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Am Sonnabend fährt der letzte Bus in Betzendorf um 18.15 Uhr ab, am Sonntag gibt es gar keine Verbindung nach Lüneburg. Das wird sich künftig ändern. Dann sollen sonntags sechs Verbindungen mit dem Rufbus möglich sein. Potenzielle Fahrgäste müssen sich vorher jedoch anmelden. Foto: t&w

„Quantensprung“ im Nahverkehr

Lüneburg. In den Hintergrund gedrängt hat der geplante Bau der Arena Lüneburger Land bei der jüngsten Kreistagssitzung aus Sicht vieler Abgeordneter und der Ver waltung ein anderes wichtiges Thema: Einstimmig hat das Gremium den Nahrverkehrsplan 2019 bis 2023 beschlossen. „Meiner Meinung nach ist dies die wichtigste Entscheidung des Tages“, sagte Lüneburgs Erster Kreisrat Jürgen Krumböhmer. Und CDU-Fraktionschef Günter Dubber bemängelte: „Das Thema kommt in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz.“

Laut dem Christdemokraten geht es um nichts weniger als „einen Qualitätssprung für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)“ und um einen „Paradigmenwechsel“: Die Betriebszeiten werden ausgeweitet, die Takte verdichtet und auf Nebenstrecken wird mit Rufbussen nur nach Bedarf gefahren. Um den ÖPNV deutlich attraktiver zu machen, nimmt der Landkreis viel Geld in die Hand: Vier Millionen Euro zusätzlich im Jahr wird das neue Konzept kosten, die Gesamtausgaben steigen auf acht Millionen Euro jährlich. Obendrauf kommen noch die Kosten für den Schülertransport.

Rund zwei Jahre lang haben Politik und Verwaltung an dem Konzept gefeilt, auch die Bürger mit eingebunden. Gleichwohl ist den Beteiligten bewusst: Alle Wünsche können nicht erfüllt werden. Doch sagte Krumböhmer auch: „Wenn wir den Plan beschließen, ist das Buch nicht zugeschlagen.“ Ließen sich Sachen besser machen, „werden wir sie verbessern, und zwar vor dem Fahrplanwechsel im Dezember 2019“. Dann soll der neue Nahverkehrsplan greifen. Bis dahin wartet noch viel Detailarbeit auf den zuständigen Fachbereich in der Kreisverwaltung.

Weitere Erkenntnisse vor allem für den Betrieb der Rufbusse sollen insgesamt drei Pilotprojekte liefern: Die Testphase in Amt Neuhaus läuft bereits, zwei weitere sind für die Stadt Bleckede und die Samtgemeinde Gellersen geplant. Angepeilter Starttermin ist das Frühjahr 2019. Die Rufbusse aus Gellersen sollen dann auch den Bahnhof in Bardowick und das Gewerbegebiet Wittorfer Heide anfahren.

Von Malte Lühr

Ein Wochenende in Betzendorf

Der letzte Bus ist weg, jetzt hilft der 17-jährigen Annika von Beek nur noch das Taxi Mama, um von Betzendorf nach Lüneburg zu kommen. Foto: von Beek

Betzendorf. Sonnabend, 18.18 Uhr. Zu spät. Wir sehen den Bus nur noch von hinten. Hastig rennen wir zum Haltestellenschild. Wann fährt der nächste? Können wir es noch schaffen? „Drögennindorf“, sage ich. „Der nächste Bus fährt erst ab Drögennindorf.“ Ich drehe mich zu Katja und Katharina um und lasse den Kopf hängen. Zu spät. Der Weg von Betzendorf nach Drögennindorf ist zu lang. Der Film im Lüneburger Kino würde schon eine halbe Stunde laufen, wenn wir

ankämen.

Katharina flucht: „Die Busverbindung ist einfach nur grauenhaft!“ Wir nicken betrübt, ich schaue wieder auf meine Uhr. Tick Tack. Tick Tack. „Was machen wir jetzt? Ich hatte mich so sehr gefreut.“ Alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich weiß, was jetzt kommt und wähle ohne Widerrede die Notfallnummer – die Nummer meiner Mutter. Sie hilft mir. Das weiß ich sicher.

Das Auto fährt vor. Eine Viertelstunde ist vergangen. Noch genug Zeit bis zum Filmstart. Erleichtert steigen wir hinten ein. „Danke, Mama. Du hast uns gerettet!“, sage ich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.

Standardfrage am Sonntag: „Was soll ich machen?“

Sonntag. 8.30 Uhr. Ich jogge durch den Wald, genieße Sonne und frische Luft. „Mir gefällt die Natur direkt von der Tür und die angenehme Ruhe“, erinnere ich mich an die Worte von Katja. Genau, das ist es, was Betzendorf besonders macht, geht es mir durch den Kopf. Die Standardfrage am Sonntag ist aber auch: „Was soll ich nur machen?“

Die Sonne scheint, und ich würde gerne in die Stadt und ein neues Oberteil kaufen. Heute ist dort verkaufsoffener Sonntag mit Live-Musik, gutem Essen und vielen Rabatten. Aber keiner hat Lust, mich heute zu fahren, und der Bus fährt wieder nur ab Drögennindorf.

Von Annika von Beek

Mit Rufbussen auch sonntags mobil

Fachdienstleiterin Freia Srugis (l.) und Merle Rahmann werden nun die Details des Nahverkehrskonzeptes erarbeiten. Foto: t&w

Lüneburg. Seit Monaten schon feilen die zuständige Fachbereichsleiterin für den ÖPNV, Freia Srugis, und Sachbearbeiterin Merle Rahmann am Nahverkehrsplan 2019 bis 2023. Fälle wie den von Annika von Beek aus Betzendorf (siehe links) kennen sie aus vielen Orten des Kreises und erklären im Gespräch mit der LZ, was sich ändert.

Unter der Woche steht Betzendorf mit bis zu 14 Fahrten Richtung Lüneburg auch jetzt recht gut da. Nur am Wochenende dünnt das Angebot stark aus: Am Sonnabend fahren nur vier Busse, am Sonntag keiner. Noch finsterer sieht es in Harmstorf nahe Dahlenburg aus. Dort fahren in den Ferien auch wochentags oft nur zwei Busse – einer am Vormittag, einer am Nachmittag. Der einzige Bus am Wochenende startet am Sonnabend um 6.24 Uhr Richtung Lüneburg.

„Künftig werden Betzendorf und Dahlem wie andere Orte mit einem Rufbus an eine Hauptachse angeschlossen“, erklärt Rahmann. Hauptachsen sind unter anderem die Strecken Amelinghausen-Lüneburg und Dahlenburg-Lüneburg. Die Rufbusse fahren nach Fahrplänen im Zwei-Stunden-Takt – montags bis freitags von 5 bis 21, sonnabends von 7 bis 19 und sonntags von 9 bis 19 Uhr. Damit können auch in Betzendorf und Harmstorf künftig bis zu sechs Rufbusse an einem Sonntag gebucht werden.

Potenzielle Fahrgäste müssen ihre Fahrt allerdings mindestens zwei Stunden vorher anmelden, bei Fahrten am frühen Morgen und voraussichtlich sonntags sogar am Vortag. Nur dann ist die Fahrt auch garantiert. Anfangs noch telefonisch, „später soll es auch ein Online-Angebot geben“, sagt Rahmann.

Wer seine Fahrt zu spät angemeldet hat, bleibt jedoch nicht zwangsläufig auf der Strecke. Hat ein anderer Fahrgast den Rufbus pünktlich geordert, nimmt dieser auch andere Nutzer mit. Mitfahren kann zudem, wer zur im Fahrplan angegebenen Zeit an der Haltestelle steht und ein Rufbus die Fahrt angetreten hat – vorausgesetzt, es ist noch ein Platz frei. „Die Größe der Fahrzeuge wird sich nach dem Bedarf richten“, sagt Srugis.

Gleichwohl sieht die Fachdienstleiterin derzeit im erforderlichen Griff zum Telefon das größte Hemmnis. „Dabei lassen sich Fahrten auch mit großem zeitlichen Vorlauf anmelden“, wirbt Srugis und nennt Beispiele: So können Pendler ihre Fahrten schon Monate im Voraus dauerhaft buchen, gleiches gilt für die Arzthelferin, wenn sie mit einem Patienten den nächsten Termin ausmacht. „Die Rufbusse sind in den Fahrplänen gekennzeichnet, die zu wählenden Rufnummern sind angegeben.“

Die Fahrpläne sollen so gestaltet werden, dass die Wartezeit an der jeweiligen Hauptachse maximal sieben Minuten beträgt. Die Linien auf den Hauptachsen wiederum sind auf den Metronom getaktet. Die Regionalbusse fahren montags bis freitags von 5 bis 21 Uhr im Stundentakt, sonnabends von 6 bis 20 Uhr mindestens im Zwei-Stunden-Takt, zeitweise öfter, und sonntags von 9 bis 20 Uhr im Zwei-Stunden-Takt.
Von Malte Lühr

3 Kommentare

  1. Leider gibt es auch eine andere Seite der Medaille: Die Regionalbusse aus Bleckede, Dahlenburg, Scharnebeck, Deutsch Evern, Wendisch Evern, Brietlingen u. s. w. erschließen nicht mehr die Lüneburger City am Sande. Auch die Buslinie 5002 wird künftig großzügig um die Innenstadt herumgeführt. Ich weiß nicht, ob dies die City und die Geschäfte am Sande stärkt. Und die Pendler müssen zusätzlich umsteigen. Die Stadtbusse nach Hagen sollen nur noch alle halbe Stunde fahren. Eine elbquerende Buslinie von Lüneburg nach Bergedorf (im Rahmen des Elbmarschsternes), die von den anderen Landkreisen bereits fest durchgeplant wurde, ist im Plan gar nicht enthalten.
    Bei den o. g. Punkten sollte man auch mal die eigentlichen Fahrgäste befragen.

    • Karlheinz Fahrenwaldt

      Die Fahrgäste aus dem Osten des Landkreises, die in die Innenstadt wollen, müssen dann am ZOB umsteigen oder fußläufig die Innenstadt erreichen. Die Bewohner und Beschäftigten der Innenstadt haben auch ein Recht darauf, dass durch die engere Taktung der Busse nicht noch mehr Verekehr dieselbetriebener Busse das Gebiet mit noch mehr Feinstaub und Abgasen belastet!