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Anwohner an der Baumstraße sagen, dass schon jetzt in drei Häusern auffällige Menschen leben. Die hätten sie in die Nachbarschaft integriert. Eine Außenstelle der Herberge verkrafte die Meile nicht mehr. (Foto: be)

Neue Aussichten

Lüneburg. Die geplante Außenstelle der Herberge zur Heimat an der Baumstraße steht in der ursprünglich geplanten Form auf der Kippe. Das ist ein Ergebnis einer Anwohnerversammlung am Montagabend im Nicolai-Gemeindehaus. Der Geschäftsführer des Trägervereins Lebensraum Diakonie, Michael Elsner, sagte: „Es kann nicht sein, dass wir rücksichtslos durchmarschieren.“ Er werde nicht, wie geplant, 15 Personen in dem Gebäude unterbringen. Sozialdezernentin Pia Steinrücke hatte zuvor deutlich gemacht, dass sie den Standort für unglücklich hält. Sie überlege, ob sie der „Herberge überhaupt den Auftrag erteilt, das Konzept hier umzusetzen“. Der Verein hat von der Stadt die Betreuung von Wohnungslosen übernommen.

Sie habe schon im Mai Bedenken angemeldet, dass für Betroffene im Haus zu wenig Raum sei, maximal fünf bis acht Bewohner seien verträglich. Gleichzeitig sei man Elsner dankbar, dass er überhaupt Wohnraum schaffe, denn es seien immer mehr Menschen unterzubringen.

Wie berichtet, blicken Nachbarn besorgt auf eine mögliche Entwicklung im oberen Teil ihrer Meile zwischen Bardowicker Straße und Im Wendischen Dorfe. Dort gibt es nach ihren Worten bereits drei Häuser mit nicht einfachen Bewohnern sowie ein Bordell. Ein weiteres Haus mit dem möglicherweise problematischen Klientel von Wohnungslosen würde die Gemeinschaft nicht mehr integrieren können. Mit den jetzigen Nachbarn lebe man zusammen, bei Straßenfesten seien sie dabei. Gleichwohl seien Polizei und Rettungsdienst öfter hier im Einsatz.

Auffälliger als anderswo, aber nicht übermäßig belastet

Eine Nachfrage der LZ bei der Polizei ergab für die vergangenen drei Jahre: Es gebe mehr Auffälligkeiten als anderswo, „aber keine übermäßige Belastung“. Streifenwagen rückten aus, weil es zu laut war, es Schlägereien und Vandalismus gab. „Alkohol spielte eine Rolle.“ Stromklau und Mietstreitigkeiten beschäftigten die Beamten. Zweimal brannte es, weil jemand Essen auf dem Herd vergessen hatte. Ein Anwohner benötigte häufiger Hilfe, weil er versuchte seinem Leben ein Ende zu setzen. Man habe rechtzeitig reagieren können.

An der Straße hat sich eine Bürgerinitiative gegründet. Sprecher Kay Schlak sagte: „Wir lehnen das Vorhaben komplett ab. Wir haben Belastungen.“ Noch mehr sei nicht vertretbar. Der Anwalt einiger Anwohner. Jens-Uwe Thümer, erklärte, er habe Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt. Gebe es keine Einigung, prüfe man zivilrechtliche Ansprüche.

Yvonne Hobro, Juristin im Bauamt der Stadt, sagte dazu: „Die Bedingungen sind erfüllt, Licht, Belüftung, Fluchtwege. Das entspricht den Vorgaben für gesundes Leben und Wohnen. Wie Zimmer belegt werden, ist nicht Teil des Baurechts.“ Geplant seien in dem ehemaligen Tanzstudio zwei Wohnungen mit jeweils sechs, eine Wohnung mit drei Zimmern. Dazu ein Büro. Die Straße sei kein reines Wohngebiet: „Soziale Einrichtungen sind möglich.“

Elsner sagte, er habe einen Mietvertrag geschlossen, man sei von 15 Plätzen ausgegangen: „Aber ich will gar keine 15 mehr dort unterbringen.“ Offen blieb, wie die Räume dann genutzt werden könnten.

Das ist eine Frage, die sich die Anwohner stellen dürften. Denn aus der Erklärung der Stadt-Juristin ergibt sich, dass der Hauseigentümer oder der Hauptmieter Zimmer im Zweifel einzeln vermieten kann – ohne eine Betreuung durch Sozialarbeiter der Herberge. Eben auch an Wohnungslose oder Studenten.

Elsner und die Sozialdezernentin werden die Pläne erneut besprechen. Auch mit den Anwohnern wollen sie Kontakt aufnehmen. Die BI diskutiert intern. Denn am Abend zeigte sich, dass in ihren Reihen durchaus unterschiedliche Positionen bestehen: von völliger Ablehnung bis „fünf bis acht Menschen sind vertretbar“.

Wie dramatisch die Situation für Wohnungslose in Lüneburg ausschaut, beschrieben Pia Steinrücke, Elsner sowie der Leiter der Herberge, Michel Grünwald. Ein Beispiel: Von 2011 bis 2018 stieg die Zahl der Übernachtungen in der Herberge von 10 763 und 16 572, und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Von Carlo Eggeling

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