Donnerstag , 19. September 2019
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Caro Miesner (l.) aus Hohenzethen im Landkreis Uelzen und Svenja Schierholz aus Scharnebeck sind vor wenigen Wochen bei der Mitgliederversammlung in den Vorstand der Grünen Jugend gewählt worden, als Sprecherin und als Schatzmeisterin. Foto: t&w

Ein kritischer Blick auf die „Alten“

Lüneburg/Uelzen. Wo zum Teufel ist der Hasen-Klee geblieben? Carolin Miesner steht auf der frisch sanierten Straße vor ihrer Haustür in Hohenzethen, einem kleinen Dorf an der Bundesstraße 191 auf halber Strecke zwischen Uelzen und Dannenberg. An den Straßenrändern wachsen auf einmal nicht mehr die vertrauten heimischen Blumen, das muntere Summen der Bienen ist Geschichte. Das war im Jahr 2015 – der Tag, an dem Carolin Miesner beschloss, der Natur eine Stimme zu geben. Kurzerhand bastelte die damals 18-Jährige Infotafeln, um im Dorf auf die Bedeutung von Wegeseitenräumen für die Insektenwelt hinzuweisen. Jetzt, drei Jahre später, ist sie Sprecherin der Grünen Jugend Niedersachsen.

Zusammen mit ihren regionalen Mitstreiterinnen, Schatzmeisterin Svenja Schierholz aus Scharnebeck und Beisitzerin Tomke Appeldorn aus Lüneburg, vertritt sie die Jugendorganisation seit diesem Herbst auf Landesebene. Sie debattieren, hinterfragen, protestieren – für den Umweltschutz, klar, aber noch so einiges mehr.

Carolin Miesner, seit fünf Wochen auch Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheit und Pflege, hat gerade einen Antrag zu ihrem „Herzensthema“ formuliert. Darin fordert die Grüne Jugend Niedersachsen eine dreijährige Ausbildung für Heilpraktiker. Für die Berufsbezeichnung lediglich einen Test absolvieren zu müssen, sei viel zu wenig, kritisiert die 22-Jährige.

Drang, Gesetze kritisch zu hinterfragen

Ihre Kollegin Svenja Schierholz derweil besetzt ein Thema, um das viele ihrer jungen Mitstreiter lieber einen Bogen machen: die Wirtschaftspolitik. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals nicht für Politik interessiert hätte“, sagt die 22-Jährige. Der Drang, Gesetze kritisch zu hinterfragen – während ihres Studiums der Finanzwirtschaft war der nicht unbedingt verlangt, hat Svenja Schierholz aber trotzdem ständig umgetrieben. „Die meisten lernen die Gesetze und wenden sie an, hinterfragen sie aber nicht weiter. Das hat mich teilweise mehr beschäftigt, als die Vorschrift an sich.“ Sie lacht. Bei der Lüneburger Ortsgruppe der Grünen Jugend habe sie vor zwei Jahren dann endlich einen Platz gefunden, wo genau diese Haltung mehr als willkommen ist.

Dabei beobachten die jungen Frauen durchaus auch die „Altgrünen“ mit kritischem Blick. Zu angepasst seien sie bisweilen, meint Carolin Miesner. Ein Beispiel: Die große Koalition will die Sprechzeiten für Kassenpatienten von bisher 20 auf 25 Stunden pro Woche ausweiten, damit die Versicherten schneller an Termine kommen. Carolin Miesner, selbst medizinische Fachangestellte bei einer Orthopädischen Praxis, findet: „Man könnte Jens Spahn durchaus einmal öfter sagen, dass das zwar im Grundsatz ganz nett ist, aber noch viel zu wenig.“

Einsatz macht sich bezahlt

15 Stunden pro Woche investiert Carolin Miesner neben ihrem Vollzeitjob in die Vorstandsarbeit: Mailverkehr, Organisation von Seminaren und Protestaktionen, einmal wöchentlich Telefonkonferenz, einmal im Monat Landesvorstandssitzung. Bis Ende des Jahres sind alle Wochenenden ausgebucht. „Es ist so wichtig, dass sich junge Menschen in die Politik einbringen, dass ihnen überhaupt ein Zugang ermöglicht wird“, erklärt Svenja Schierholz und Carolin Miesner nickt: „Dafür lohnt es sich, die Zeit zu investieren.“

Dass sich Einsatz bezahlt macht, hat sie schon vor Jahren in Uelzen erlebt. Dort gelang es ihr und einem weiteren Mitstreiter durch eifriges Werben über diverse Kanäle, der dortigen Ortsgruppe der Grünen Jugend wieder Leben einzuhauchen. Und wenn sie jetzt noch die Zeit findet, im Sommer durch ihren Heimatort Hohenzethen zu spazieren, entdeckt sie ihn wieder am Straßenrand: den Hasen-Klee.

Von Anna Petersen