom Engagement der jungen Menschen“ gewesen und habe den Entschluss gefasst, auch an der IGS ein solches Projekt auf die Beine zu stellen.

Hänseleien wegen des Kopftuchs erlebt

„Wer sich wohl fühlt, lernt leichter“, erklärt die DAZ-Lehrerin ihre Motivation. Und das funktioniert offensichtlich. Aya (13) aus Syrien war zuvor an einer anderen Schule, hatte viele Probleme wegen des Kopftuchs, das sie trägt, berichtet von Hänseleien der Mitschüler. Aber von hier will sie nicht mehr weg. Sie macht einen entspannten und fröhlichen Eindruck. Von Anfeindungen aufgrund „meiner Religion“ berichtet auch Linda (16): Sie sei gefragt worden, warum sie nicht zurück in ihr Land – nach Syrien – gehe. Darauf zu reagieren, sei anfangs sehr schwer gewesen, weil sie kein Deutsch konnte. Das hat sich schnell geändert. Inzwischen sagt sie: „Ich bin hierher gekommen wegen des Krieges, nicht wegen Geld.“ Und sie betont lächelnd: „Aber es gibt hier auch sehr viele nette Menschen, die zu mir stehen.“

Von Klaus Bohlmann