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Sharon Alexander und Catharina Gardner (r.) gehören zu den Nachfahren vertriebener und ermordeter jüdischer Familien aus Lüneburg. Sie kamen Freitag zur Einweihung der neu gestalteten Synagogengedenkstätte. (Foto: phs)

Geschichte, die nicht vergeht

Lüneburg. „Es ist eine bildschöne Stadt, es ist schwer zu glauben, dass hier so furchtbare Sachen passiert sind“, sagt Reuwen Stern. Seine Familie hatte an der Bardowicker Straße 12 das Schuhhaus Baden-Behr geführt. Seiner Mutter Lisa gelang die Flucht aus Deutschland nach Israel; seine Großeltern Sally Baden und Lucie Baden-Behr kamen in Konzentrationslager. Der Großvater starb 1941 in Riga, seine Großmutter 1942 in Minsk. Sie waren Juden und fielen dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Reuwen Stern steht schmal an einer Tafel der Gedenkstätte, auf einer Bronzetafel stehen 24 Namen von ermordeten Juden aus Lüneburg. Der Ort am Platz der alten ­Synagoge mahnt: Staatlicher Terror und Mord dürfen sich nie wiederholen.

250 Gäste kamen am Freitag zum Schifferwall, um das Mahnmal einzuweihen, darunter auch Nachfahren der aus der Stadt vertriebenen und ermordeten Juden. Die Stadt und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit haben den Architekten Carl-Peter von Mansberg für den Entwurf gewonnen, Spenden gesammelt und vor allem für eine Sicht auf die oft verdrängte dunkle Lüneburger Geschichte geworben. Rund 240 000 Euro kamen zusammen, um den Bau rund um eine Stele aus den 1950er-Jahren zu errichten – würdevoll und sichtbar, nicht mehr wie zuvor versteckt hinter einer Hecke am verkehrsumtosten Platz. Die jüdische Gemeinde hatte ihr Haus dort 1938 unter Druck verkaufen müssen.

„Es ist ein Ort, der Geschichte sichtbar macht, der den Juden, die vertrieben wurden, einen Namen gibt“, sagte Oberbürgermeister Ulrich Mädge. „Die jüdische Gemeinde, die um die Jahrhundertwende 180 Mitglieder zählte, hatte 1937 nur 30 Mitglieder. Nur zwei Juden gelang es, den Krieg und die Verfolgung in ihrer Heimatstadt zu überleben.“

Mord mit bürokratischer Akribie

Präses Wilfried Haase von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft erinnerte an die Reichspogromnacht am 9. November 1938, sie sei der Auftakt für den Versuch gewesen, „mit bürokratischer Akribie“ das deutsche und europäische Judentum auszulöschen. Seit Jahren komme man, um an diesem Ort an den organisierten Mord zu erinnern. Dieses Mal sei es auch ein Tag der Freude, weil eben nun ein angemessener Ort entstanden sei. Haase nannte seine Vorgängerin, die erkrankte Ela Griepenkerl, die den Anstoß dafür gegeben habe. Auch Superintendentin Christine Schmid betonte, dass es nun einen „unübersehbaren Ort“ der Erinnerung gebe.

Der Rabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Jona Simon, sagte, es seien Klassenkameraden, Kollegen, Freunde gewesen, die gegen ihre jüdischen Nachbarn vorgegangen seien, auch wenn es „ein staatlicher Akt der Nationalsozialisten war“, Juden zu verfolgen, kam der Angriff aus der Gesellschaft. Nachfahren der Täter lebten bis heute in der Stadt: „Deshalb müssen Sie Ihren Kindern und Enkeln davon erzählen. Von der Synagoge, und warum sie nicht mehr steht. Erzählen hält Geschichte lebendig und kann dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholt.“

Reuwen Stern aus der Familie Baden-Behr zeigt auf die Namen seiner ermordeten Großeltern. (Foto: phs)

Sharon Alexander aus den USA hörte zu. Zwei Stolpersteine erinnern nur wenige Meter weiter daran, dass ihre Verwandten Max Marcus und Thekla Marcus in Auschwitz und Riga ermordet wurden. Sie hat einen differenzierten Blick: Sie lobt, dass die Deutschen sich anders als die Amerikaner, mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und aus Lüneburg Beziehungen zu jüdischen Familien gepflegt werden. Catharina Gardner ist mit der Familie Salomon Heinemann verwandt: Ja, das mag sein, sagt sie. Sie begrüße die Gedenkstätte, doch sie sagt auch, dass die Geschichte lange währt: „Es ist immer noch eine Stadt ohne Juden.“

Irith Wohl-Levys Großvater war Bankdirektor in Lüneburg Die Familie wanderte 1933 aus. Ihr Vater Gideon, an der Il­menau geboren, habe immer beklagt, dass man gehen musste, das Haus an der Schillerstraße verloren habe. Mit ihrem Mann hat sie lange in Frankfurt und Düsseldorf gelebt, bevor sie nach Israel zurückkehrte. Sie sagt: „In diesen Tagen, in denen der Antisemitismus um sich greift, setzt Lüneburg ein Zeichen.“

Ja, das sieht auch Reuwen Stern so, dessen Großeltern im KZ umkamen. Er freut sich, dass sich „viele Leute interessieren und sich einsetzen, dass es nicht wieder geschieht“. Aber eins kann er nicht: verzeihen. Dafür ist der Schmerz zu groß.

Von Carlo Eggeling