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Wilhelm-Raabe-Schule
Hannes Ley versucht es mit Fakten und einem freundlichen Ton: So geht er mit 45 000 Helfern im Netz gegen Hasskommentare vor. (Foto: t&w)

„Haltet dagegen!“

Lüneburg. An der Wilhelm-Raabe-Schule herrscht Verunsicherung. Lehrer und Schüler sind Ende September zur Zielscheibe politischer Angriffe geworden. Und die Vorwürfe hallen nach. Wie berichtet, hatte sich das Lüneburger Gymnasium mit einer Fotoaktion an dem Motto „#Wir sind mehr“ beteiligt, damit ein Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt.

Nachdem die LZ das Bild samt Erläuterung auf ihrer Facebookseite veröffentlicht hatte, gab es neben viel Lob auch kritische Stimmen. Die Jugendlichen seien instrumentalisiert worden, die Schule missachte die politische Neutralitätspflicht, hieß es. Hass und Hetze im Internet – das haben die Neunt- bis Elftklässler im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema gemacht. Dazu eingeladen hatte die Unesco-AG der Schule.

Aus der Vogelperspektive sind Hunderte zu sehen

Auf einer Leinwand ist das umstrittene Foto abgebildet. Aus der Vogelperspektive sind Hunderte von Schülern zu sehen, einige haben sich so gruppiert, dass sie das „Wir“ bilden. Die restlichen Bestandteile des Slogans sind auf dem Boden aufgemalt. Der 14-jährige Juri Endsin, er moderiert die Veranstaltung gemeinsam mit Janis Marquardt (16), greift zum Mikrofon. „Das war völlig freiwillig.“ Viele der 270 Schüler, die in der Aula Platz genommen haben, nicken.

Vor ihnen sitzen sieben Gäste: Jana Smolka und Johannes Schröder von der Grünen Jugend, Thorben Peters vom Studentenverband der Linken, Yannik Beermann (Jusos), Alexander Schwake als Vertreter der Jungen Union. Die Jungen Liberalen könnten aus terminlichen Gründen nicht dabei sein, hieß es. Die Junge Alternative habe auf keine Anfrage reagiert. Inzwischen wird gemutmaßt, dass es auch damit zusammenhängen könnte, dass der niedersächsische Landesverband am Sonntag aufgelöst wurde. Mit dabei war neben dem Leiter des Hamburger Schulmuseums, Marco Kühnert, auch Hannes Ley.

Er wurde im vergangenen Jahr mit dem Online Grimme Award ausgezeichnet, weil er im Dezember 2016 mit dem Hashtag #ichbinhier eine Facebook-Gruppe gegründet hat, die sich für eine bessere Diskussionskultur in den sozialen Medien einsetzt. Sie zählt mittlerweile 45 000 Mitglieder. Rassistische und sexistische Kommentare im Netz – das konnte Ley nicht mehr ertragen. „Man findet sie aktuell zu Zehntausenden in den Kommentarspalten“, sagt er und ergänzt in Richtung der Schüler: „Deshalb verbeuge ich mich vor euch, dass ihr euch dagegengestellt habt.“

10 Millionen Likes

400 000 Mal habe man inzwischen auf Kommentare geantwortet, 10 Millionen Likes für sachliche Äußerungen vergeben. „Wir gehen raus, fahren auf den Facebookseiten großer Medien Aktionen und Kampagnen.“ Den jüngsten Vergewaltigungsfall in Freiburg nimmt er als Beispiel: In den Kommentaren unter einem Beitrag der Bild sei massiv gegen Ausländer gehetzt worden. Reagiert habe man so: „Es kann ja sein, dass das Ausländer waren. Es betrifft aber sicher nicht alle.“ Ziel des Kommentars sei es, zu moderieren, das Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln und ihn dazu zu bringen, zu differenzieren.

Den „rechtsextremen Shitstorm“ der Wilhelm-Raabe-Schule hat der Hamburger untersucht und sich angeschaut, was die Leute, die sich dort mit hässlichen Kommentaren beteiligt haben, sonst so im Internet liken. Verantwortlich seien im Wesentlichen drei Gruppierungen: Rechtsaußen der AfD, Identitäre Bewegung und „Reconquista Germanica“, Ley zufolge eine „militärisch straffe Organisation“. Die Aktion sei geplant gewesen, sagt er. „Sie sprechen sich in geschlossenen Gruppen ab und gehen gegen Bürgermeister, Politiker und inzwischen auch gegen Schulen vor.“

Hamburg sei davon ganz massiv betroffen, sagt Marco Kühnert. Sowohl die Schulen als auch die Landesschulbehörde müssten sich täglich Vorwürfen der Neuen Rechten stellen, etwas oder jemand sei instrumentalisiert, die Neutralitätspflicht verletzt worden. „Der Begriff ist doch eine leere Blase. Was das bedeutet, erklärt niemand.“

Staat sollte mehr Regeln schaffen

Ein Schüler fragt, ob das einfache Löschen von Kommentaren im Netz eine Lösung sei. Alexander Schwake verneint. Das Internet sei nach wie vor ein rechtsfreier Raum, der Staat müsse Regularien schaffen, um Leute auch zur Rechenschaft ziehen zu können. Hannes Ley sieht das ähnlich. Kommentare, die strafrechtlich relevant sind, sollten seiner Ansicht nach gelöscht werden. Problematisch werde es jedoch bei Äußerungen wie „Ausländer raus!“ Sie seien zwar rassistisch, aber nicht verfassungswidrig. Deshalb sein Appell: „Haltet dagegen!“

Von Anna Paarmann

2 Kommentare

  1. Norbert Kasteinecke

    Ein Krieger der Neuzeit, ein Informationskrieger – im wahrsten Sinne des Wortes.

    Ob das alles so richtig ist?

    Nun denn, ich muss mich kurz halten, sonst….

    • In gewisser Weise doch sehr entlarvend: der erste Kommentar kommt sofort von einem rechten Troll, der in gewohnter Weise insinuiert, dass er ja keinesfalls seine Meinung sagen dürfe.
      Dummerweise ist es der übliche Unsinn – denn meines Wissens ist noch kein noch so rechts- oder linkslastiger Kommentar (solange er nicht gegen geltende Gesetze verstoßen hat!) bestrafft worden.

      Das ein Forum moderiert wird, scheint nicht in das Weltbild von, u.a., Hernn Kasteinecke, zu passen. Nur für ihn und Seinesgleichen soll es scheinbar erlaubt sein, alles zu sagen, was ihnen beliebt. Die anderen, nein, die dürfen nicht und sollen nicht – denn deren Meinung, die passt uns aber auch so gar nicht.

      Insgesamt kann ich den rechten Rand nur auffordern, mit dem Jammern aufzuhören. Wer verbal austeilt, der muss auch einstecken können – andernfalls ist es jämmerlich.

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