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Gewalt Rettungskräfte
Bereits im November 2017 berichteten die DRK-Rettungssanitäter Holger Grubbe (l.) und Lars Bähr von zunehmender Gewalt gegen Rettungskräfte. (Foto: Archiv/phs)

„Helfen, aber nicht um jeden Preis“

Lüneburg. Der Vorstandschef des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Niedersachsen fand deutliche Worte. „Die Hemmschwelle, Sanitäter zu beleidigen, ist erkennbar gesunken, nicht selten kommt es sogar zu Tätlichkeiten“, gab Ralf Selbach am Wochenende bei der Mitgliederversammlung des Landesverbandes in Hannover zu Protokoll (LZ berichtete). Eine Aussage, die viele DRK-Mitglieder im Landkreis Lüneburg kaum überraschen dürfte. Schon vor Jahresfrist hatte Lüneburgs DRK-Kreisverbandsgeschäftsführer Matthias seinen Mitgliedern über das zunehmende Aggressionspotenzial berichtet, mit dem sich Einsatzkräfte konfrontiert sehen.

Erst am vergangenen Sonnabend war die Besatzung eines DRK-Rettungswagens in der Lüneburger Altstadt von einem 25-Jährigen attackiert worden, der unter dem Einfluss von Alkohol und möglicherweise auch anderen Drogen stand. Der Mann hatte seine Helfer bespuckt und einer Rettungsassistentin in den Arm gebissen. Auf die veränderte Lage hat der DRK-Kreisverband Lüneburg längst reagiert, Deeskalationstrainings ebenso in das Ausbildungsprogramm der Mitarbeiter eingebaut wie Selbstverteidigungskurse.

Der eigene Schutz steht an erster Stelle

„Auch den Einsatz von Stichschutzwesten haben wir diskutiert, aber am Ende verworfen“, berichtet Körte. „Der Eigenschutz steht an erster Stelle. Wird es brenzlig, sollen unsere Mitarbeiter den Rückzug antreten.“ Auszuweichen sei der beste Schutz, „auch wenn dies zunächst nicht dazu passt, dass wir ja eigentlich helfen wollen“.

Bereits im vergangenen Jahr sagte DRK-Rettungsdienstleiter Christian Köller im Gespräch mit der LZ: „Zu helfen ist zwar unsere Aufgabe, aber nicht um jeden Preis. Die eigene Sicherheit geht vor.“ In den vergangenen Monaten hat sich die Lage aus Körtes Sicht zumindest im Landkreis Lüneburg ein wenig beruhigt. Abgesehen von dem Vorfall am Wochenende, „ist uns in der Geschäftsleitung kein aktueller Fall bekannt“.

Anders sieht die Situation beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) im Kreisverband Lüneburg aus. Insgesamt 14 tätliche Angriffe auf die Besatzungen von Rettungswagen im vergangenen Jahr hat der ASB um Geschäftsführer Harald Krefft dokumentiert. „Das sind Fälle, die die Besatzung als bedrohlich eingestuft hat“, sagt Krefft. Dabei waren es in der Regel aber nicht Außenstehende, sondern alkoholisierte Patienten, die gewalttätig wurden. So wie der 25-Jährige am vergangenen Sonnabend. Und noch etwas haben die ASB-Rettungssanitäter beobachtet. In 13 Fällen waren es Männer, die mit Gewalt auf die ihnen angebotene Hilfe reagierten.

Generell sagt Krefft. „Ganz klar: Die Aggressivität gegenüber Sanitätern nimmt zu.“ Und der ASB-Geschäftsführer ergänzt: „Das merkt man auch bei Einsatzfahrten. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Autofahrer Platz machen, wenn sich ein Einsatzfahrzeug mit Martinshorn und Blaulicht nähert. Viele ignorieren das.“ Vielmehr würden immer mehr Menschen sogar mit Unverständnis reagieren, wenn ihnen ein Rettungswagen im Einsatz den Weg versperrt.

Wenig bis gar keine Probleme mit aggressiven Mitmenschen haben bislang die Freiwilligen Feuerwehren in Stadt und Landkreis Lüneburg. „Der ehrenamtliche Feuerwehrmann hilft meist dort, wo er selbst Einwohner und bekannt ist, vor allem in den Dörfern“, sagt Lüneburgs Kreisbrandmeister Torsten Hensel.

Kein Fall von Gewalt gegen Feuerwehrleute

Aus dem Gebiet des Landkreises ist ihm kein einziger Fall Fall von Gewalt gegen Einsatzkräften bekannt, aus der Stadt Lüneburg sei lediglich die Rückmeldung „Bis auf verbale Attacken nichts Nennenswertes“ gekommen. Nur bei Sitzungen auf Landesebene in Hannover sei die steigende Aggressivität ab und an Thema. „Dann betrifft es aber die Berufsfeuerwehren, und dort meist die Rettungsdienste, die sich mit rabiaten Patienten auseinandersetzen müssen.“

Mit Blick auf die eigene Kreismitgliederversammlung am Mittwoch, 14. November, ab 15 Uhr im Restaurant Teichaue in Adendorf plagen DRK-Kreisgeschäftsführer Körte ganz andere Sorgen: „Ob Erzieherinnen, Pflegekräfte oder Rettungssanitäter, in allen Bereichen ist derzeit kein Personal zu bekommen.“

Von Malte Lühr und Dennis Thomas