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Auswanderer
Gesa und Ulli Grätsch stehen in der Küche ihres Restaurants in Amelinghausen. Noch haben die beiden keinen Nachfolger für das Gasthaus gefunden. (Foto: t&w)

Sie wandern aus, um bei sich anzukommen

Amelinghausen. Es sind die Füße. Arthrose. Also auf den ersten Blick. Die schmerzen so sehr, dass Ulli Grätsch manchmal kaum noch stehen mag. Er schluckt Tabletten, um es auszuhalten. Koch ist ein harter körperlicher Job. Heiß, kalt. Immer auf den Beinen. Schleppen. Stress. In seinem Gasthaus in Amelinghausen hat er lange Tage. Alles ist anders auf Lanzarote. Auf die kanarische Insel im Atlantik vor Marokko wandert Grätsch mit seiner Frau Gesa aus. „Wenn ich ein paar Tage da bin, kann ich die Medikamente runtersetzen“, sagt er. Das ist das Körperliche. Das andere ist die Seele. Die fühlt sich dort leichter an.

Kanaren als Balsam für Seele und Leib

Auswandern ist für den 55-Jährigen fast ein therapeutischer Prozess. Bei Facebook schreibt er ein Tagebuch. Warum so öffentlich? „Es ist meine Art, alles zu verarbeiten“, sagt der wuchtige Mann, von dem man denkt, dass ihn nichts so schnell erschüttert. Es ist anders. Und das ist der zweite Blick.

Freunde und Bekannte können im Netz mitlesen, was ihn und seine Familie umtreibt. Eine Menge Auf und Abs. Zweimal glaubte das Ehepaar, ein Haus auf der Insel gefunden zu haben, zweimal kam im letzten Moment etwas dazwischen. Jetzt bauen sie mit Handwerkern einen Komplex um. Sie wollen in diesen Tagen einziehen. Leider ist der fest zugesagte Termin für die Lieferung von Fenster und Türen geplatzt. Auf die Genehmigung für einen Anbau müssen die beiden auch länger warten. Wieder einmal Krisenmanagement. Grätsch zuckt die Schultern: „Läuft, aber könnte besser laufen.“

Sie nehmen es hin. Und kämpfen. Gesa Grätsch strahlt, wenn sie von der Insel erzählt. Wie schön es dort ist. Das Klima so mild, die Menschen freundlich. Eigenes Gemüse und Obst in einem Garten, der einmal verwunschen aussehen wird. Deutsche, die dort leben und ihnen helfen. Es klingt nach einem greifbaren Glück. Ulli Grätsch sagt: „Das Leben ist auch auf den Kanaren kein Zuckerschlecken, aber die Leute nehmen‘s leichter.“

Jetzt springen die beiden zwischen zwei Leben. Sie müssen ihr Lokal und Hotel in Amelinghausen mit acht Mitarbeitern führen, sie müssen das Umbauprojekt begleiten. Das trennt. Gesa Grätsch hat ausgerechnet: „In diesem Jahr haben wir beide erst 20 Tage zusammen verbracht.“

Der November sollte der gemeinsame Monat werden. All ihre Sachen sind auf Lanzarote angekommen. Ihr Haus in Betzendorf haben sie verkauft. Die Vergangenheit, die die Zukunft begleiten soll, passt in einen Container. Aber noch lässt die Gegenwart sie nicht los.

Die beiden hatten einen Plan, wie sie ihr Gasthaus in Amelinghausen übergeben wollten samt einer Abstandssumme. Der Plan hat sich zerschlagen. Der ausgeguckte Nachfolger bekommt die Finanzierung nicht gestemmt. Jetzt suchen sie weiter. Interessenten haben sich gemeldet – ob es klappt, ist offen. Das haben sie schon erlebt. Zwei Leben hüben und drüben, um alles hinzubekommen.

Nackenschläge in Serie

Es bleibt ein Kampf. Wie schon so lange in Ulli Grätschs Leben. Hier liegt wohl der Hauptgrund für das Auswandern. Es klingt ein bisschen esoterisch, aber mancher kämpft lange, um bei sich anzukommen und in Frieden mit sich zu leben. Grätsch hat Koch in Lüneburgs legendären längst verschwundenen Hotel Wellenkamp gelernt. Er hat danach hier und da gekocht. Ging nach Betzendorf, um dort ein Tagungshaus zu übernehmen. Es lief nicht wie gedacht. „Zwischen 2002 und 2009 habe ich dann ein Dutzend Jobs gemacht. Versicherungen, Energiekostenberatung. Ich habe immer auf die Fresse bekommen.“

Er war ganz unten. „Mein Selbstbewusstsein war weg.“ Seine Frau „schleppt“ ihn zu einer Heilerin: „Ich war skeptisch. Kerzen, Glöckchen.“ Aus rationaler Sicht viel Hokuspokus, doch es hilft irgendwie. Ebenso wie ein Bekannter, der in dem vielen Dunkel ein paar Lebenslichter anzünden kann. Kein Zufall, das Grätsch anfängt zu boxen. Frust und Wut in den Sandsack schlagen. Er entdeckt das Kochen wieder und die Musik. Rocken mit seiner Band „Lehmann und Kowalski“.

Ausgebremst durch Arthrose

Gesa Grätsch arbeitet als Lehrerin, das bedeutet ein festen Einkommen. Das beruhigt, wenn man zwei Kinder hat. Grätsch macht eigene Läden auf, es passt nicht. Die beiden lassen sich nicht entmutigen. Ende 2013 haben sie die Chance, das Lokal in Amelinghausen zu übernehmen. „Wir haben uns Geld von Freunden geliehen, acht Wochen renoviert und losgelegt. Das ist unser Ding.“ 2016 die Diagnose: Arthrose. „Die Ärztin war sehr direkt.“ Wieder kämpfen. „Wir haben all unseren Mut zusammengenommen und entschieden, neu anzufangen.“

Dabei waren sie im Dorf angekommen: Das Lokal läuft, ist ein Teil der Dorfgemeinschaft. Landfrauen und Handwerker kommen zum Essen und Trinken, der Heidebock wird hier gewählt. Mehr geht für Zugewanderte nicht.

Trotzdem. Sie wollen gehen. Das tut weh. Das merken sie, als den beiden Jungs Malte (26) und Ole (23) der Abschied von ihrem Zuhause in Betzendorf nahe geht, auch wenn die Brüder längst ihr eigenes Leben leben. Wenn Ulli Grätsch sich von seiner Band verabschiedet, die unter anderem Namen weitermacht. Wenn man mit Freunden zusammensitzt und weiß, die sind bald weit weg.

Die beiden machen weiter. Im Laufe des kommenden Jahres geben sie das Lokal auf. Wie auch immer das geht. Lanzarote soll Heimat sein. In ihrem Haus und in einer riesigen Jurte vermieten sie Zimmer, sie bieten Essen für ausgewählte Gruppen an. „Mit meiner Altersvorsorge ist es ja nicht weither“, sagt Grätsch. Es wird sehr lange kein Leben ohne Arbeit, aber es wird eben anders. Wenn alles klappt, ruhiger und klarer. Wie das so ist, wenn man bei sich ankommt.

Von Carlo Eggeling